WIG WAM - Never Say Die

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VÖ: 22.01.2021
Bandinfo: Wig Wam
Genre: Glam Rock
Label: Frontiers Records
Lineup  |  Trackliste

Es ist wie es ist: Glam Metal beziehungsweise Glam Rock polarisiert. Viele Metalheads sind eher angeekelt oder gar gelangweilt von den typischen Stilelementen von Bands wie POISON, TWISTED SISTER, EUROPE oder (frühe) BON JOVI (um nur ein paar zu nennen) aufgrund deren vermeintlicher Plattheit. Klar, bei vielen Bands und Songs dieses Genres geht es viel um Effekthascherei ohne viel Substanz oder Tiefgang. Auch textlich geht’s zumeist recht oberflächlich um stereotype und ausgelutschte Plattitüden wie Sex, Herzschmerz, Party, Drogen und Rock´n´Roll. Andererseits: Das sind nunmal auch fast alles Themen, mit denen die meisten Metalheads sich mehr oder weniger beschäftigen. Wer macht beispielsweise nicht gern Party? Und der große Erfolg der oben genannten Bands und vieler anderen kann auch nicht so eben weggewischt werden.

Vieles davon gilt auch für WIG WAM. Die Norweger haben schon immer auf Effekthascherei gesetzt: grelles Bühnenoutfit samt Schminke und auftoupierter Haare, knallig-fetzige Gitarren-Riffs und sehr betont: catchy Refrains. Vor allem zu Beginn ihrer Karriere hatten sie damit einigen Erfolg einfahren können und machten mit ihrem Auftritt beim Eurovision Song Contest 2005 weltweit auf sich aufmerksam. Wie auch LORDI waren sie sich für nix zu schade, um Karriere zu machen. Musikalisch mussten sich WIG WAM nie vor den bekannten Genregrößen verstecken, insbesondere das Zweitwerk „Hard To Be A Rock´n`Roller“ (2005) hat einige Glam-Rock-Perlen. Nach dem noch guten „Wig Wamania“ (2006), ging jedoch etwas die Puste aus und „Non Stop Rock`n`Roll“ (2010) sowie „Wall Street“ (2012) wurden von vielen Kritikern ziemlich verrissen. Im März 2014 wurde schließlich die Auflösung der Band bekannt gegeben. Gitarrist Trond Holter war dann sowohl allein als auch zusammen mit JORN LANDE aktiv, mit dem er nicht nur dessen letzten Alben einspielte, sondern auch eine etwas seltsame Vertonung der Geschichte von Graf Dracula unter dem Namen HOLTER eintütete („Dracula-Swing Of Death“). Sänger Åge Sten Nilsen aka Glam gründete zusammen mit Erik Mårtensson (u.a. W.E.T., ECLIPSE) AMMUNTION, was aber bislang nicht wirklich von Erfolg gekrönt war.

Nun also ein Comeback-Album sichtbar gealterter Glam-Rocker. Kann schlimm werden. Ist „Never Say Die“ aber glücklicherweise nicht. Der Titeltrack ist ganz stark und erinnert sehr an die Erfolgssingle „In My Dreams“ (2005), ohne aber eine bloße Kopie zu sein. WIG WAM sind ihrer musikalischen Linie treu geblieben, das merkt man sofort. „Never Say Die“ ist ein toller Ohrwurm und damit eine erste positive Überraschung. Denn dass die Norweger nochmal so ein Level erreichen, damit konnte man nicht wirklich rechnen. Allein der Sound der Gitarren ist doch etwas arg komprimiert, das wird dem ein oder anderen Genre-Fan nicht gefallen. Anhänger der Band werden das hingegen bereits so ähnlich von den früheren Alben kennen.

Wer sich nicht daran stört und das im Gegenteil als Zeichen von modernem Sound versteht, der wird seine Freude an einigen Songs von „Never Say Die“ haben. Immer wieder gibt’s richtig fette Gitarren auf die Lauscher. So etwa bei „Hypnotized“ – das rockt arschfett wie zu Glam-Hochzeiten Ende der 80er bzw. Anfang der 90er bei den ganzen US-amerikanischen Hard-Rock-Kapellen, ja, das fetzt! Der Refrain ist zumindest ordentlicher Durchschnitt und zieht damit die fetten Gitarren nicht runter. So fett geht’s gitarrenmäßig auch bei „Shadow Of Eternity“ weiter. Hinzu kommt eine Refrain-Strophe, die untermalt von groovenden Drums einiges kann. Fein, fein dieses Anfangs-Trio (das zu vernachlässigende Intro wird hier jetzt mal vernachlässigt).

Fragt sich, ob das Level gehalten werden kann. „Kilimanjaro“ ist dann ein perfektes Beispiel für polarisierenden Glam Metal: Kann man mögen diese Eingängigkeit mit dem Vorschlaghammer, muss man aber nicht. Den meisten Hörern wird’s wohl zu bemüht tönen, also schnell weiter im Text. „Where Does It Hurt“ (fett bratende Gitarren mit leichtem Western-Einschlag), „Dirty Little Secrets“ (mit fett bratenden Gitarren und ganz okayem, recht eingängigem Refrain), „Call Of The Wild“ (fett bratende Gitarren) und „Hard Love“ (cool-vertrackter Rhythmus mit fetten Gitarren) überzeugen vor allem durch ihre, nun ja, fetten Gitarren. Die Refrains und Gesangsmelodien können da hingegen nicht ganz mithalten und verbeißen sich einfach nicht genug beim Hörer. Trotzdem kann man sich das gut anhören.

Allein die Halb-Ballade „My Kaleidoscope Ark“ und der als Hymne angelegte Schnulzen-Schunkel-Rausschmeißer „Silver Lining“ (mit tollem, langem Solo, das hier etwas verschenkt wirkt) sind ziemlich verzichtbar. Es sei denn, man steht auf Schmachtfetzen und Kuschelrock, dann sind diese beiden Tracks Pflichtprogramm! Auch das Instrumental „Northbound“ ist ganz nett und erinnert an die von der Klassik inspirierten Solo eines Wolf Hoffmann von ACCEPT. Letztlich ist der Track aber eher Füllmaterial. Unterm Strich ist „Never Say Die“ ein Album, das sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken braucht. So richtig vom Hocker hauen einen die ersten drei Songs (das Intro nicht mitgerechnet), den Rest kann man immerhin bei einer Party angenehm im Hintergrund laufen lassen. Ein positiv überraschendes Comeback!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Tobias (22.01.2021)

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