ENDSEEKER - Mount Carcass

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VÖ: 16.04.2021
Bandinfo: ENDSEEKER
Genre: Death Metal
Label: Metal Blade Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Die Zeiten, die wir durchleben, sind verworren, ernüchternd, reich an sozialen Nekrosen und vor allen Dingen eins: langweilig. Während die einen um ihre blanke Existenz bangen [und dies ausnahmsweise nicht mit wallender Mähne vor einer Bühne], steht der privilegiertere Teil unserer Gesellschaft lediglich vor der Wahl eines alternativen Zeitvertreibs - sei es die Wiederentdeckung der Bewegung in freier Natur, die Liebe zu Selbstgebranntem oder aber eine den Geist erfrischende Verhaltensstörung. Doch wie so oft im Leben ist vieles eine Frage der Einstellung und Kanalisierung - und wie könnte man den Frust dieser Tage besser von der Seele schütteln als mit einem zünftigen Abriss der Marke ENDSEEKER?

Die Hamburger Aufsteiger haben die nach wie vor grassierende Not zur Tugend gemacht und im Nachgang ihres gelobten Zweitwerks "The Harvest" gleich einen Nachfolger in die Röhre geschoben. Dass ein selbiger kein Rohrkrepierer werden würde, dürfte von vornherein klar gewesen sein - doch das Resultat sollte selbst in freudiger Erwartung eines Hitlistenstürmers noch überraschen. Denn wenn man "Mount Carcass" eines attestieren kann, dann, dass an ihm der Frust und Kummer über die einleitend angeführten Umstände spurlos abperlen und sich augenblicklich in Luft auflösen. Die neue Wuchtbrumme strahlt nur so vor Ungezwungenheit und positiver Energie, dass sie dieser Tage fast schon anachronistisch wirkt. Dabei machen ENDSEEKER noch nicht einmal viel anders - sie dokumentieren vielmehr eine stetige Lernkurve und machen das, was sie können, ein Quäntchen besser. Beispielsweise wurde der schon bei "The Harvest" positiv hervorgehobene Sound weitgehend beibehalten, behutsam evolutioniert und mit dezentem Plus an Klarheit, einem etwas wärmeren Gitarrensound und noch organischeren Drums verfeinert.

Auch in puncto Songwriting legen die Hamburger eine Schippe drauf und präsentieren ein Album, das ein wenig kürzer geraten ist als sein starker Vorgänger, dafür aber über die volle Distanz souverän bei Puste bleibt und obendrein kurzweiliger anzuhören ist. Der brachial marodierende Opener "Unholy Rites" geht durch Haut und Knochen wie ein rot glühendes Rasiermesser und nistet sich mühelos in die Großhirnrinde ein. Die Nummer lässt die Herzen eines jeden Schwedenjüngers höherschlagen und spiegelt zugleich das Erfolgsrezept der Platte wider: das gute Stück reduziert sich auf's Wesentliche und baut auf eingängige Songs mit zündenden Riffs und einem stets wohldosierten Plus an Melodie. "Merciless Tide" bspw. bleibt elchig to the core, jedoch mit einer ausgesprochen klebrigen, REVOLTING-mäßigen Melodieverliebtheit, die für ENDSEEKER-Verhältnisse neu erscheint. Stampfende Moshpitgranaten wie "Bloodline" und "Count The Dead" werden zu Ohrwürmern, ohne dabei die markante Brutalität der Truppe zu verlieren. Und mit dem grindig bis punkig nach vorne preschenden "Moribund" gibt es im letzten Drittel noch einmal mit Lichtgeschwindigkeit in die Kauleiste. Wenn zu guter Letzt der Filmsoundtrack aus John Carpenter's "Die Klapperschlange" im ENDSEEKER-Gewand erklingt, fragt man sich, wo die letzte halbe Stunde schon wieder geblieben ist.

Was eingangs als vermeintlich anachronistisch umschrieben wurde, ergibt am Ende einen tieferen Sinn. Denn statt sich an den mannigfachen Missständen unserer Epoche zu zerreiben, lassen ENDSEEKER ihrem Frust freien Lauf und transformieren ihren kanalisierten Unmut in positive Energie. Der beschwerliche Pfad zum Gipfel ist gesäumt von Leichen, über die seine Besteiger sinnbildlich gehen - doch während Titeltrack und Albumcover der modernen Gesellschaft den Spiegel vorhalten, klettert das Quintett dahinter Schritt um Schritt und gänzlich leichenlos an die Spitze der deutschen Todesblei-Szene. Denn der Anspieltipp dieses quintessenzierten Meisterstücks heißt "Mount Carcass" und läuft rund 36 Minuten - und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das globale Medien- und Hörerecho diesem Postulat widerspräche.

"Wissenschaft sollte man mit Wissenschaft begegnen und nicht mit einem YouTube-Diplom"

Lies hier unser Interview mit Lenny und Jury von ENDSEEKER

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (12.04.2021)

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