GONE ARE THE DAYS - You Don't Know Us

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VÖ: 18.11.2020
Bandinfo: GONE ARE THE DAYS
Genre: Metalcore
Label: Eigenproduktion
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Jeder kennt es: man kauft eine Packung seiner Lieblingssüßigkeiten und die Mengenangabe verspricht einen Inhalt von zehn jener geliebten Leckereien. Man reißt in freudiger Erwartung die Packung auf und stellt erstaunt fest, es muss der eigene Glückstag sein, denn man findet elf statt der vermuteten zehn Teile vor. So oder so ähnlich ergeht es einem während des Hörens von GONE ARE THE DAYS. Man stellt sich, vermutlich auch wegen des Bandnamens, auf soliden Metalcore ein. Man legt die CD in die veraltete Anlage und verbleibt in freudiger Erwartung auf 50 Minuten Mukke. Doch schon während des ersten Songs fällt auf, dass die Platte noch viel mehr bietet. "Beurteile nie ein Buch nach seinem Einband", dieser Satz ist wohl die Quintessenz jenes zufälligen Glücks, aber es fühlt sich dennoch so an, als würde man die Geschichte um Bram Stokers "Dracula" in einem Buch finden, auf dessen Einband der Schriftzug "Twilight" zu lesen ist. Die russische Combo aus Sankt Petersburg weiß also zu überraschen und das im bestmöglichen Sinne. Statt glitzernden Liebesträumen erwartet den Hörer/die Hörerin ein versatiles und zugleich aggressives wie melodisches Album, das absolut nach vorne geht. 

Der Albumtitel scheint ebenfalls mit der angesprochenen Thematik zu kokettieren, denn "You Don't Know Us" sagt eben aus, dass man die Platte erst mal hören sollte, bevor man zu wissen glaubt, um wen es sich bei dieser Metalcore-Band handelt. Das Line-Up ist zwar nahezu stereotyp für eine Core-Gruppe, denn häufig übernehmen zwei Sänger die Vocalparts. Einer kümmert sich um die Schreie, der Andere um den klaren Gesang. So kennt man es zum Beispiel von BURY TOMORROW oder WAGE WAR. Der einleitende Song "The Claim" veranschaulicht recht schnell, welche musikalischen Vorbilder GONE ARE THE DAYS inspiriert haben. Fans von TRIVIUM werden sich hier vergnügt zurücklehnen und gespannt lauschen. Allerdings gibt es dann doch mehr Geschrei, als man es von Matt Heafy mittlerweile gewohnt ist. Der Track überzeugt durch seinen melodischen Chorus, aber auch ordentlich Tempo und treibende Drums, ein wirklich überzeugender Einstieg den die russische Band hier vorbringt. Man fühlt sich von der Zeile "you don't know us!" fast schon angegriffen, da man sich schämt noch nichts von der Gruppe gehört zu haben, ein Glück ändert sich das ja just in dieser Sekunde. Der folgende Song "Moments Of Insight" legt mit ebenso viel Tempo los wie "The Claim" ist aber keineswegs eine Kopie, sondern macht auf seine eigene Weise ordentlich Alarm. Charakteristisch ist hier der obligatorische Breakdown, wobei man in diesem Fall lediglich von einem Tempowechsel sprechen könnte, dennoch zeigt sich wie versatil GONE ARE THE DAYS sind. Erst zwei Songs gehört und beide fühlen sich wie kleine Hymnen an. Der den Momenten der Einsicht gegenüberstehende Song "Outside" markiert einen weiteren Stil, der diesmal allerdings deutlicher Richtung MASTODON schielt. Diesem Vorbild rein musikalisch gerecht zu werden maßen sich GONE ARE THE DAYS gar nicht an, vielmehr elaborieren sie ihre eigene Interpretation dieses Stils und kreieren einen eingängigen von genialen Riffs durchzogenen Song, dessen Gewalt wallendes Blut und bebenden Donner vereint. 

"When I Die" verbreitet trotz des Titels eine positive Partystimmung, was nicht zuletzt dem Refrain zuzuschreiben ist. Ansonsten merkt man zwar den Stempel "Metalcore", aber dafür wirkt der Song eigentlich zu verspielt und zu rockig. Dies tut dem Stück allerdings keinen Abbruch, vielmehr verkörpert es eine weitere großartige Überraschung. "Show Your Temper" welcher als nächstes folgt, ist vielleicht einer der Songs, die am offengründigsten dem Metalcore zuzuordnen sind, wobei auch hier der Beginn des Songs eher unkonventionell ruhig ist. Die Riffs erinnern fast ein wenig an PARKWAY DRIVE, während die wummernden Beats ihre ganz eigene Note haben. Nachdem man auch als Zuhörer eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, dass man durchaus aufgewärmt durch die Kopfnickerei die Zimmertemperatur deutlich erhöht hat, kommt mit "It Won't take Long" ein nur etwas, aber auch nur etwas ruhigerer Song, der aber ebenso wie viele anderen Stücke, durch seinen Titel schon eine eindeutige Aussage trifft: es wird nicht lang dauern, bis das Album wieder einen Gang hochschaltet. Wobei der folgende Song "Doubt" auch eher melancholischere Saiten anschlägt ohne dadurch weniger interessant zu werden, denn die cleanen Vocals und der eingestreute gutturale Gesang harmonieren wunderbar und bilden sehr anschaulich ab, welche inneren Kämpfe der Mensch mit sich selbst auszutragen hat. 

Der vorletzte Track "Imbalance" tritt wieder mehr auf das Gaspedal, ohne dem cleanen Gesang seinen Platz zu nehmen. Wirklich auffällig ist, wie die rasanten Riffs den gutturalen Gesang ankündigen und wie strukturiert, aber doch aggressiv der Song dadurch phasenweise wirkt. Mit dem Stück "Urban Legends" schließt eine absolute Hymne das Album ab. Sowohl musikalisch als auch atmosphärisch markiert dieser Song einen krönendes Finale, der GONE ARE THE DAYS vielleicht nicht gleich zu Koryphäen des Urbanen erhebt, aber auf jeden Fall zeigt, dass diese Platte und die im nächsten Jahr erscheinende EP "The Vortex" sich vor niemandem verstecken müssen. GONE ARE THE DAYS werden sich, wenn die EP ebenso überzeugen kann, wie es "You Don't Know Us" tut, schnell einen Namen machen können. Die Mischung dieser verschiedenen Einflüsse, die durch die Attitüde des Metalcore etwas an Modernität gewinnen, überzeugt auf ganzer Linie. Wenn man es schafft noch etwas mehr Aggressivität in die Stücke einzuweben, wird sich niemand mehr finden, der bloß stehend auf einem Festivalground vor einer Bühne sein Bierchen schlürft, auf der GONE ARE THE DAYS gerade auftritt. In einem Moshpit braucht man schließlich beide Hände frei.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Joel Feldkamp (15.11.2020)

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