IOTUNN - Access All Worlds

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VÖ: 26.02.2021
Bandinfo: IOTUNN
Genre: Progressive Death Metal
Label: Metal Blade Records
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Lineup  |  Trackliste

Dem herkömmlichen Metalfan ist die nordische Mythologie ja fast schon eine eigene Religion. Schließlich gibt es endlos viele Bands, die sich mit der Edda, Odin und den anderen Asen auseinandersetzen. Dies liegt natürlich vor allem an dem regen Vorkommen von Metalbands in Skandinavien. Wo in Irland fünf Schafe auf einen Einwohner kommen, gibt es in Finnland wohl mehr Black Metal-Bands als Einwohner, denn jeder Musiker gibt sich nicht mit bloß einem Projekt zufrieden. Die dänische Band IOTUNN nimmt sich ebenso die nordische Sagenwelt zur Brust und spielt natürlich mit dem Albumtitel "Access All Worlds" auf den Weltenbaum Yggdrasil an, der die verschiedenen Lebenssphären miteinander verbindet. So zum Beispiel Jötunheim und Midgard, also das Reich der Riesen und die Welt der Menschen. IOTUNN bedeutet dabei natürlich nichts geringeres als "Riese", ob die Musik der Band diesem Titel gerecht wird und inwiefern man alle Welten des Yggdrasil auf musikalische Weise bereist, ist nicht nur von Heimdal, der den Bifröst öffnet, abhängig, sondern vor allem natürlich von der Band.

Wie sich das für eine Melodeath-Band gehört, ist der erste Song der Platte schlappe sieben Minuten lang, aber keine Sorge, damit gehört "Voyage Of The Garganey I" noch zu den kürzeren Stücken. Genretypisch wechselt IOTUNN hier zwischen klarem und gutturalem Gesang. Obschon das Riff in den Strophen recht simpel gehalten ist und damit gut ins Ohr geht, scheut man sich nicht auch einige Tempowechsel zu bemühen, um den Song interessant zu halten. Wenn die Suchmaschine recht hat, geht es bei dem Songtitel tatsächlich um eine Entenart, also im Grunde die Flugrouten der Vögel von kälteren zu wärmeren Gebieten. Wer hätte gedacht, dass Eisriesen solche Ornithologen sind? Allerdings ist das Fliegen natürlich thematisch gut mit dem Titel des Albums zu verknüpfen, schließlich erreicht man durch das Beherrschen der Lüfte, Orte, die für den irdischen Bewohner unmöglich zu sehen sind. 

Der folgende Song ist gleichsam auch der Titeltrack und nimmt sich mit seinen elfeinhalb Minuten auch genügend Zeit zur Entfaltung. Selbstverständlich ist diese Laufzeit auch deswegen gewählt, um eine Geschichte erzählen zu können, die vor allem in den gesprochenen Parts zur Geltung kommt. Mit dem klaren Gesang muss man jedoch erst etwas warm werden. Als HörerIn wähnt man sich in der Tat auf einer Reise durch den Kosmos von Planet zu Planet und Mond zu Mond. Dennoch ist der Spannungsbogen des Songs nicht recht zu erkennen, im Grunde kreist diese musikalische Reise also doch eher um einen Fixstern, als dass man wirklich neue Galaxien kennenlernen würde. Das Stück ist auf jeden Fall schön und wirklich eingängig, vor allem zum Ende hin erzeugen die Gitarren, im Verbund mit dem klaren Gesang, eine wirklich greifbare Atmosphäre. 

"Laihems Golden Pits" nimmt allerdings deutlich mehr Tempo auf und sorgt auch durch die kürzere Laufzeit für eine komprimiertere musikalische Darbietung. Der Song fühlt sich einfach voller an, als die vorherigen Stücke und auch der gutturale Gesang steht diesem Track besser zu Gesicht. Auf jeden Fall zeigen IOTUNN hier, dass sie auch technisch anspruchsvolle und aggressive Musik machen können, die einen guten Kontrast zu den anderen Stücken bietet, ohne dabei deplatziert zu wirken. Von diesem, den Geräuschen eines Riesen würdigen Sounds, wandern wir nun mit "Waves Below" einem wieder etwas längeren Tracks entgegen, welcher allerdings die schnelleren (Blast)Beats des vorherigen Tracks zu Beginn beibehält. Dabei ist schon an der Länge des Liedes abzusehen, dass das Tempo zwangsläufig etwas rausgenommen wird. Gerade die Mitte des Songs ist fast nur noch als melodisch zu bezeichnen, was dennoch gut zu der Scheibe passt und eben wie die "Waves Below" wanken auch die Instrumente ein wenig hin und her, um dem Hörer/der Hörerin eine kleine Atempause zu geben, bevor der gutturale Gesang die Stille wieder zerreißt. 

"The Tower Of Cosmic Nihility" startet erneut mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen klaren Gesang, der zuweilen etwas wehleidig klingt, aber im Grunde auch deswegen gut die Emotionen, die sich in den Texten ausdrücken, rüberbringt. Zudem bilden diese etwas klagende Stimme und der gutturale Gesang einen schönen Kontrast und wirken dabei schon fast als würden sie gegeneinander ansingen. Auch dieses Stück ist gespickt mit technisch versierten und eingängigen Riffs, die Drums tun natürlich auch ihr Übriges. Obwohl dieser Track und ebenso der Folgende "The Weaver System" mit jeweils um die sechs bis sieben Minuten noch die Kürzeren auf der Platte sind, wirken sie zuweilen etwas langwierig und man wartet auf einen Knall, oder einen weiteren Song wie "Laihem's Golden Pits". Natürlich sind die Stücke gekennzeichnet durch eine hohe Musikalität und eine greifbare Atmosphäre, aber die eingeworfenen Riffs und auch der sporadische gutturale Gesang vermögen es nicht einen Ohrwurm zu provozieren. Dabei ist gerade "The Weaver System" ein wirklich schönes Stück, verliert aber durch die vorherigen längeren Songs etwas an Einzigartigkeit. 

Beendet wird die Scheibe mit dem fast 14-minütigen Song "Safe Across The Endless Night", der bedingt durch diese Laufzeit unfassbar facettenreich ist und sowohl schnelle Riffs, als auch dahinwogende Passagen bietet. Im Grunde werden hier alle Färbungen, die sich zuvor auf der Scheibe entwickelt haben, aufgegriffen und geschickt miteinander vernäht. In der Mitte des Songs wird das Tempo derart rausgenommen, dass man glauben könnte das Stück sei schon vorbei, doch es folgt ein weiterer Teil, als hätte man zwei Lieder in eine Form gegossen. Trotzdem ist auch der zweite Part sehr eingängig und vielseitig, ein gebührender Abschluss für dieses Album.

IOTUNN schaffen eine greifbare Atmosphäre und lassen immer wieder ihre Klasse durchblitzen. Allerdings hätten vielleicht ein, zwei mehr kürzere Stücke dem Album gut getan, um den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Der klare Gesang ist zwar subjektiv betrachtet etwas wehleidig, nichtsdestotrotz sind IOTUNN einen Hörer wert und es bleibt abzuwarten, inwiefern die folgenden Erscheinungen an diese Platte anknüpfen. Melodische Symphonien können die Dänen allemal. 



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Joel Feldkamp (08.03.2021)

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