AZIOLA CRY - The Ironic Divide

Artikel-Bild
VÖ: 26.03.2021
Bandinfo: AZIOLA CRY
Genre: Progressive Metal
Label: Sensory Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Im Anfang war „The Ironic Divide“, das erste instrumentale Album, das ich rezensiere. Dass es sich hier um eine äußerst erstklassige Prog-Metal-Band aus Chicago/Illionois handelt, ist zwar bemerkenswert, aber andererseits zu vernachlässigen. Jede/r kommt irgendwoher und geht irgendwohin oder auch nicht. Was an der Biographie von AZIOLA CRY auffällt, ist der lange Zeitraum zwischen den Produktionen. 2005 wurde das erste Album mit dem Namen „Ellipsis“ rausgehauen, 2007 folgte „Ghost Conversations“ und dann, ja dann verflüchtigten sich die Geister, um 14 Jahre später wieder aus dem mittlerweile digitalem Kerker des Spukschosses auszubüchsen.

Nach dem erstmaligen Durchhören taten sich Fragen auf. Das ist zweifellos ein großartiges Album was Produktion, technische Raffinesse der Protagonisten bzw. Facettenreichtum der Lieder betrifft. Für welche Zielgruppe wurde dies Musik geschrieben und produziert? Reiner Selbstzweck wohl nicht, das würde kein Label unterstützen wollen.  Wo könnte „The Ironic Divide" gespielt werden? Auf einem Kindergeburtstagsfest, einer schwarzen Messe, in einer Disco auf Alpha Centauri? Ist es von Musikern für Musiker geschrieben worden?

Die beste Art, diese Musik zu genießen, ist es, in einem gemütlichen Ohrensessel zu sitzen mit einem exquisiten Kopfhörer nach Wahl auf den Ohrwascheln, die Augen geschlossen und in der linken Hand ein Glas mit Rotwein bzw. Weißwein, je nach Neigung, aus dem gediegenen Anbau von Caduceus Cellars. TOOL mit seinem weinbergbauerfahrenen Sänger Maynard James Keenan sind als Einfluss klar rauszuhören.

Zumindest erwähnenswert ist das gleichberechtigte Wirken der Instrumente. Die Produktion ist sehr gut und jedes Instrument darf seine Stimme entfalten. Die Instrumente klingen beinahe beängstigend real. Vor allem der Bass, was für eine gottverdammte Teufelsgeige spielt dieser Jason Blake eigentlich? Eine Axt, die gleichzeitig eine Gitarre ist und zwei Mal sechs Saiten aufgezogen hat? Wtf. So ein Instrument hätte James Marshall Hendrix mal um den Hals geschnallt werden sollen.  Gott bewahre, was dieser Teufelskerl mit „Star Spangled Banner“ angestellt hätte, wenn er bereits aus einer Fender Stratocaster diese Klangkaskaden rauszuquetschen im Stande war.
Der Schlagzeuger Tommy Murray, wer so heißt, muss the Brain einer nerdigen Jugendbuch-Bande sein und bereits im Alter von drei Jahren angefangen haben, Holzstöcke rhythmisch auf Tierfelle zu schlagen. Auch hier ist die Vorliebe für TOOL und deren Schlagzeuger, Dany Carey, rauszuhören. Facettenreich beschreibt es mit einem Wort.
Last but not least der Gitarrist, Mike Milaniak, rundet die Dreifaltigkeit dieses Triumvirats bestens ab.

Die Dichtheit der musikalischen Ausformung unter Beanspruchung nur dreier Instrumente, erinnert an die alten 4-Spur-Aufnahmen aus den 60-ern, wo man sich beim heutigen Hören denkt, verflucht, wie haben die das nur hingekriegt?

Den gesamten Longplayer in einem durchzuhören bedeutet, sich auf komplexe Songstrukturen einzulassen, bei dem es notwendig ist, gebannt auf den nächsten Takt zu warten, weil es zu jedem Zeitpunkt sein kann, dass es einen Schlenker nach links, rechts, oben, unten, Himmel, Hölle oder sonst wohin geben kann. Es muss wohl nicht angemerkt werden, dass wir uns hier in lichten Höhen jenseits der Baumgrenze und damit jenseits gerader Taktschemata befinden. Wie viele Sticks hier wohl zu Bruch gegangen sind, bis diese Raffinesse auf uns darnieder prasseln konnte?
Es ist, als würde ein Bergsteiger unterwegs zum höchsten wolkenverhangenen Gipfel sein, dem Olymp, und das in Sandalen und einem Helm aus Metall, der vor Zeus zornigen Blitzen schützen soll. Das fährt ein. Schneeflocken in allen erdenklichen Farben flirren durch den Äther. Der Schritt geht schwer, der Protagonist deliriert. „Snowblind“ hört man Tony Iommi in den Wind säuseln.

Wollte ich die Lieder einzeln besprechen, wüsste ich gar nicht, wo anfangen. In herkömmlicher Form, ist das von meiner Warte hier nicht zu leisten. Einige Passagen sind dann doch so gut, dass sie hier angeführt werden sollten.

Ich belasse es bei einem Beispiel. Lied drei, ab Minute 8:50, Eine wunderbare Verschränkung von Rhythmus und Melodieführung. Wie bei TOOL ist es der Schlagzeuger, der kräftig die beiden anderen Protagonisten vor sich hertreibt, als würden sie dreiköpfige Höllenhunde zurück in den Tartaros jagen wollen. Sehr komplex und gemeinsam mit dem starken Bass und der Gitarre, ist es gar nicht anders möglich, als sich allein auf die Musik zu konzentrieren. Und da kommen wir wieder auf die Krux der Sache. Würde ich in einem Café sitzen, mich nett unterhalten, über Gott und die Welt plaudern, würde ich „The Ironic Divide“ nicht hören wollen, es würde meine Rezeptoren überfordern. Irgendwann würde ich zusammengerollt wie ein Baby im Mutterleib unter dem Tisch liegen und das Jüngste Gericht herbeisehnen und das wirft wiederum die Frage auf, ob AZIOLA CRY das nicht eigentlich geplant hatten.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Richard Kölldorfer (29.03.2021)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Benediction - Scriptures
ANZEIGE