GHØSTKID - Ghøstkid

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VÖ: 13.11.2020
Bandinfo: GHØSTKID
Genre: Metalcore
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Hunderttausende Fans werden wohl einen kurzzeitigen Schock erlitten haben, als ESKIMO CALLBOY und Frontmann Sebastian "Sushi" Biesler bekannt gaben in Zukunft getrennte Wege zu gehen. Obschon Sushi selbst sagte, dass dieser Wunsch schon seit längerer Zeit in seinem Hinterkopf herumschwirrte, kam dann doch alles etwas plötzlich. Klar war aber auch sofort nach dieser herzzerreißenden Nachricht schon, dass es nicht lange dauern wird, bis man wieder etwas von dem Gelsenkirchener hört. Fast schon im selben Atemzug kündigte Sushi sein Soloprojekt GHØSTKID an, was natürlich den Verdacht erhärtet, dass es ihm unter den Fingernägeln brennt wieder vor dem Mikrofon zu stehen, doch dieses Mal sogar in hartbesaiteter Unterstützung in Form seiner E-Gitarre. Während die meisten Meschen nach einer Trennung von einer Kneipe in die Nächste fallen und von einem unüberlegten Anruf auf den nächsten einsamen Abend stolpern, haben sich ESKIMO CALLBOY auf ihre Vergangenheit zurückbesonnen und verbreiten mit Songs wie "Hypa Hypa" und der Neuauflage des Tracks "MC Thunder" asoziale Partystimmung der höchsten Güte.

Auch Sushi hat sich auf die Reise nach seinen musikalischen Anfängen gemacht und den Weg zurück zur Gitarre gefunden, die seine Laufbahn überhaupt erst einläutete. Zu seinem Projekt kamen dann noch Stanislaw Czywil und Danny Güldener von der befreundeten Band TO THE RATS AND THE WOLVES, deren ehemaliger Sänger Nico Sallach jetzt neben Kevin Ratajczak für ESKIMO CALLBOY am Mikrofon steht. Neben den Genannten, finden sich auch weitere unfassbar versierte Musiker auf dem Album, darunter Marcus Bischoff von HEAVEN SHALL BURN und Mille Petrozza von KREATOR. Doch auch dem Musikbranchen-Primus Hip-Hop/Rap wird Tribut gezollt und dies in Person von Timi Hendrix von TRAILERPARK, sowie Johnny 3 Tears von HOLLYWOOD UNDEAD. So warten wir sehnsüchtig auf das erste Studioalbum, welches dieser Fusion entspringt und vergnügen uns bis dahin mit den vier bzw. fünf Singleauskopplungen, die schon unfassbar Bock auf mehr machen. Allein die Videos sind schon so vielversprechend, dass man sofort merkt, wie viel Lust Sushi auf sein Soloprojekt hat, sonst würde man sich wohl kaum bei brennenden 30°C in einen eigens gebastelten Raumfahranzug zwängen und durch dystopisch anmutende Kiesbetten stapfen. Die Maskenpflicht derzeit nimmt Sushi auf jeden Fall ernst, denn nicht nur als Astronaut muss er einige Stunden in der Maske gesessen haben, auch als Jesus und sogar als wasserstoffblonde Dame macht er in den Musikvideos eine gute Figur. Nun aber zu der Musik.

Schon recht früh und spätestens nach Release des Songs "START A FIGHT" war klar, dass die Musik GHØSTKIDs in eine wirklich aggressive düstere Richtung gehen wird, nicht zuletzt auch die veröffentlichten Promobilder unterstreichen dies eindrucksvoll. Stellt euch auf eine Reise durch die Emotionen Hass, Wut und Verzweiflung ein, denn obgleich all diese Gefühle zunächst etwas Negatives zu bedeuten scheinen, kommt ihnen nicht die Ästhetik der Melancholie abhanden, die sich vor allem in den Stücken "SHARKS" und "CØLD WØRLD" ganz offen als Kehrseite der Medaille präsentiert. Der Opener "FØØL" macht aber erst mal Eines und zwar Dampf, aber ordentlich. Ach wie hat man es vermisst Sushi schreien zu hören. Eine Wohltat für jeden Fan und vom cleanen Gesang braucht man gar nicht erst anfangen, der sitzt wie immer punktgenau. Die Chöre zu Beginn und im Refrain passen genau auf den Track und auch der Rest der Soundkulisse macht die Ansage, dass es hier nichts Geringeres zu erwarten gibt als Metalcore und das State of the Art. Außerdem lässt sich hier heraushören, welche musikalischen Einflüsse wichtig für die Stilfindung von Sushi gewesen sein müssen, denn gerade in den Strophen klingt ein wenig MARILYN MANSON durch. 

Gefolgt wird dieser kometenhafte Einstieg von der ersten Singleauskopplung "START A FIGHT". Der sich dadurch auszeichnet, dass jede Strophe den Refrain und somit auch die geschrieenen Parts, genau so lange herauszögert, wie der Hörer bereit ist auf das ihn überrollende Soundgewitter zu warten. "START A FIGHT" ist einfach ideal als Single, da der Song genau zeigt, wie hart GHØSTKID klingen möchte und vor allem ist er ein Aushängeschild für Sushis Stimmfarbe. Damit niemand der im Titel implizierten Aufforderung nachkommt, wird mit dem schon angesprochenen melancholischeren Stück "SHARKS" das aufgeheizte Gemüt etwas beruhigt. Summende Synthesizer, ein warmer Basslauf und eine ruhigere Stimmung tragen zu einem atmosphärischen Soundbild bei, welchem man sich nur schwer entziehen kann. Fans des letzten Albums von ESKIMO CALLBOY werden sich schnell mit dem Song "DRTY" identifizieren können, dessen Refrain sich schon bekannt anfühlt, wenn man ihn zum ersten Mal hört, allerdings würden auch DOOM-Fans, gemeint ist das Video-Game, sich zügig von einigen Passagen in den Bann ziehen lassen. 

Der in doppelter Ausführung vorhandene Track "THIS IS NØT HØLLYWØØD" der zunächst ein Feature mit Timi Hendrix enthält, welcher tatsächlich sehr gut in den Song passt, gerade weil der Track, untypisch für TRAILERPARK, sehr ernst ist, wartet damit auf, dass der amerikanische Traum eben nur ein Traum sein kann, der sich für die Meisten nicht erfüllen wird. Das Rap-Feature passt gerade bei dieser Aussage der Lyrics unfassbar gut zu dem Lied und auch die zweite Version mit Johnny 3 Tears von HOLLYWOOD UNDEAD überzeugt auf diese Weise voll und ganz. Holy Jesus, das Ende des Songs knallt. "YØU & I" ist die frischeste Singleauskopplung und die spooky anmutenden Synthesizer, sowie die wummernden Gitarren, die unglaublich klaren Drumsounds und allen voran der mitziehende Gesang, machen auch diesen Song stark. Zudem sei das Musikvideo empfohlen, in dem Sushi sowohl einen Mann als auch eine Frau verkörpert, schelmische Trolle würden hier anmerken, dass man das zu ESKIMO CALLBOY Anfängen ohnehin nicht unterscheiden konnte. Seriöse Hörer genießen einfach weiterhin die Atmosphäre des Albums, welches alles andere als zimperlich mit dem Brecher "SUPERNØVA" fortfährt. Dieser Song muss auf voller Lautstärke gehört werden. Marcus Bischoff und Sushi liefern sich ein eindrucksvolles Schreiduell, der Hörer/die Hörerin beginnt gleichsam mit dem Kopf zu nicken. Während eben diesem Kopfnicken wird einem auf einmal fröstelnd kalt und das obwohl hier im Video schon im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuer abgebrannt wird, welches auch den Hörer anzündet. Doch dieser Funke produziert eine so unfassbare Gänsehaut, dass einem der Schädel raucht, während der Rücken einfriert. Man verlange ein Live-Feature dieser beiden Künstler und das so schnell wie möglich. 

Dem Schreiduell folgt mit "CRØWN" und dem mitwirkenden Mille Petrozza ein Schreiduett, welches nicht mindergewaltig nach vorne geht. Anschließend muss nach dem ganzen Geschrei auch wieder etwas Ruhe einkehren und "CØLD WØRLD" bringt jene Ruhe mit sich. Die gedoppelte Stimme schwimmt wunderbar mit den Streichern und dem Piano durch die, von den vorherigen Soundgewittern aufgeschäumten, Wellen. Der Gesang ist gleichsam klar und kratzig, der Druck in der Stimme macht dieses Stück gerade wegen der durchklingenden Trauer berührend düster. Doch genug geruht, Null Zeit für Faulheit und rein in den Song  "ZERO" , welcher zu Beginn klingt wie THE WEEKEND, aber recht schnell in eine deutlich lautere Richtung um(sich)schlägt. Der Refrain bleibt allerdings wieder eingängig und brennt sich in das Hirnareal, was ein jeder von uns besitzt, um sich alle gehörten Songtexte zu merken. Zum Schluss gibts nochmal das Stück "THIS IS NØT HØLLYWØØD" aufs Ohr, diesmal aber, wie schon gesagt, mit HOLLYWOOD UNDEAD Mann Johnny 3 Tears zusammen. 

Was bleibt jetzt noch zu sagen außer, dass es vermutlich die beste Entscheidung war, die Sushi hätte treffen können, seinem Herzen zu folgen und dieses Soloprojekt auf die Beine zu stellen. Die Platte macht richtig Spaß und hört sich so schön frisch und on point an, dass hier allen Mitwirkenden nochmal ein Dank ausgesprochen werden soll. Ja auch meine Wenigkeit als kleiner Schreiberling kann sich dieser Musik nicht entziehen, zu gut gefällt mir der Sound und zu sympathisch ist mir Sushi selbst, als dass ich dieses Album nicht mögen könnte. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Joel Feldkamp (08.11.2020)

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