ICON OF SIN - Icon Of Sin

Artikel-Bild
VÖ: 16.04.2021
Bandinfo: ICON OF SIN
Genre: Heavy Metal
Label: Frontiers Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Es ist nicht das größte ungelüftete Geheimnis, dass in Südamerika die am härtesten rockenden IRON MAIDEN-Fans dieses Planeten beheimatet sind. Na ja, und dann wummert eine Band aus Brasilien aus den schlechtesten PC-Boxen dieses Planeten, nämlich meiner Firmen-Workstation, und man stutzt: Netter Versuch, mich kann hier niemand verarschen, bin voll metalfit, es ist mir halt nur ein bissi entgangen, dass IRON MAIDEN einen neuen Longplayer auf den Marktplatz geworfen haben. ICON OF SIN, ja, lustiger Name, warum sollten allgediente Hard-Rocker dieses Pseudonym verwenden? Nach einer klitzekleinen Internetrecherche wird einem gewahr: ICON OF SIN sind tatsächlich die Reinkarnation von IRON MAIDEN und das obwohl Bruce Dickinson sich wieder bester Gesundheit erfreut.
Ganz im Ernst: Raphael Mendes, seines Zeichens Sänger von ICON OF SIN, klingt exakt wie sein britisches Pedant und das selbst, wenn man einen ultrasupi Gaming-Kopfhörer auf dem Schädel trägt.

Als Maiden-Fan erster Stunde muss ich hier eine kleine Geschichte loswerden. Mit 14 schob mir der Junge in der Schulbank hinter mir eine Kassette zu, wir nannten ihn Jesus, weil er so aussah und über dessen Gemüt verfügte, wobei auf der einen Seite „Seventh Son“, auf der anderen AC/DC stand. Ich hatte damals keine Ahnung, was das bedeutet, hörte es mir an und dachte: Mann, was für eine Scheiße hat mir Jesus da untergejubelt, die klingen wie verendende Katzen. Weil mir Jesus aber versicherte, dass „Seventh Son Of A Seventh Son“ spitze sei, hörte ich es mir abermals an und nach mehreren Durchgängen war ich infiziert. Heavy Metal ist the Law. Für jetzt, für immer und in alle Ewigkeit, Amen.  

Bei südamerikanischem Metal klingelt es, SEPULTURA, SACRED REICH und wie sie alle heißen. ICON OF SIN wird eine weitere Band dieses Kalibers werden. Wer beeindruckende Metal-Cover genießen will, nicht nur, weil die Covers an sich erste Sahne sind bzw. die Stimme von Mendes exquisit gut klingt, sollte seinen YouTube-Kanal frequentieren. Er klingt selbst unter Hilfestellung einer sehr guten Anlage samt Boxen mindestens genauso gut wie Bruce Dickinson und dass Dickinson zu den besten Metal-Interpreten gehört, darüber muss wohl nicht debattiert werden (oder vor vielen Jahren gehört hat - aber die Diskussion starten wir wohl besser nicht - der einstige Bruceverehrer).

Die Scheibe „Icon Of Sin“ klingt wie ein verschollenes Iron-Maiden-Album aus den 80ern. Etwa das dritte Lied: „Shadow Dance“. Die ersten Takte erinnern einen sofort an „The Number Of The Beast“ von MAIDEN. Die fast kongruente Ähnlichkeit bezüglich der Stimme von Raphael Mendes wurde zusätzlich durch kongruente musikalische Ausformung unterfüttert, wobei ich mir die Frage stelle: warum? Ich meine, abgesehen davon, dass der Tiefgang der Lyrics für eine Schiffsreise Amazonas abwärts passen würde, auf Sandbänke wird man hier nicht auflaufen, ist jedes Lied astreiner leiwander Hard-Rock, den ich mir sofort bei offenem Fenster, Ellbogen auslüftend im Auto anhören würde. Alle beteiligten Musiker sind Herr ihrer Instrumente, nicht umgekehrt, da ist nicht viel daran auszusetzten. Melodie vor Rhythmus, was wahrscheinlich Geschmackssache ist, der ja bekanntlich nicht verhandelbar ist, aber was soll ich sagen, ich kann hier beim besten Willen keine Schwächen ausmachen, die Platte würde auf Dauerschleife in meinem Auto-CD-Player laufen.

