ÆOLIAN - The Negationist

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VÖ: 20.11.2020
Bandinfo: ÆOLIAN
Genre: Melodic Death Metal
Label: Black Lion Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Melodeath von Malle!? Nee, is klar. Das ist wohl der letztnötige Beweis dafür, dass das Jahr 2020 einfach alles hervorbringen kann. Selbst spanischen Melodeath von der Schlagerhochburg und Deutschland-Exklave Mallorca. Vielleicht haben sich vor Jahren auch ein paar abenteuerlustige Wikinger statt Richtung Nordamerika, gen Süden aufgemacht und sind auf die Balearen gestoßen. Ist wohl besseres Wetter dort, also warum nicht einfach bleiben? Statt Met und Rufchören, die laut "VALHALLA!!!" schreien ist man von Mallorca doch eher Sangria und Ballermann 6 gewohnt. Aber zurück zur Band. ÆOLIAN thematisieren in ihrem neuen Album die verschwenderische Mentalität der Menschheit und den übermäßigen Konsum von umweltschädlichen Gütern. Der Mensch hat die Natur bekanntlich an den Rand ihrer Existenz gebracht und wahrscheinlich ist gerade ein Urlaubsparadies wie Mallorca, welches durch Billigflüge für jeden erreichbar ist und wo sich jeder wie offene Hose benimmt, das perfekte Beispiel für die Arroganz unserer Spezies. Kein Wunder, dass ÆOLIAN sich da zu diesem Album haben inspirieren lassen.

Das Albumcover, welches von Juanjo Castellano entworfen wurde, zeigt wie schillernd die Farben der Korallenriffe sein können und welche Magie diesen phantastischen submarinen Welten zugrunde liegt. Nicht nur die Unterwasswerlebewesen sind hier in allen Variationen zu sehen, auch die Musik von ÆOLIAN ist durchaus facettenreich und wird vermutlich nicht der Korallenbleiche anheimfallen. Der Song "Momentum" markiert einen eindrucksvollen Einstieg, der zunächst das Gitarrenspiel direkt in das Rampenlicht stellt und von den Blast-Beats der Drums unterstützt wird. Melodisch scheppern die Riffs dem Hörer/der Hörerin um die Ohren und entfalten einen super eingängigen und beeindruckenden Einstieg zu diesem atmosphärischen Album. "We Humans" startet dann, wie unschwer am Titel zu erkennen, recht schnell in die angesprochene Thematik ein "a thousand years of destruction" . Hier ist selbstredend der Mensch gemeint, dessen destruktive Hand die Umwelt zerstört. Der Song bleibt dabei doch sehr melodisch, baut aber immer wieder einige Passagen ein, in denen die Gitarre bedrohlich wirkt, um zum einen den Text zu unterstützen, aber auch musikalisch das Thema des Albums widerzuspiegeln. Der clevere Einsatz dieser beiden Elemente zeigt deutlich, wie detailverliebt ÆOLIAN sind. 

Gefolgt wird dieser erste Affront gegen das menschliche Selbstverständnis, von einem Track, der lyrisch in dieselbe Kerbe schlägt. "Animals Burned" ist dennoch musikalisch innovativ und bringt eine neue Farbe mit auf das Album. An dieser Stelle sei wieder konstatiert, dass vor allem die Tempiwechsel maßgeblich für die Spannungsbögen der Songs verantwortlich sind und jedes einzelne Stück individueller machen. Auch die Chöre tragen in diesem Stück dazu bei, dass sich eine gleichsam melancholische aber auch idyllische Soundkulisse ausbreitet. 

