ARCHITECTS - For Those That Wish To Exist

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VÖ: 26.02.2021
Bandinfo: ARCHITECTS
Genre: Metalcore
Label: Epitaph Records
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Lineup  |  Trackliste

Wer bisher immer dachte, dass es ausschließlich in Death und Black Metal Elitismus bzw. Engstirnigkeit gäbe, der darf beruhigt ausatmen und sich sicher sein, dass es auch in vielen anderen Genres und Subgenres und Subsubgenres sogenannte Fans gibt, die offenbar der Auffassung sind, dass sie mit dem Kauf eines Tonträgers nicht nur ebenjenen, sondern auch Anteile und Mitspracherecht erstehen. Zum Beispiel im Metalcore. Ja, ich muss mir seufzend und gewissermaßen sogar resignierend eingestehen - wir sind mal wieder an diesem Punkt angelangt: eine verehrte, gefeierte Band klingt jetzt wie BRING ME THE HORIZON. Warum? Nunja, weil die Fans das eben sagen und Fans können ja bekanntlich nicht irren, oder? Fünfzehn (!) neue Songs jedenfalls haben ARCHITECTS für sich und - vor allem - "For Those That Wish To Exist" geschrieben und sind dabei vielseitiger als zuvor. Trotzdem brodelt ein (womöglich) signifikanter Teil der Basis - wie konnte es dazu kommen?

Halten wir kurz fest, dass man das eventuell nicht überbewerten sollte, schließlich ist diese Prozedur bald so alt wie der Metal höchstselbst und viele Künstler haben trotzdem weiterhin das gemacht, wonach ihnen im jeweiligen Augenblick sann. Zum Glück, möchte ich behaupten, denn wo kämen wir hin, wenn man plötzlich jedem Sesselfurzer das mächtige Gefühl aushändigte, dass er mit seiner beleidigten Krakeelerei doch Einfluss ausüben könne. Ein furchtbarer Gedanke. Und ganz ehrlich: Mir bleibt es auch weiterhin ein kniffliges Rätsel, warum a) plötzlich jede Core-Band, die ihre musikalische Seite für sich entdeckt ("Fans" hassen diesen Trick), nach BRING ME THE HORIZON klingen soll und wie b) eine Band, die in ihren Jugendtagen überwiegend Lärm produziert, sich infolgedessen kontinuierlich weiterentwickelt und dabei stets auf die Meinungen Außenstehender geschissen hat, überhaupt zu einem ausschließlich negativ konnotierten Vergleichsbild für die wildesten Argumentationen werden konnte. Ihr nutzt jetzt mehr Electronica? BRING ME THE HORIZON! Poppige Refrains? BRING ME THE HORIZON! Wart ihr nicht mal härter? BRING ME THE HORIZON! Kein Blegh? BRING ME THE HORIZON! Okay, allmählich wissen wir es.

Nun, versteht mich bitte nicht falsch. Ein echter Fan (was ist das überhaupt?) muss und soll nicht klaglos alles feiern, was seine Lieblinge auf Rohlinge pressen. Aber warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Kritik immer eindimensionaler wird und man Bands den Erfolg exakt so lange gönnt, bis er tatsächlich eingetroffen ist und anschließend sein eigenes Haar in die Suppe gibt, um das Haar in der Suppe finden zu können? Warum soll eine Band nicht auf Headlinerbühnen spielen und livetaugliche Songs schreiben dürfen? Wir reden hier wohlgemerkt von ARCHITECTS, die auf "For Those That Wish To Exist" trotz allem lyrisch immer noch ihre Werte und Standpunkte vertreten, aber eben nicht mehr pausenlos mit derben Songs gegen den Schädel hämmern, sondern ihre Message harmonischer, ja, häufig einfach etwas weniger kalt als zuletzt verpacken. Zumal man eines nicht vergessen darf: sie haben ihren Songwriter Tom Searle, den Hauptverantwortlichen für den bisherigen Sound an den Krebs verloren - und selbst jener junge Mann musste auf "The Here And Now" auch mal eine andere Facette von sich preisgeben.

Diese Hypothek verteilen ARCHITECTS nun auf mehreren Schultern und die Vorzeichen scheinen dabei gänzlich anders als noch bei "Holy Hell" zu stehen. Während man damals noch relativ zeitig nach dem Tod Searles mit dem Songwriting anfing, gleichzeitig auch noch jenen Verlust verarbeiten musste und inmitten all dessen wenigstens noch auf dessen letzten Ideen zugreifen konnte, ist "For Those That Wish To Exist" ein Album, auf dem sich die nun auf sich allein gestellte Band, die sich zum Weitermachen entschied, gezwungenermaßen neu erfinden muss, weil sie berechtigterweise der Meinung ist, seinen Stil nicht kopieren zu können und auch gar nicht zu wollen. Dementsprechend verwundert es auch nicht, dass man mit den fünfzehn Songs auf eine knappe Stunde kommt, was vermuten lässt, dass jedes einzelne Mitglied seine Chance bekommen hat. 

Um nun aber endgültig den Bogen zum musikalischen Inhalt zu spannen: Ich persönliche hätte mir mehr Experimentierfreude gewünscht bzw. hätte diese der Band zugetraut, schließlich ist das aktuelle Line-Up auch keine Ansammlung ungeschliffener Rohdiamanten, die man gerade zufällig auf der Bühne einer Schulveranstaltung entdeckt hat. Wenn einem in "Little Wonder" ein Hauch britischer Coldwave und Post-Punk entgegenweht, man in "Flight Without Feathers" von sphärischen Synthies umgarnt wird oder das Grande Finale "Dying Is Absolutely Safe" sehr untypisch mit balladesker Note und Akustikgitarre arbeitet, blitzt diese Veranlagung für stilsichere Experimente zweifelsohne auf. Doch auf der anderen Seite stehen einerseits sehr viele eher herkömmliche, gerne aber auch mal hymnische Metalcore-Songs nach bekanntem Muster, die mal extrem gut ("Giving Blood", "Goliath", "Libertine", "An Ordinary Extinction") und mal "nur" gut ("Impermanence" mit Winston McCall, "Animals", "Black Lungs", "Discourse Is Dead") reingehen, andererseits aber auch noch säuseligere Titel ("Meteor" und "Dead Butterflies" z.B.), die sich gerade nach dem Vergleich mit einem "Flight Without Feathers" als überflüssig erweisen.

Wo also stehen ARCHITECTS mit "For Those That Wish To Exist"? Am Anfang des zweiten Teils ihrer Karriere, um es kurz und bündig zusammenzufassen. Dass noch nicht alle Rädchen der erneuerten Maschinerie ineinandergreifen ist logisch und es ist grundsätzlich nicht auszuschließen, dass das Quintett auf diese Weise zunächst neue Möglichkeiten austesten wollte; wohl auch deshalb, um sich als Band ohne Tom Searle finden zu können und ein neues Gleichgewicht im eigenen Kosmos entstehen zu lassen. Diese Herangehensweise regelrecht zu schmähen, sagt viel über die Fankultur und wenig bis nichts über die Band selbst aus. "For Those That Wish To Exist" ist sicherlich nicht auf demselben Niveau wie seine Vorgänger, trotzdem aber ein überwiegend vergnügliches, teilweise auch mutiges Album mit eingängigen Core-Anthems, interessanten Experimenten und smarten Lyrics.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (10.03.2021)

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