DRACONIAN - Under A Godless Veil

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VÖ: 30.10.2020
Bandinfo: DRACONIAN
Genre: Doom Metal
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste

Als ob sie einer leisen Vorahnung horchten, veröffentlichten PARADISE LOST und MY DYING BRIDE ausgerechnet im aktuellen Seuchenjahr großartige Werke, die sich nachhaltig im Gedächtnis durchsetzen konnten. Ja, selbst KATATONIAs "City Burials" wuchs im Anschluss an meine Rezension merklich und erwies sich in Zeiten von Isolation bzw. sozialer Distanz, die selbst einem Eigenbrötler wie mir irgendwann zu schaffen machten, als valides, linderndes Therapeutikum gegen erhöhte Reizbarkeit und überschüssige Schwermut. Dass DRACONIAN ihre neueste Kreation "Under A Godless Veil" also indirekt in den Oktober verschieben würden, war natürlich prognostizierbar, nach fünf Jahren Wartezeit seit "Sovran" allerdings auch ein wenig enttäuschend. Nichtsdestotrotz lassen sich manche Gegebenheiten nunmal nicht verändern und irgendwie ist es auch nur passend, dass die den dunkleren Klangkünsten verfallene Hörgemeinde nun rechtzeitig zu Herbst, Winter und weiteren Lockdowns in ein Album versinken kann, das mit einer anmutigen Finsternis den Alltag beiseite wischt.

Selbstverständlich habe ich damit meinem Fazit zu "Under A Godless Veil" zumindest teilweise vorgegriffen, aber es wäre auch unwahrscheinlich zwecklos, sich in endlosen Schachtelsätzen zu verlieren, wo doch die ganze Klasse der Schweden bereits frühzeitig förmlich aus dem Opener "Sorrow Of Sophia" bricht und dabei umgehend fasziniert, wenn sich die melancholischen Streicher aus dem grauen Himmelszelt ergießen und von Heike Langhans' phänomenaler Stimme sowie den gewaltigen Gitarrenharmonien umgarnt werden. Oder wenn sich Anders Jacobsson im anschließenden "The Sacrificial Flame" mit donnernd-klagendem Growling über den schleppenden Doom-Rhythmen erhebt und dadurch kurzzeitig das fragile Fundament erbebt. In diesem Subgenre habe ich 2020 kein Album gehört, das mich trotz seiner finsteren Stimmung so rasch gefesselt und begeistert hat - vieles entwickelte sich erst mit der Zeit.

Diese Zeit ist es zweifelsohne auch, die man "Under A Godless Veil" durchgängig anhört. Dabei sind DRACONIAN, obschon sie unverwechselbar nach sich selbst klingen, augenscheinlich nicht mit dem Ziel, einfach ein weiteres Werk mit bekannten Schemata zu vollenden, in das Studio gezogen, sondern hatten wohl den Anspruch, ein regelrechtes Vermächtnis einzufangen. Die charakteristischen Elemente werden nicht abgearbeitet, sondern instinktiv verwoben, weswegen "Under A Godless Veil" auch sehr viele bedachte, atmosphärische Songs und Passagen anbietet, die nicht aus Zwang von brodelnden Gitarrenriffs oder harschen Vocals überwuchert werden, sondern ihre volle Intensität entfalten dürfen ("Sleepwalkers", "Burial Fields" und "The Sethian"). DRACONIAN bewegen sich damit zwar immer noch an der 60-minütigen Spielzeit, agieren aber wesentlich aufgeräumter und fokussierter, was einerseits deutlich mehr Höhepunkte produziert ("Night Visitor" ist beispielsweise zutiefst ergreifend), andererseits aber eine weitaus wichtigere Eigenschaft hinzufügt: Dramaturgie. Ja, "Under A Godless Veil" erfordert Aufmerksamkeit und listet mit "Moon Over Sabaoth" ein unauffälligeres Stück. Aber man spürt bis zum fantastischen Finale "Ascend Into Darkness" immer wieder die Zuversicht, dass noch eine packende Melodie, noch ein brillantes Gesangsduell, noch ein entschleunigendes, zartes Keyboard-Interlude folgen könnten - und wird nie enttäuscht.

Damit ist DRACONIAN nicht nur ihr bestes Album seit "The Burning Halo" gelungen, sondern auch eine der besten Veröffentlichungen des Jahres 2020; kompositorisch ist "Under A Godless Veil" womöglich sogar das beste in der Diskografie, weil die Schweden hierauf eine Musikalität aus ihrem Songwriting extrahieren und so konzentrieren konnten, dass man trotz aller Trostlosigkeit immer wieder eintauchen und vom Spannungsbogen belohnt werden möchte. Somit ist das Quintett heuer auf einer Stufe mit den großen Namen der Szene und beendet die Wartezeit mit einem grandiosen Output mit hohem Wiederspielwert. Und wem das noch nicht genug ist, darf dann auch noch auf den nahenden Releasetermin von LIGHT FIELD REVERIEs Debütalbum "Another World" herbseisehnen, denn dabei handelt es sich um Heike Langhans' neuestes Space-Projekt zwischen Post-Metal und sphärischer Electronica. Ihr könnt mir später danken.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (08.11.2020)

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