MATTHIAS ENGELHARDT - Lockdown Luck Down Oder: Rocking the Corona-Apocalypse. Ein humoristischer Pandemie-Roman

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VÖ: 02.03.2021
Bandinfo: MATTHIAS ENGELHARDT
Genre: Roman
Label: tredition GmbH
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WHAT?! Eine Buchrezension bei Stormbringer? Und dann noch nicht mal ein Sachbuch mit musikalischem Inhalt? Ein Roman? Hackt's jetzt bei euch endgültig?!

Na klar. Wenn (geschlechterneutral zu werten) man hier in der Redaktion mitmischt, hat man zwangsläufig Einen an der Waffel - das ist die erste und wichtigste Einstellungs-Voraussetzung für die Arbeit im Sklavenverli.... äh... bei Stormbringer. Aber mal im Ernst. Ich schrieb ja bereits erst kürzlich im DEINE LAKAIEN Review, dass wir der festen Überzeugung sind, eine open gemindete und über den Tellerrand hinaus schauende Leserschaft zu haben. Und natürlich kann es auch bei einem Buch mehr als genug Schnittstellen zum bei Stormbringer beheimateten Stromgitarrenbereich geben. In diesem Fall ist das zum einen der Autor, der neben seiner Tätigkeit als Betreuer des Fantasy Filmfests auch Moderator bei Rockin' Radio und natürlich selbstredend ein großer Metalfan ist. Zum anderen haben wir noch die Hauptfigur des vorliegenden Romans, die ein wenig autobiografisch geprägt, natürlich ebenfalls Metalmucke liebt und ihre Brötchen als - ACHTUNG Überraschung! - (Rock)Radiomoderator verdient. Dazu gibt es jede Menge harte Musik im Buch und einen Running Gag um verschiedene Metalshirts zum Thema Apokalypse (siehe dazu auch das sehr gelungene Buch-Cover!). 

Die vielleicht größte Verbindung zwischen Autor, Buchinhalt und der Leser/Hörerschaft ist allerdings die Corona-Pandemie, die uns nach wie vor auch nach anderthalb Jahren tagtäglich beschäftigt und die einfach jeden betrifft. 

"Lockdown Luck Down" spielt in der Zeit des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr - die Zeitspanne umfasst die Monate März und April. Die eigentliche Story startet nach Vorwort und Prolog damit, dass der Held des Romans, Michael Ritter, nach dem Ende seiner nächtlichen Sendung im Funkhaus auf dem Nachhauseweg durch einen Park die übel zugerichtete, kopflose Leiche eines Mitglieds der örtlichen Rockergang findet und in bester BILD Journalismus-Mentalität erst mal ein Handyfoto von dem Toten macht. Alles für die Story!

Nach dem durchaus gelungenen Einstieg folgt mit Kapitel 2: "Tage wie dieser" für mich bereits einer der beiden Höhepunkte des gesamten Buches. Die von Italien und Spanien auch nach Deutschland herübergeschwappten Hausgemeinschaftskonzerte auf den Balkonen der Republik zum Teil mit beißender Satire auf die Schippe nehmend, lässt Matthias Engelhardt seinen Protagonisten, der die schiefen Gesänge seiner Mitbewohner nicht mehr ertragen kann, seinen ganz eigenen musikalischen "Dankeschönbeitrag" leisten. Wütend bugsiert Michael die Boxen seiner Anlage auf den Balkon und beglückt die Nichttontreffer mit einem Ständchen, in dem er SLAYERs "Raining Blood" in Lautstärke Elf auflegt und dabei splitterfasernackt eine Vorzeigelektion im Fach Luftgitarre zum Besten gibt. Zitat: "... Michael Metal Mike Ritter ließ seinen Kopf in schwindelerregendem Tempo um die Halswirbel kreisen, die Fliehkräfte zogen seine Haare einem wirbelnden Wischmopp gleich im Uhrzeigersinn durch die Luft - und Klein-Metal-Mike sechzig Zentimeter weiter unten propellerte in die entgegengesetzte Richtung..." Das hat schon was und zauberte mir beim Lesen ein wirklich breites Grinsen ins Gesicht, genauso wie die Beschreibung des auf diese Aktion folgenden Shitstorms in der Hausbewohner-WhatsApp-Gruppe und der Face-To-Face-Begegnung mit einer empörten Nachbarin im Treppenhaus.

