DIE ÄRZTE - Hell

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VÖ: 23.10.2020
Bandinfo: DIE ÄRZTE
Genre: Punk Rock
Label: Hot Action Records
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Lineup  |  Trackliste

Wenn ich über DIE ÄRZTE rede, driftet das Ganze nicht selten in eine Art Pannen-Clipshow über meine eigene bescheidene Autobiographie ab. Für die zwanzig Jahre jüngere Version meines Spiegelbilds waren die Berliner stets ein unerschöpflicher Quell blödsinniger Zitate, gleichwertige Allgemeinbildungs-Quelle zu den unfehlbaren Simpsons, Inspiration zu nächtlichen "gute Nacht, wir sind die Ärsche"-Anrufen...und selbstverständlich waren auch meine ersten kläglichen Gehversuche auf der Gitarre eine unfachmännische Hommage an "Schrei nach Liebe". Lang ist's her...und ehe man sich versieht, ist das großartige "Geräusch"-Doppelalbum schon ganze siebzehn (!) Jahre alt und DIE ÄRZTE auf dem damaligen Cover wirken kaum älter, als man heute selbst ist. Die Zeit rennt und wie viele andere Bands dieser turbulenten Tage gerieten auch Farin Urlaub und Co. mit den Jahren aus meinem Fokus. Vielleicht lag es daran, dass mich die beiden Folgewerke "Jazz ist anders" und "auch" nicht so vollends überzeugen konnten wir ihr zweiteiliger Vorgänger. Dazu wurde es zwischenzeitlich ruhig um die Band und man fragte sich zuweilen, ob es das lustige Trio überhaupt noch gibt...

August 2020 – während sich der Sommer eines absonderlichen Jahres dem Ende zuneigt, verkündet eine der erfolgreichsten Kapellen des deutschen Punkrock ihre Wiederkehr. "Hell" over Berlin, Bielefeld and the world! Geben wir diesem neuen Opus trotz subtiler Vorbehalte eine Chance? Ja ist der Papst katholisch oder ist das noch Punkrock?! Selbstverfreilich lassen wir uns den neuesten Streich der ÄRZTE nicht entgehen! Wobei...was war eigentlich das Problem an "Jazz ist anders" oder "auch"? "Lasse redn", das "Lied vom Scheitern", und mein persönlicher Geheimfavorit "Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)" auf der einen - "Cpt. Metal", das lustige "Waldspaziergang mit Folgen" und natürlich der Dekadenhit "zeiDverschwÄndung" auf der anderen Seite – arm an gutem Stoff waren die beiden Alben wahrlich nicht. Aber neben den zugegebenermaßen zahlreichen starken Nummern gab es auch eine Reihe mehr oder weniger herber Ausfälle wie "Die ewige Maitresse", "Miststück" oder "Die Hard", die besagte Werke zu einem eher löchrigen Vergnügen machten.

Nicht immer konnte jeder Gag zünden und auch die berühmten ÄRZTE-Reime wirkten manchmal (aber nur manchmal) mehr gequält als gekonnt. Und nun? Wie es aussieht, stehen die Zeichen nach den ersten Songs tatsächlich auf Versöhnung. Das elektronisch-poppige Intro "E.V.J.M.F." sorgt dabei indes für Verwirrung – haben sich die DIE ÄRZTE in den letzten acht Jahren etwa derart gravierend verändert? Haben die Bestien in Menschengestalt nun vollends den Verstand verloren und singen fortan permanent durch diesen unsäglichen CHER-Effekt-Verzerrer? Wohl kaum - denn wenn dem so wäre, würden die Herren wohl kaum eine derart überladene und rumpelrhythmische Parodie eines Popsongs auf ihrer Platte parken. Und nach diesem kleinen Fallstrick eröffnet der standesgemäße Punkrocker "Plan B" und zeigt, wo das Pferd die Hufe hat. Die Vorabsingle "Morgens Pauken" taucht noch tiefer in den Punk ein - tiefer, als es DIE ÄRZTE seit langem oder überhaupt jemals getan haben. Natürlich fehlt dieser Nummer, die im Hauptriff markant an SLIMEs "Brüllen, zertrümmern und weg" erinnert, keineswegs der typische Witz eines ÄRZTE-Songs und lässt das eine oder andere Mal herzhaft lachen, wenn man hört, was man so alles "verpunken" kann. Ach ja, und "Wölfi zieht Blank"...keine Angst, das muss so sein!

