MRTVI - Omniscient Hallucinatory Delusion

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VÖ: 06.11.2020
Bandinfo: MRTVI
Genre: Experimental Metal
Label: Transcending Obscurity
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Lineup  |  Trackliste

Du wolltest dich schon immer mal darin versuchen, in einem Jumpsuit aus Leberwurst durch ein Löwengehege zu pogen? Sex mit Möbelstücken als neuesten Schrei in der geheimen Tindergruppe von IKEA ausprobieren? Ab welchem Tempo bist du zu schnell für die Blitzersäule? Wie viel Black Metal verträgt die heilige Sonntagsmesse? Wenn du auf all diese Fragen eine Antwort suchst oder vielleicht sogar schon kennst, dann bist du entweder vollkommen durchgeknallt oder aber...experimentierfreudig! Damjan Stefanović ist MRTVI und MRTVI ist genau das Richtige für Experimentierfreudige. "Experimental Black Metal" ohne Skrupel und Scheuklappen, das Feuerzeug im Benzintank des Vatikan, das vegane Schnitzel im Steakhaus, die MP3-Datei im Plattenladen.

"Omniscient Hallucinatory Delusion" ist der dritte Frontalangriff des Einzelkämpfers und walzt das surreale Erlebnis auf eine knappe Stunde Laufzeit aus und ist ein gutes Beispiel dafür, dass Genie und Wahnsinn oft dicht beisammen liegen. Und auch dafür, dass der klassischen Onemanshow manchmal der kritische Impuls eines Gruppengefüges guttun würde.

Von "Genie und Wahnsinn" kann man z.B. im Hinblick auf "Living In Repetition" oder "Cycles Of Suffering" sprechen. Bei Erstgenanntem infiltrieren halluzinogene BM-Injektionen die Hirnwindungen, zerspanen die Synapsen, lassen den inneren Klapsmühlenbewohner laut schreien. Diesen parapsychologischen Trip kann man als "open-minded Metalhead" ertragen und vielleicht sogar genießen. "Cycles Of Suffering" zügelt das Chaos, für die Verhältnisse des Albums grassiert sogar die Ordnung - und schafft damit Raum für hypnotische Momente. Auch an dieser Stelle kann man dem Konstrukt etwas abgewinnen.

Aber MRTVI hat mehrere Gesichter...und manchmal glaubt man dabei, KNORKATOR versuchten sich an einer möglichst lachhaften und befremdlichen Parodie auf Black Metal. In "Mass Hallucination" werden ohne Rücksicht auf Verluste Instrumente gequält, "Exercise In Mistakes" ist eine infernale Ansammlung von Störgeräuschen, "Cosmocide" überlagert eine solche mit "Utz-Utz-Beats" aus der Dose und bei "Perceived Entirety" scheinen die Erbsensuppenkonserven in der heimischen Speisekammer vollgedröhnt mit dem Schinken zu tanzen. Mein lieber Herr Gesangsverein, in manchen Songs rumpelt und pumpelt es scheinbar so sinn- und taktlos vor sich hin, dass man davon verrückt wird. Rhythmus? Takt? Menschenrechte? Das hier ist wirklich starker Tobak, bei dem man mit Fug und Recht fragen darf: "ist das Kunst oder kann das weg?"

Krawall im Besenschrank, Topfschlagen auf LSD, ein ungezügeltes Ausleben von Schizophrenie, bei dem alle jene Persönlichkeiten, die man sonst nur dem Seelenklempner seines Vertrauens offenbart, endlich mal nach Lust und Laune ihren Fetisch ausleben dürfen. MRTVI kann man auf vielerlei Arten beschreiben...und das Einzige, was hier nicht völlig verstörend ist, ist der geübte BM-Krächzgesang. Den aber, so fair muss man sein, beherrscht inzwischen auch jeder zweite Szenegänger (und womöglich eine Dunkelziffer der niederträchtigsten Krähen). Wie aber soll man einen derart unkonventionellen und psychoaktiven Klangpudding bewerten? Eine Null für eine Ansammlung sinnlosen Geklimpers auf Musikinstrumenten und Haushaltsgegenständen? Eine Fünf für ein einzigartiges Erlebnis der surrealen Art? Ein beliebiges Ergebnis dazwischen? Alles ist möglich und die meisten denkbaren Varianten werden wahr sein. Außerdem besprechen wir in unserer Funktion als Musikredakteure Musik...und alleine deswegen drängt sich schon die Frage danach auf, ob wir als solche für ein Konstrukt wie MRTVI überhaupt noch zuständig oder qualifiziert sind. Aus diesem wohlüberlegten Grunde distanziere ich mich an dieser Stelle von einem finalen Votum und überlasse die Zahlenfindung einem jeden Hörer selbst.


Epilog: Nach diesem Album brauche ich dringend ein MRT (ohne "VI") - um sicherzugehen, dass meine grauen Zellen noch intakt sind...oder zumindest nicht mehr kaputt als sonst.



Ohne Bewertung
Autor: Lord Seriousface (03.11.2020)

WERBUNG: Hard
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