„Virtual Empire“: Hier entfaltet sich nach etwa drei Minuten eine Bridge, die ich bei IRON MAIDEN in dieser Art so nicht  gehört habe und es ward gut, denn der Übergang von elektrischen Gitarren inclusive Screaming in zwei Gitarren mit wenig Gain, über die ein E-Gitarren-Solo gelegt wurde, das ist handwerklich gut gemacht, sehr hörenswert, wenngleich etwas kurz. Das hieße aber auch, dass mehr Eigenständigkeit dieser Band, wenn es in dieser Tonlage weiterginge, sehr gut tun würde.

 „Hagakure“ der Ehrenkodex der Samurai, der um 1710 während der Edo-Periode im Entstehen war, fungiert als Einleitung für „The Last Samurai“. Das mutet humoristisch an, weil Bruce Dickinson bekanntlich angehender Historiker und mehr als nur ein Talent im Fechten war. Er focht in der Britischen Nationalmannschaft (das hat er mittlerweile dementiert - der Punkterichter). Das Lied selbst wird in 1A-Maiden-Art abgewickelt. Man könnte hier anfügen, dass es hier nichts Neues im Südwesten gibt, aber was soll`s fährt ein, sitzt und hat Luft.

Grundsätzlich wird in „Icon Of Sin“ viel gekämpft, Endbossen in den Arsch getreten und Mythen aus fernen Ländern ins Gedächtnis gerufen, was ja grundsätzlich Pforten metallafiner Wegbereiter sind. Hier wird ein Bildungsauftrag erfüllt und in Zeiten von Homeschooling kann hier ICON OF SIN nicht genug gedankt werden.

Überlege mir, was ich den Brasilianern mit auf den Weg geben könnte, jedoch bin ich hier ein wenig unentschlossen. Sie haben alle Dungeons durchwandert, die bestmöglichen Metall-Rüstungs-Kombis angelegt und alle Easter Eggs gefunden. Sie wissen also, wohin sie sich entwickeln könnten, um beim neuerlichen Durchlauf zu bestehen. Ich hege aber den Verdacht, dass sie dort weitermachen wollen, wo sie hier geendet haben und damit laufen sie in Gefahr eines Tages doch als überholt zu gelten. Na gut, ein kleiner Tipp mehr Eigenständigkeit, das Potential ist eindeutig vorhanden, diese guten 13 Eigenkompositionen wurden ja wohl nicht so einfach aus dem Handgelenk geschüttelt, wenn doch, bin ich jetzt sauer. Güldenes müsste aus einem der monsterverseuchten Ruinen geborgen werden wie Smaugs Schatz, dazu gehört ein wenig Wagemut.
Unbewusst schwingt mit, wer ICON OF SIN kritisiert, kritisiert IRON MAIDEN, Majestätsbeleidigung ist in Großbritannien immer noch ein Grund, öffentlich einen Kopf kürzer gemacht zu werden, um diesen als Dekoration auf der Tower-Bridge auszustellen. Das inkludiert, diesen Longplayer nicht unter vier Sternen zu bewerten. Man könnte mit erhobenem Zeigefinger bzw. Mittelfinger einen halben Punkt Abzug dafür einfordern, dass ICON OF SIN zu sehr nach IRON MAIDEN klingen und ein weiteres halbes Pünktchen, weil, bei aller Liebe, kein echter Klassiker wie etwa „Seventh Son“, oder das wunderbare „Fear of the Dark“ dabei ist, ich hege aber keinerlei Zweifel, dass ICON OF SIN das alsbald hinkriegen werden.

In diesem Sinne schließe ich mit den salbungsvollsten Worten, die in Rock in Rio je offenbart wurden:

"Let there be Rock."

 

"Wenn sich alles normalisiert hat, hoffen wir auf Tour gehen zu können"

Raphael Mendes erklärt in unserem großen Interview, warum Frontiers Music sein Band-Projekt ICON OF SIN pusht, warum er sich 80er-Hard-Rock verpflichtet fühlt und weshalb baldigst in good old Austria auftreten will.

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Richard Kölldorfer (12.04.2021)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE