REFLECTION CLUB - Still Thick As A Brick

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VÖ: 03.03.2021
Bandinfo: REFLECTION CLUB
Genre: Progressive Rock
Label: Madvedge Records
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Lineup  |  Trackliste

Der Berliner Multiinstrumentalist Lutz Meinert (MARGIN, FOR YOUR PLEASURE) lässt mit einem neuen Projekt aufhorchen: REFLECTION CLUBs Debutalbum „Still Thick As A Brick“ erinnert nicht nur im Titel frappierend an JETHRO TULL, es versteht sich quasi als Hommage (oder vielleicht augenzwinkernd sogar als Sequel?) an die Hoch-Zeit der britischen Querflöten-Rocker zu Beginn der siebziger Jahre, und das wird bereits im Opener „Time Out“ mehr als transparent. Auch das Mediabook hat man als Info-Zeitung gestaltet, zwar nicht ganz so aufwendig wie das 1972er-Original-Zeitungs-Cover, aber immerhin witzig pointiert und mit vielen (fiktiven) Stories und auch immer wieder Infos zum Album. Der abwechslungsreiche, 48-minütige Track ist in elf Sequenzen unterteilt, die man wie immer auch als einzelne Songs hören kann, und spielt mit hippieeskem Folk-Prog („Rellington Town“, „The Dance Around The Golden Calf“) mit GENESIS-Schlagseite genauso wie mit großflächigem, dennoch zugänglichem Art-Rock („The Foray Of Sharks“) oder gar ein wenig Jazz („Sentimental Depreciation“). Natürlich darf auch eine Querflöte nicht fehlen, die hier wenn, dann dezent und zweckmäßig akzentuiert eingesetzt wird. Bemerkenswert obendrein der Fakt, dass Herr Meinert hier fast sämtliche Instrumente höchstselbst eingespielt hat. Nur an der Gitarre wurde er von Nils Conrad (CRYSTAL PALACE) unterstützt und für die Flöten-Parts holte man sich mit Ulla Harmuth und Paul Forrest zwei alte Hasen ins Boot, wobei letzterer auch für den warmen, unaufdringlichen Gesang verantwortlich zeichnet.

Mit dem im beiliegenden Fake-Magazin „Rellington Stone“ erwähnten, fiktiven „Finanzmogul“ George Boston entsteht sowohl ein Kontrapunkt als auch eine (fast zu offensichtliche) Parallele zu JETHRO TULLs Gerald Bostock, um den sich „Thick As A Brick“ und sein Nachfolger ja ursprünglich drehen. Die fiktive Figur hat dann auch die Texte verfasst – ein weiteres kleines Detail in dieser an Details ziemlich reichen Musikdarbietung. Back to the roots geht es naturgemäss irgendwo, das Liedgut, man wähnt sich in bunten Blumenwiesen, während im Hintergrund das Hammond-Flöten-Duell „Bedlam“ läuft, die von Räucherstäbchen und Rotwein geschwängerte Luft hängt bei „Rellington Town“ und „Years On The Fast Track“ tief und beschwörend in den Raum, und bald ist die Zeitreise mit dem starken, von Dudelsäcken begleiteten „Look Across The Sea“ auch wieder vorüber. Was aber egal ist, denn man kann sie ja jederzeit von vorne beginnen.

Wie schon bei MARGINs „Psychedelic Teatime“ (die hier im Text sogar einmal erwähnt wird) darf sich der geneigte Hörer hier auf eine wunderbare, ausgiebige und ideenreiche musikalische Reise begeben, die natürlich oftmals JETHRO TULL zitiert, aber genauso gerne mit STEVE HACKETT liebäugelt oder mit den Solo-Alben von MARTIN ORFORD (IQ). Und wer auch auf optische hübsch gemachte Releases steht, wird hier obendrein entzückt sein. Obendrauf gibt’s dann noch eine alle Tracks überspannende „Dia-Show“ (kommt auch in Form eines 72-Seitigen Booklets!), alles natürlich im herzerwärmenden 5.1-Sound. Ein erfrischendes Album, detailreich und trotz der vielen Tull-Anleihen niemals eine bloße Kopie der britischen Helden. Artrock-Nerds und Proggies mit nur ein bisschen Verstand greifen hier bedenkenlos zu!

REFLECTION CLUB auf Bandcamp

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (04.03.2021)

WERBUNG: Hard
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