CANNIBAL CORPSE - Violence Unimagined

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VÖ: 16.04.2021
Bandinfo: CANNIBAL CORPSE
Genre: Death Metal
Label: Metal Blade Records
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Lineup  |  Trackliste

"Violence Unimagined" ist ein Titel, den ich wohl vielen Death-Metal-Bands zugetraut hätte, die sich in ihrer Wahl lyrischer Grausamkeiten selbst übertreffen wollen könnten. Doch wenn ebenjener Titel auf dem Cover eines neuen CANNIBAL CORPSE Albums prangt, fragt man sich unweigerlich, welch unvorstellbare, unbarmherzig-brutale, blutige und zutiefst widerwärtige Gewalttaten die Amis darauf begehen wollen, die sie bisher, also in über 30 Jahren Bestehen, noch nicht verübt haben. Eines sollte also klar sein: CANNIBAL CORPSE sind, und das ist überhaupt nicht abwertend gemeint, längst zu einer Marke geworden, von der man keinen allzu großen Sprünge mehr erwarten sollte. Weder lyrisch noch stilistisch. 

Dass das Mordgeschwader trotzdem nie langweilig wird, liegt am hohen Qualitätsanspruch der Band. Von all den US-Death-Legenden waren und sind CANNIBAL CORPSE schlichtweg die über Jahrzehnte hinweg konstanteste Größe und selbst der Gitarristenwechsel von Pat O'Brien zu Erik Rutan ändert rein gar nichts daran, was natürlich einerseits daran liegen mag, dass Rutan ein fantastischer Gitarrist ist und die Band ohnehin schon seit Urzeiten kennt, andererseits aber wohl auch daran, dass es wesentlich einfacher sein wird, in ein rundum funktionierendes Gefüge dazuzustoßen.

"Violence Unimagined" ist also ein Album, das unverzüglich mit dem zweiten Durchgang - ja, ihr habt richtig gelesen - zündet, weil man den ersten noch, wie gewohnt, dafür benötigt, um alles zu verarbeiten und sorgfältig einzuordnen. All die barbarischen Ausbrüche (in "Murderous Rampage", dem thrashigen "Necrogenic Resurrection" und "Overtorture" beispielsweise steht das Display zum elektrischen Stuhl auf Anschlag), die zerberstenden Grooves (z.B. "Condemnation Contagion", "Surround, Kill, Devour" und "Slowly Sawn") und die irren Tempowechsel (z.B. "Inhumane Harvest", "Cerements Of The Flayed" und "Follow The Blood") wollen schließlich gebührend genossen werden. Was Rutans Beitrag zum Songwriting betrifft, tue ich mich abseits so manch melodischer Soli ("Ritual Annihilation" oder auch "Bound And Burned") schwer damit, diesen genau zu benennen. Das allerdings könnte darin begründet liegen, dass der Hybrid aus Technik und Brutalität, den man insbesondere nach dem damaligen Einstieg Pat O'Briens forcierte, ihm sehr entgegenkommt und es genau gar keine Anpassungsprobleme gegeben haben dürfte.

Eindeutiger sind da seine Verdienste am Klang des Albums, der, wie schon auf "Red Before Black", irrsinnig spektakulär ausgefallen ist. Auch weiterhin möchte ich das okaye Schlagzeug höflich ausklammern, zumal Paul Mazurkiewicz für die wohl abwechslungsreichsten Patterns seit - eh, ja, seit wann eigentlich? - gefühlten Äonen Lob verdient, aber wie wuchtig, sägend und gurgelnd hier die Gitarren und der Bass inszeniert werden, ist für mich im Kosmos CANNIBAL CORPSE nicht weniger als Perfektion. Vielleicht nicht gleichwertig mit dem ikonisch-prägenden Morrisound der Anfangstage, aber eben auf seine exklusive Weise eigenständig und charakteristisch - und damit ideal für die aktuelle Firmware der Band.

Springe ich zurück, fällt mir besonders auf, wie euphorisch ich von "Red Before Black" sprach und wie vergleichsweise seriös ich an "Violence Unimagined" herangehe, obwohl beide qualitativ nicht um Welten getrennt sind. Oder überhaupt nicht getrennt sind. Ersteres hat mich seinerzeit einfach zum richtigen Zeitpunkt komplett pulverisiert und zweiteres lieferte mir im Endeffekt genau das, was ich erwartet habe. Abseits dieser Haarspalterei und den Nullkommafünf Pünktchen Unterschied kann man aber resümieren, dass sich CANNIBAL CORPSE seit ca. 1990 mit kleinen Abstrichen in der Form ihres Lebens bzw. ihrer Karriere befinden und auch mit "Violence Unimagined" keine Schwäche, keine Abnutzung und keine Altersmilde zeigen, auch wenn man lyrisch nicht mehr in denselben Abgründen wie beispielsweise mit einem "Necropedophile" fischt und im Kampf gegen die Zensurbehörden verschmitzt lächelnd klein beigibt, weil man all den albernen Torpedierungsversuchen zum Trotz längst ein Gigant im Metalbusiness ist und das Theater einfach nicht mehr nötig hat. Die Qualität des Schaffens spricht für sich und Splatter-Könige bleiben CANNIBAL CORPSE trotzdem.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (13.04.2021)

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