Wo wir schon bei Farben und akustischen Welten waren, kommt in dem Stück "Unseen Enemy" zu Beginn direkt eine warme Akustikgitarre zum Einsatz. Allgemein scheint dieser Song etwas ruhiger, melodischer ohne jedoch die Aufmerksamkeit des Auditoriums zu verlieren, denn sowohl Gitarrenspiel, als auch die Drums bleiben abwechslungsreich und werden auch nicht müde weiterhin ihr Tempo anzuziehen und wieder zu verlangsamen, um dem Gesang im Refrain seinen Platz einzuräumen. Es ist mit diesen Melodeath-Bands einfach immer wieder ein Phänomen. Je häufiger man die Songs hört, desto besser werden sie. Sagte ich gerade etwas von ruhig und melodisch? Melodisch bleibt es, aber ruhig ist nicht das erste Attribut, was einem zu "Blackout" einfallen würde. Eindrucksvoll zeigt sich, dass nicht nur die Instrumente zu der Variabilität des Albums beitragen, auch der Gesang kommt fast halfordesk daher. Zu Beginn könnte man glatt denken, man lausche EDGUY. Gut so hoch ist der Gesang zwar auch nicht, aber diese unerwartete Komponente bringt umso mehr Spaß. Denn nun ist man gespannt auf die nächste Überraschung, die ÆOLIAN noch bietet. Zu der Musik muss man kaum mehr sagen, diese ist auf jedem Song wunderbar melodisch und bunt. Die Verwendung mehrerer Violinen in diesem Stück und die generellen Auftritte verschiedener Gastmusiker machen diese Platte schlichtweg stark. 

Die Abwechslung hört auch nicht bei dem folgenden Track "Golden Cage" auf. Zunächst ist das Bild, welches der Titel zeichnet wunderbar metaphorisch. Ein Käfig bleibt ein Käfig so golden er auch ist. Selbstverständlich tut auch die musikalische Unterstützung wieder alles Mögliche, um der Platte eine weitere Ebene zu geben. So vielfältig und artenreich der Ozean ist, so variabel ist auch ÆOLIAN. Die Menschheit weiß mehr über den Mond, als über die Tiefen des Meeres. Diese ungewissen Welten in eine musikalische Interpretation zu gießen ist auf jeden Fall gelungen. Mir persönlich ist der Gesang manchmal etwas zu unpassend, doch das ist rein subjektiv. 

Es bleibt auch in den folgenden Stücken "Bleeding Garbage" und "The Flood" gewohnt innovativ und man kann sich der melodischen Art und Weise dieses Albums kaum entziehen. Gerade in "The Flood" stellt man sich in bester Fluch der Karibik-Manier vor, durch die sieben Weltmeere zu jagen und die frische, salzige Seeluft auf dem Gesicht zu spüren, während auf dem Deck die anderen Matrosen ein Riesenbankett feiern. Ob Hans Zimmer wohl Lust hätte mal mit ÆOLIAN zusammen zu arbeiten?

Mit "Ghosts Anthem" treten auch noch geniale Doppelanschläge auf das Album, bitte mehr davon, ohnehin ist der Begriff der Hymne sehr zutreffend, da auch noch etwaige Blechblasinstrumente und Streicher in diesem Song ihre Bühne erhalten. Ein orchestrales Stück, welches wirklich unfassbar schön klingt, vor allem wenn man sich, dank einer Stereoanlage, wie in mitten eines Konzertsaals wähnt. "Reborn" knüpft direkt dort an und startet mit einem Piano, welches nicht nur das Konzept der Wiedergeburt wie himmlisch untermalt, sondern auch wunderbar in diesem melancholisch-melodischen Arrangement funktioniert. Ein gebührender Abschluss für dieses Album, welches auf ganzer Länge überzeugt. Sowohl das lyrische, als auch das musikalische Konzept sind bis in das kleinste Detail ausgereift und legen offen dar, dass Mallorca ebenso ein Ort des Melodeath werden könnte, wie ein Ort des Schlagers. Die abwechslungsreichen Melodien und verschiedenen Einflüsse sind so punktiert gesetzt, dass man ihrer nicht überdrüssig wird, sondern sich immer mehr auf eine neue Farbe dieses Albums freut. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Joel Feldkamp (19.11.2020)

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