SYNTHETIC - Clepsydra: Time Against Infinity

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VÖ: 00.00.2021
Bandinfo: SYNTHETIC
Genre: Melodic Death Metal
Label: ROAR Rock of Angels Records
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Lineup  |  Trackliste

Die Zeit rennt! Hach ja, die Zeit. Egal ob Konstrukt, oder doch tatsächlich existent, die Zeit ist ein Thema und eine Instanz, die uns jeden betrifft, mal weniger dramatisch und mal etwas schwerwiegender. Egal ob man nun den Zug verpasst, oder sich den Vanitas-Gedanken vor Augen führt, die Zeit holt uns alle ein. Logisch, dass auch die Kunst, genauer die Musik, dieses Thema immer wieder behandelt, denn gerade der Gegensatz von Zeit und Unendlichkeit ist offensichtlicherweise so gigantisch, dass sich hunderte Songs darüber schreiben ließen. Dass die Zeit ein so wichtiger Grad des menschlichen Lebens ist, erkennt man auch daran, dass es unzählige Instrumente gibt und gab, mit denen man seit die Menschheit existiert, versucht eine möglichst exakte Zeitangabe zu ermitteln. Eines dieser Instrumente ist die Klepsydra (engl. Clepsydra), die ähnlich wie eine Sanduhr funktioniert, allerdings mit Wasser arbeitet. Eigentlich ein schönes Bild, die Zeit durch ein Element bestimmen zu wollen, welches in einem ewigen Kreislauf eingebunden ist. Ob SYNTHETIC sich das ebenso gedacht haben, kann natürlich nur die Band selbst beantworten. Mit ihrem zweiten Studioalbum, welches den griffigen Titel "Clepsydra: Time Against Infinity" trägt, ist die thematische Leitlinie auf jeden Fall recht klar vorgegeben. Musikalisch kann sich die Gruppe ebenso sehen lassen, denn gemixt und gemastered wurde das Album von Ettore Rigotti (DISARMONIA MUNDI). Neben der hohen musikalischen Qualität, kann auch das Coverartwork positiv hervorgehoben werden, Giannis Nakos von Remedy Art Design, hat ganze Arbeit geleistet und die Atmosphäre, sowie das Thema des Albums gut eingefangen. 

Da das Album nun schon ein paar Wochen draußen ist, kann man anderen Kritiken entnehmen, dass sich SYNTHETIC vor allem am Stil von AMORPHIS, IN FLAMES, oder auch EVERGREY orientiert haben sollen, dies kann man auch so unterschreiben. Vor allem AMORPHIS und EVERGREY fallen einem sofort beim Hören der ersten Stücke ein, was hier durchaus als Kompliment aufgefasst werden soll. 

Was wäre ein gutes Album ohne ein gutes Intro? Schön, dass man sich diese Frage mit dieser Platte nicht stellen muss, denn das Intro "Time Against Infinity" ist gut. Ruhig und geheimnisvoll baut sich eine epische Atmosphäre auf, die durch orchestrale Chöre, Streicher und allem was dazu gehört, mit extremer Spannung aufgeladen wird. Der folgende Song "Graceful Ignorance" beginnt mit einer dem Intro anschließenden Melodie, nimmt dann aber statt der Streicher doch lieber die E-Gitarre als die dem Metal etwas nähere Instrumentation, zur Hand. Die Vocals starten fast schon Phil Anselmo-esk, sehr unerwartet, lenkt aber die Aufmerksamkeit im Verlauf auf die sich eher in Richtung AMORPHIS entwickelnden Gesangseinlagen, wenngleich nicht an Schreien gespart wird. Ein wirklich gelungener und jetzt schon vielseitiger Einstieg. Mit "Slipwalk" folgt dann ein fast schon typischer Keyboardteil, der dem Ganzen aber gut zu Gesicht steht und auch im Verlaufe des Songs nur akzentuierend fungiert, obschon ein Instrumentalpart hier nicht ohne die synthetische Begleitung auskommt, der Name ist eben Programm. Bei allem darf man aber auch diesem Track nicht unterschlagen, dass er sofort ins Ohr geht und clever komponiert ist, der Spannungsbogen senkt sich etwas in der Mitte, kulminiert dann aber doch in ein eingängiges Solo, welches erneut den Refrain einleitet. 