Im weiteren Fortgang der Geschichte werden die Toilettenpapier-Hamsterkäufe des vergangenen Jahres und die Security geprägte Einkaufssituation in den deutschen Supermärkten wirklich köstlich auf die Schippe genommen (zweites Roman-Highlight). Aus dieser Hauptstory entwickelt sich als Nebenschauplatz eine dezente Lovestory, als nicht Parship sondern das gegen den Hauptdarsteller ausgesprochene Hausverbot bei Rewedeka (genial!) und massiver Klopapiermangel dazu führen, dass Michael und Bonnie sich über den Weg laufen. Auch die Sache mit dem oben genannten kopflosen Herrn entwickelt sich zu einer, in diesem Fall Krimi/Thriller-Nebenhandlung. Auf dem Hauptpfad geht es durchaus auch immer wieder ernsthaft um Corona und die Folgen. So wird Michael erst ins Homeoffice verdonnert und wenig später in die Kurzarbeit geschickt. In dieser Hinsicht werden sich sicher viele von uns im Buch wiederfinden. Richtig schräg wird es dann, als Metal Mike den Aluhut/Verschwörungsfanatiker Randolph (Spitzname Rara) kennenlernt und im späteren Verlauf sogar in dessen oberirdischen (!) Plattenbaubunker einzieht.

Klingt spannend? Nun das ist die Story schon, allerdings leider nur teilweise. "Lockdown Luck Down" ist kein wirklicher Pageturner. Und das liegt zum einen an immer mal wieder auftauchenden Längen, wenn Michael zum Bleistift während einer Radiosendung vier Seiten lang moralingeschwängert zum Thema Corona in den Äther schwadroniert oder sich etwas später ein komplettes Kapitel lang ein ermüdendes Duell zwischen seiner Selbstreflektion zum Thema Religion und den klischeehaften Ergüssen eines Fernseh-Predigers liefert. Da ist der Titel des entsprechenden Abschnittes, "Nichts passiert", schon sehr bezeichnend. Und es gibt auch Schwächen bei den Nebenkriegsschauplätzen. Die Thrillerhandlung präsentiert sich ziemlich abgehackt und nur immer mal wieder über die Gesamtlänge des Buches eingestreut. Ein echter Spannungsbogen kommt leider zu keiner Zeit auf, die Charaktere bleiben flach und ohne Tiefe. Hier wäre definitiv etwas mehr Arbeit und Feintuning an der Storyline erforderlich gewesen. Und auch der Showdown ist reichlich unspektakulär und plätschert mehr vor sich hin, als dass er ein High-Tension-Finale bietet.

An der Lovestory gibt es ebenfalls etwas herumzukritteln. Matthias Engelhardt baut die Geschichte um die entstehende Beziehung zwischen Bonnie und Metal Mike wirklich sehr gut auf: Nachdem der zarte Spross des Verliebtseins aufgekeimt ist, gibt den klassischen Konflikt, der den Fortbestand der jungen Liebe bereits wieder auf Messers Schneide stellt. Die Auflösung des Konflikts und die daraus resultierenden Folgen für Bonnie und Michael wirken allerdings nicht homogen, sondern eher aufgesetzt, so als müsste diese Nebenhandlung jetzt noch auf Teufel komm raus irgendwie zu Ende gebracht werden. Und last but not least wird auch die Geschichte um Michael und Rara, die anfänglich noch sehr amüsant rüber kommt, mit der Zeit, speziell ab Metal Mikes Einzug im Bunker, immer verworrener und auch immer anstrengender. Dazu kommen weitere diverse Kleinigkeiten, die jetzt, um Spoiler zu vermeiden, nicht direkt angesprochen werden sollen.

Schaut man sich vorstehenden Absätze an, so halten sich positive und negative Aspekte weitgehend die Waage. Was in unserem Wertungssystem die Note für Durchschnitt, 2,5 ergeben würde. Doch jetzt kommt noch ein dickes ABER!

