STILLERS TOD - Jupiter

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VÖ: 04.09.2020
Bandinfo: STILLERS TOD
Genre: Atmospheric Black Metal
Label: Schattenpfade
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Lineup  |  Trackliste

Das kleine Label Schattenpfade bringt uns einmal mehr spannende Schwarzgemüse-Kost abseits des bekannteren Marktes. Die aus Konstanz stammende Avantgarde Black Metal Band STILLERS TOD beispielsweise, die für ihre bisherigen, sehr raren Veröffentlichungen, jeweils sehr viel Lob von der Fachpresse einheimsen konnte und die nun mit einem neuen (Konzept-)Werk auf Kunden-, beziehungsweise Hörerfang geht.

Es ist ein schillerndes, oft auch verwirrendes Konstrukt, das STILLERS TOD dem Hörer mit „Jupiter“ zumuten. Avantgardistisch ausladend und komplex, mit tief in der Psychoanalytik und Archetypen verwurzelten Lyrics über Eltern-Kind-Beziehungen, Persönlichkeitsentwicklung und Traumata, ist dieses Werk nicht gerade leichte Kost und fordert den Hörer mit stilistischen Wendungen und kompositorischen Fallstricken. Häufig kombinieren STILLERS TOD hierbei engelsgleiche Vocals, die man eher im Gothic-Bereich verorten würde, und opulente Orchestration zu breitwandigen elegischen Gitarrenläufen mit klassischer Black-Metal-Attitüde. Die konträren Stilmittel, die auch ruppige Thrash-Eruptionen und virtuose Soli umfassen, fügen sich in den abwechslungsreichen Titeln, wie schon dem Opener „Angstbeißer“, zu einem überraschend homogenen Ganzen zusammen.

Galoppierender Rhythmus und räudiges Riffing mit kernigen Blastbeat-Eruptionen nach einem zurückhaltenden Auftakt aus Akustikgitarren, vertont eines der wohl bekanntesten Gedichte deutscher Literatur, mit dem wohl jeder in seiner Schulzeit schon einmal (meinst unliebsame) Bekanntschaft gemacht hat. Die rasende und doch stimmungsvolle Schwarzmetall-Variante, die um avantgardistische Einbettungen bereichert wurde und vor allem von großartiger, wahnhaft-manischer Gesangsperformance lebt, repariert die früheren Erfahrungen mit dem „Erlkönig“ innerhalb kürzester Zeit.

„Rosmarin“ ist laut Promosheet portugiesischer Volksmusik entlehnt, was auf den ersten Blick als sonderbare Kombination erscheint, jedoch durch kluge Struktur, besonders feine musikalische Nuancen und sonoren, träumerisch anmutenden Klargesang seinen besonderen Schliff erhält. „Metamorphosen“ teilt das Album mit klassisch anmutender, traditionell wütender Black-Metal-Raserei mit der Axt in zwei Teile. Im Vergleich zur ansonsten feinen musikalischen Klinge von STILLERS TOD wirkt der rohe Titel besonders stumpf und ungeschliffen, vergleichbar mit einer rostigen Klinge, die einem hinterrücks in den Bauchraum getrieben wird, was ihm im Kontext des Albums eine unheimliche Durchschlagskraft verleiht, derer man sich nur schwer entziehen kann.

Weiter geht es mit dem offensichtlichsten Konzeptteil des Albums, der Himmelskörpersymphonie, die sich auf insgesamt vier Teile erstreckt, davon zwei stimmungsvolle Interluden mit Hebräischen Titeln und ebensolchem liturgischen Gesang: „החירז" („Zricha“) und „חריה תחירז" („Zrichat Yare‘ach“). Weiche Spannungsbögen und pumpender Rhythmus in „Mutter Sonne“ kreieren eine finstere, gar doomig-düstere Stimmung, die durch klagende Gesänge zusätzlich befeuert wird. Die fast sakrale Atmosphäre im über zehn Minuten spielenden Song wird von der Interlude gekonnt weitergetragen, dennoch kann „Mutter Sonne“ nicht ganz die Tiefe des noch Folgenden erreichen. „Vater Mond“ hat deutlich mehr Durchschlagskraft am Start; Turmhohe Gitarrenwände und die erneute Kombination aus gotisch anmutenden Chören und heiserem Schwarzmetall-Gehuste gibt den letzten Schliff. Ein abwechslungsreicher Stimmungsbogen führt durch den zweitlängsten Titel des Albums, der im Mittelteil mit zerbrechlichem Sopran aufwarten kann und die Platte mit dezenten, doch emotionalen Pianoklängen ausleitet.

„Jupiter“ braucht Zeit, um sich dem Hörer zu erschließen und wird vermutlich mehr die Schöngeister der dunklen Musik und die Verehrer der künstlerischen und bis zu einem gewissen Grad auch affektierten Kost ansprechen – aber dafür bekommt man auch vom liebevoll gestalteten Artwork bis hin zum hintergründigen kompositorischen Geschick einiges geboten.

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Anthalerero (29.10.2020)

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