KJELL BRAATEN - Ferd

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VÖ: 13.11.2020
Bandinfo: KJELL BRAATEN
Genre: Neofolk
Label: By Norse Music
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Lineup  |  Trackliste

Befasste man sich in nicht allzu grauer Vorzeit mit Projekten, die textlich in der nordischen Mythologie dergestalten für Odin, Freya und Co. plünderten, wilderten und soffen, dass sich rasch ein eher zweifelhafter Ruf an diverse metallische wie folkige Ufer schlich, hatte man stets einen tendeziell eher sparsamen Aktionsradius zur Verfügung und musste daher meist mit dem Vorlieb nehmen, was da angeschwemmt kam und gleichzeitig hoffen, dass zumindest kompositorisch etwas mehr Kreativität oder zumindest Leidenschaft eingebracht wurde - oder man mied es früher oder später einfach. Mit der Gründung von WARDRUNA und deren 2009 veröffentlichtes Debütalbum "Runaljod - Gap Var Ginnunga" endete dieses Trauerspiel rasant, wodurch sich nicht nur wie automatisiert Türen und Tore für andere Künstler mit ähnlichen Charakteranlagen öffneten, sondern gleichzeitig auch ein bis dahin ungeahnter Sinn für (Klang-)Ästhetik und Seriösität Einzug erhielt, der ebenjene Mythologie in einer neuen, lyrischeren und musikalisch anspruchsvolleren Dimension darstellte. KJELL BRAATEN, seines Zeichens Percussionist für Einar Selvik und Co., geht auf seinem neuen Album "Ferd" noch zahlreiche Schritte weiter und betont dabei vor allem der Vorväter Drang, andere Kulturen und Ländereien zu entdecken, den eigenen Horizont und das Wissen zu erweitern.

Dass "Ferd" laut Pressemitteilung „ursprünglich als Sammlung von Musik für Kurzfilme, Dokumentationen und Theaterstücke“ gemünzt war und erst später Schritt für Schritt aus diesem Status wuchs, hört man dem norwegischen Entdecker und seinen Gästen (darunter u.A. AGDYR, Martine Kraft und Marit Hætta Øverli) definitiv an, weswegen man besser kein in sich geschlossenes Epos à la "Runaljod" erwarten sollte. Und doch ist "Ferd" eine spannende, einstündige Reise, die sich mit toll inszenierten World-Music-Abstechern in den Orient ("Kyst" und "Østavind") oder gar esoterische Traumwelten ("Vette" und "Storebjørn") merklich vom Gros distanziert, trotzdem aber auch traditionelleres Liedgut wie "Vestarveg", "Ritet" oder "Ferd" beinhaltet. Gestaunt und auch geschmunzelt habe ich anfangs, doch Braatens Schöpfung ist zweifelsohne klischeefrei, erfrischend anders und wird zudem von einem großen Fundus an historischen Instrumenten (u.A. das Schwirrholz, verschiedene Flöten und Trommeln, Lure sowie orientalisches Repertoire und der afrikanische Udu beispielsweise) getragen.

Erfindergeist und Erkundungsdrang zahlen sich auf "Ferd" aus. Zwar lässt sich der Compilation-Charakter nicht gänzlich leugnen, weswegen man sich manchmal ein etwas einheitlicheres Klangbild wünscht, doch als Kompensation gehen die Ideen, die der Multi-Instrumentalist hatte, allesamt auf und schreiben mit variantenreicher Instrumentierung und ideal gewählter Gastbesetzung ein nicht ganz so düsteres, dafür aber lebhaftes, weltoffenes und daher auch eigenständiges Kapitel im stets wachsenden Schmöker des Nordic Folk, das enormen Wiederspielwert besitzt und weit mehr als ein kurzweiliger Zeitvertreib bis zu WARDRUNAs "Kvitrafn" ist. Man sollte die weitere Entwicklung von By Norse Music und die bisher unter Vertrag stehenden Künstler definitiv im Gedächtnis behalten, denn das bisherige Line-Up um und mit KJELL BRAATEN verspricht Großes.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (12.11.2020)

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