AUÐN - Vökudraumsins Fangi

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VÖ: 30.10.2020
Bandinfo: AUÐN
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Die Tage werden kürzer und nach dem Ende des Indian Summer zeigt der Herbst sein tristes, kaltes, graues Gesicht. Die beste Zeit also für ein neues AUÐN Album. Die Isländer präsentieren uns ihr mittlerweile drittes Langeisen und im Prinzip hat sich auf "Vökudraumsins Fangi" nicht viel geändert, im Vergleich zum Vorgänger "Farvegir Fyrndar" aus dem Jahr 2017. AUÐN spielen atmosphärischen (Post) Black Metal. Aber AUÐN sind anders. Anders in ihrer Musik, anders in ihrer Präsentation. Jeder, der das Sextett schon einmal live erlebt hat, weiß, was ich meine. Der starke Kontrast zwischen musikalischer urgewaltiger Aggression und anzugtragenden Musikern könnte größer nicht sein.

Und auch die Musik von AUÐN selbst beinhaltet einen immensen Kontrast - zwischen an Raserei grenzender Aggressivität und tiefster Melancholie. Allerdings einer Melancholie, die AUÐN wiederum extrem von ihren Artgenossen und Genrekollegen unterscheidet. Diese Melancholie ist nicht verträumt, sondern verzweifelt und schmerzerfüllt. Denn die Flammen des musikalischen AUÐN-Feuers lodern nicht rotgelb, wärmend und lebenspendend. AUÐNs Flammen schießen in grellem Blauweiß in den nördlichen Himmel und verursachen nichts als klirrenden Frost.

"Vökudraumsins Fangi" - "Gefangen im Tagtraum", der Titel des neuen Albums trifft mitten ins Schwarze. Lässt man sich auf die zehn Stücke ein, ist man in der Tat von der ersten bis zur letzten Sekunde gefangen vom einzigartigen Sound und der unverkennbaren Klangwelt des sechsköpfigen Black Metal Orchesters aus der 2600-Seelen-Gemeinde Hveragerði etwas östlich von Reykjavík.

Die Musik von AUÐN nimmt den Hörer mit sich, fesselt ihn und schließt ihn ein, in einem Kerker hoffnungsloser Tristesse. Dabei fahren die Gefühle unaufhörlich Achterbahn. Eben noch puschen die mit pfeilschnellen Blastbeats unterlegten Raserei-Parts das Gehirn an den Rand des Wahnsinns, während das Blut zu kochen beginnt, nur um in der nächsten Sekunde den Geist des Hörers in der bodenlosen Tiefe eines gigantischen Ozeans der Verzweiflung zu ertränken. Die hierbei verwendeten Melodiebögen und Harmonien sind zwar immer wieder einschmeichelnd und verlockend, doch bleiben sie stets kalt und unnahbar.

Die unglaublichen Shouts vom charismatischen Frontmann Hjalti Sveinsson tun ihr Übriges, den Schmerz und die Bitterkeit von AUÐNs Musik spürbar zu machen. Hjalti keift, schreit und leidet sich regelrecht physisch durch die zehn Tracks und nimmt dem Hörer jegliche Form von Hoffnung. 

Fazit:

AUÐN führen ihren auf den beiden Vorgängeralben eingeschlagenen Kurs unbeirrt fort und haben dabei noch einmal eine weitere Stufe auf der Qualitätsleiter erklommen. "Vökudraumsins Fangi" passt perfekt zum Herbst, allerdings eben zu seiner kalten, tristen und trostlosen Seite. Hat man die neue Scheibe bis zum Ende durchgehört, fühlt man sich nicht behaglich von einer verträumten Melancholie durchströmt. Vielmehr ist man erschöpft, fühlt sich müde und auf eine gewisse Weise auch leer. Und doch ist man gleichzeitig von einer regelrechten Sucht befallen, sich den Klängen der Hoffnungslosigkeit sofort erneut und bedingungslos hinzugeben. Bis die Seele zerbricht...



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (02.11.2020)

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