Denn "Lockdown Luck Down" ist tatsächlich weit mehr als nur ein Corona-Roman mit Stärken und Schwächen. Vielmehr hat Matthias Engelhardt mit ein paar Extras ein echtes zeitgeschichtliches Dokument geschaffen. Das Buch enthält zum einen als Einleitung zu jedem Kapitel ein interessantes Zitat zum Thema Pandemie, das in irgendeinem Bezug zum Inhalt des folgenden Abschnittes steht. Der eigentliche Clou ist allerdings der Corona-Ticker! Jede Seite des Romans enthält als Fußnote eine News-Schlagzeile aus dem Zeitraum März/April des Jahres 2020. So kann der Leser (wenn man so will in einer weiteren, und auf jeden Fall der besten Nebenhandlung) beim Lesen des eigentlichen Romans chronologisch angeordnet mittels über dreihundert Onelinern den realen ersten Lockdown noch einmal Revue passieren lassen und sich all die Einschränkungen, kruden Ereignisse, aber auch immer wieder aufkeimende Hoffnungsschimmer wieder vor Augen führen. Denn die meisten Ereignisse hat man sicherlich mitbekommen, aber schon wieder aus dem Gedächtnis gelöscht. Und dieses durch intensive und umfangreiche Recherche des Autors zusammengetragene Newsarchiv macht für mich das Buch von Matthias Engelhardt wirklich wertvoll. Denn auch ohne die Roman-Geschichte kann man Engelhardts Werk in fünf Jahren erneut zur Hand nehmen und die bis dahin sicher schon weiter verblassten Erinnerungen wieder etwas auffrischen. Dabei helfen in jedem Fall auch die im "Bonusmaterial" zusammengetragene Chronologie des Corona-Jahres 2020 und einige interessante Statistiken.

Daneben gibt es als weitere Boni eine Corona Play- und Movie-Watchlist. Dazu kommen mehrere Glossare und last but not least auch noch ein Interview mit dem Autor, in dem Matthias Engelhardt einige Einblicke zur Entstehung von "Lockdown Luck Down" gibt und auch zu bestimmten Themen und Fragen das "wie" und "warum" erläutert.

Fazit:

"Lockdown Luck Down" bietet Licht und Schatten, wie die Pandemie selbst. Denn auch wenn die letzten anderthalb Jahre sicher bei jedem von uns an die Substanz gegangen sind (körperlich wie geistig) - neben all dem Schrecken und negativen Seiten von Corona (Verlust von Leben und Gesundheit, massive Einschränkungen der persönlichen Freiheiten und Grundrechte, verlorene Jobs oder ganze zerstörte Existenzen, Vereinsamung, zunehmende häusliche Gewalt, Radikalisierung von Querdenkern, Corona-Leugnern, Impf- und Testgegnern, anhaltender Notstand im Gesundheitswesen, die Bereicherung einzelner an der Not vieler usw.) gab und gibt es doch auch die Mutmacher. Das Zusammenrücken der Menschen trotz der körperlichen Distanz, unerwartete Freundschaften mit Menschen, mit denen man bislang nur eher zwanglos über des Internet kommunizierte. So unglaublich viele kleine Gesten und gute Taten, die große Emotionen und Glücksmomenten auslös(t)en. Eine rasend schnelle Impfstoffentwicklung, die man vor Corona nicht für möglich gehalten hätte. Viele innovative Ideen und Lösungen von Menschen, die trotz der beschissenen Situation nicht den Kopf in den Sand stecken oder aufgeben. Der unglaubliche Support von Künstlern, Musikern und Kulturschaffenden durch ihre Fans.

Und so ist auch das Buch von Matthias Engelhardt. Der Romanteil ist alles andere als perfekt. Aber er hat neben seinen Schwächen auch etliche unbestreitbare großartige Momente. Und die Story ist ja nur die eine Seite der Medaille. Für den Corona-Info- und Archiv-Teil verdient der Autor ausschließlich Lob, der Ticker und der Bonusteil des Buches heben "Lockdown Luck Down" doch um einiges über den Durchschnitt.

Ich habe sehr lange überlegt, welche finale Wertung ich für "Lockdown Luck Down" vergebe. Ist mir der Corona-Sachteil einen halben oder doch einen ganzen Punkt wert? Schlussendlich habe ich mich für letztere Wahl entschieden. Insgesamt betrachtet verdient das Buch die 3,5 Punkte. Nicht aus meiner persönlichen Sympathie-Empfindung heraus, sondern weil Matthias Engelhardts Werk wirklich viel mehr ist als nur ein Roman, der während der Pandemie spielt. Stattdessen hat der Autor einen umfangreichen Datenschatz rund um das Thema "Corona 2020" zusammengetragen und somit ein zeitgeschichtliches Dokument geschaffen, dass allein schon wegen des Sachteils einen Kauf rechtfertigt. Und ich drehe das Ganze jetzt mal um und sage: als Bonus bekommt der Leser sogar noch einen themenbezogenen Roman geliefert. Also, Ende gut - Punkte gut. Und außerdem kann Matthias Engelhardt (sozusagen als Bonus von uns) sich schon mal ans Revers heften, dass nur für ihn und "Lockdown Luck Down" unsere Genre-Schubladen-Tabelle um mehrere Einträge literarischer Art erweitert wurden. Na, wenn das nix ist!



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (13.05.2021)

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