"Shades Of Tomorrow" startet melancholischer, gewinnt aber schnell an Tempo und erinnert unfassbar an DISARMONIA MUNDI, woher das wohl kommen mag? Der Gesang wechselt flüssig zwischen clean und guttural, wirkt zudem nicht einen Hauch unauthentisch, oder deplatziert. Mit dem Songtitel ist natürlich auch der Anschluss an das Thema Zeit gegeben und generell ist es zu empfehlen sich die Lyrics während des Hörens zu Gemüte zu führen. Von der angesprochenen Schwermut gehen wir leichten Fußes über zu "Hostile Design" das teilweise auch an NEVERMORE erinnert, vor allem während des Refrains. Streicher sind natürlich auch hier fester Bestandteil des Ensembles und verleihen diesem aggressiven Stück einen abwechslungsreicheren Anstrich. Doch gerade ab der zweiten Hälfte des Stückes zeigen SYNTHETIC, dass es gar nicht unbedingt mehr braucht als Gitarren, Bass und Drums um ein vielseitiges Stück zu komponieren, eingängige Riffs und Soli prasseln auf die Ohren ein und nötigen zu wohlgefälligem Kopfnicken. Das folgende Stück "Clepsydra" läutet die Mitte des Albums ein und nimmt deutlich das Tempo raus, für den Moment. Nicht nur das Piano und die akustische Gitarre machen diesen Song deutlich nachdenklicher, auch der Songtext trägt zu der Stimmung bei, indem er zeichnet, wie verloren sich ein einzelner Mensch in der Unendlichkeit der Zeit fühlen kann. Der Track bleibt dabei gesanglich und auch musikalisch so interessant, dass die Länge des Stücks, von knapp sieben Minuten, gar nicht zwingend auffällt, obwohl es doch vergleichsweise langsam erscheint. 

"Autumn Scars" zieht das Tempo etwas an und klingt deutlich euphorischer und fast schon fröhlich im Vergleich zu "Clepsydra". Nicht zuletzt der Synthesizer trägt zu dieser Stimmung bei, obwohl alles textlich immer noch um dieselben Themen kreist, dass die Zeit eben nicht alle Wunden heilen kann und ebenso die Erinnerungen, wie mit ihnen auch die Narben bleiben. Nachdem die Instrumente nun also etwas aufgewärmt sind, kommt mit "The Road To Salvation" ein deutlich schnelleres und aggressiveres Stück daher, welches zwar auch durch den Refrain wieder etwas an Vielseitigkeit gewinnt, nicht aber an Tempo verliert. Interessant ist hier vor allem, wie gut die musikalische Dimension die textliche Ebene widerspiegelt. Das Stück verläuft auf und ab, wie eben auch der Weg zur seelischen Rettung über Berge und durch Täler führt. "Crimson Farewell" setzt wieder auf eine etwas zurückhaltendere Gangart. Hier sind erneut starke Ähnlichkeiten zu AMORPHIS zu erkennen, allerdings bleiben SYNTHETIC schon individuell und entwickeln ihren eigenen Sound. Wo wir schon beim Sound sind, sei herausgestellt wie gut das Album klingt. Jeder Ton ist voll und sitzt, gerade mit anständigen Boxen oder Kopfhörern ist es fast unmöglich nicht in die Platte einzutauchen. So melancholisch "Crimson Farewell" auch ist, so schön klingt der Song, man kann fast nicht böse sein, dass die anfängliche Aggressivität des Albums etwas verloren geht. 

Das Album schließt mit dem Song "Cage Of Hopes", zuvor zieht "Into Oblivion" das Tempo gerade zum Ende des Songs nochmal stark an. An sich ist auch an diesem Stück kaum etwas auszusetzen, lediglich der etwas fallende Spannungsbogen, ab der Mitte des Albums, der insgesamt auffällt, könnte kritisch gesehen werden, obgleich die Songs alle ihre Daseinsberechtigung haben und auch wegen des langsameren Tempos erst ihre Vielfalt entfalten. "Cage Of Hopes" soll allerdings dem Gedächtnis des Hörers/der Hörerin nochmal einprügeln, dass SYNTHETIC eben auch schnell und aggressiv können. Der gleichsam zweitlängste Track des Albums ist so voller verschiedener Soundkulissen und eingängiger Riffs, dass man fast schon überwältigt aus dem Hörgenuss der Platte entlassen wird. 

Abschließend bleibt ein absolut positives Gefühl im Kopf, wenn man an das eben Gehörte zurückdenkt. SYNTHETIC spielen qualitativen, abwechslungsreichen und modernen Melodeath. Die Lyrics passen zur musikalischen Ebene, obschon die Texte manchmal etwas repetitiv sind. Jedes Stück hebt sich vom nächsten ab und wenn der etwas zu große Spannungsabfall in der zweiten Hälfte des Albums nicht wäre, gäbe es für mich hier volle Punktzahl. Also auf jeden Fall hörenswert. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Joel Feldkamp (16.01.2021)

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