Mit dieser Nummer und der Oi!-Hommage "Alle auf Brille" zeigen DIE ÄRZTE, die ja ohnehin für ihre authentische Interpretation verschiedenster Musikstile bekannt sind, dass sie auch äußerst glaubwürdig in den Untiefen des Bunthaar-Kosmos wühlen können (ja, das IST noch Punkrock). Fernab dieser persiflierend rotzigen Stücke finden sich auf "Hell" viele deutliche Einflüsse aus dem FARIN-URLAUB-Solo-Universum. Bspw. "Das letzte Lied des Sommers" - eine aus dem Berufsverkehr herausgesungene Sehnsuchtsbekundung an "Sonne, Sand und Meer" und das wahrscheinlich am meisten verwandte Motiv neben 1.000 Arten, einer Frau verlustig zu gehen. Das Stück verbindet Heiterkeit mit Schwermut und reduziert die Quintessenz des Texts in typischer ÄRZTE-Manier mit Umweg übers Speiseeis auf den Geschlechtsverkehr.

Es ist schön, dass DIE ÄRZTE ihren typischen Humor bis heute nicht verlernt haben - so wird aus Bela B., der sich einst mit seinem Bier verkrachte und kurzerhand wieder versöhnte, der Mann, der "Einmal ein Bier" war. Ebenso das lustige "Warum spricht niemand über Gitarristen?", das vordergründig die Überpräsenz von YouTube-Influencern, "Bejonze" und Co. zu Lasten des gemeinen Gitarristen anprangert, aber sich am Ende doch wieder selbst auf die Schippe nimmt. Oder "True Romance", das die Einsamkeit der Digital Natives und Tech-Addicts so genial unterhaltsam durch den Kakao zieht, wie es eben keine andere Band der Welt kann. Herrlicher Blödsinn, der anno 2020 weder plump noch verkrampft daherkommt und manchmal sogar pädagogischen Wert offenbart. Das bisschen Alter, das man der Band dann trotzdem anmerkt, manifestiert sich in gereiften Texten wie in "Clown aus dem Hospiz", "Ich, am Strand" (dem Zeitraffer einer Autobiographie mit unerwartetem Twist in den Abgrund) und einigen geschickt und bissig platzierten Zeilen wie "aber ich denke, dass eine Mutter in Aleppo sich auch ganz gern mal langweilen würde?!!" im Song "Achtung: Bielefeld".

Nicht schlecht, Herr Specht! Bis zur Halbzeit und darüber hinaus schreit "Hell" gewaltig nach Hammeralbum. Allenfalls im letzten Drittel erweisen sich "Polyester" (trotz seines so aktuellen wie angebrachten Texts) und "Fexxo Cigol" als Dämpfer...was aber bei achtzehn Tracks kaum mehr ins Gewicht fällt. Dafür heben sich DIE ÄRZTE mit "Liebe gegen Rechts", "Alle auf Brille", "Thor" und dem famosen "Woodburger" ein kleines Hit-Feuerwerk fürs Finale auf. Es bleibt also dabei – das Album-Comeback der Berliner Institution ist rundum gelungen und kommt keinen Tag zu spät. Au contraire darf man auf so ein gut gereiftes Album auch mal etwas länger warten. Ein heißer Anwärter auf den begehrten Titel "Punkrockmeister aller (Alters-)Klassen", der sich mit den Kollegen von DRITTE WAHL und der TERRORGRUPPE aufs Treppchen stellen darf. Die Reihenfolge ist eigentlich egal, und das nicht nur, weil Farin Urlaub eh auf jeder Stufe der Größte ist.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (27.10.2020)

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