LUNA'S CALL - Void

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VÖ: 30.04.2021
Bandinfo: LUNA'S CALL
Genre: Progressive Death Metal
Label: Listenable Records
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Lineup  |  Trackliste

Nördlich des Hadrian-Walls leben nicht nur widerständige Landesbewohner, die sich nicht gerne einfallenden Völkern unterordnen, nein, diese High- und Lowlander sind geradezu Garanten für ausgezeichneten Prog in allen Schattierungen, das bewiesen unlängst etwa DVNE mit ihrem wunderbaren Album „Etemen Ænka“. Eilfertig regt sich widerständiges Streben südlich des Walls. 
Um es auf den Punkt zu bringen: „Void“ ist das überraschendste, komplexeste, interessanteste Album, das ich seit langem hörte. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, dass sich zunächst kein Label dieses Meisterwerks annahm ist, die Band haute bereits im Herbst letzten Jahres eine Eigenveröffentlichung raus, dass es für nicht-prog-affine Hörer so sperrig, schwer zugänglich aus Lautsprechern dröhnt, dass diese sich womöglich bitterlich weinend abwenden.
Klartext: jemand der mit Prog aus den tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus nicht zurechtkommt, könnte bei „Void“ überfordert sein und das würde sich wiederrum in geringen Verkaufszahlen bemerkbar machen und darum gab es zunächst keinen Vertrag bei einem Major-Label.

Grundsätzlich ist die Aufgabe von Musik-Rezensenten nicht die schwierigste: Strophe, Refrain, Solo, Outro, Intro, Bridge, passt oder passt nicht. Aus Maus. Es gibt wiederrum Bands, die sich diesen Schemata entziehen und „Void“, der zweite Longplayer von LUNA´S CALL, entzieht sich bewusst oder unbewusst jeglicher Kategorisierung. Natürlich sind Anleihen bei den Altvorderen des Prog nicht zu überhören, OPETH, NE OBLIVISCARIS waren sicher Einflüsse, sogar der gescreamte Gesang von Neil Purdy erinnert dezent an Mikael Åkerfeldt, aber hier wurde nicht abgekupfert, eingeschmolzen und in Formen gegossen, hier wurde eine neue, widerstandsfähige Legierung entwickelt, und zwar aus Metallen, die irgendwo im Weltraum erschlossen wurden, auf der Erde sind diese edlen Elemente nicht zu finden. Mit einem Wort, oder fast, „Void“ ist ein Konzeptalbum, das sich den unendlichen Weiten des Kosmos widmet.

Was die Sache so schwierig bezüglich einer Besprechung des Albums macht: Es existieren keine herkömmlichen Song-Strukturen, eher eine Ansammlung verschiedenster Ideen, die aber ein wunderbares Ganzes ergeben, sogar der mehrstimmige Gesang, meiner Meinung bei Metal ein Alarmsignal erster Güte, funktioniert wunderbar. Eigentlich ist der einzige Tipp, den ich hier statt einer Besprechung geben möchte: Hört euch diese midenglischen Motherfucker an, sie sind großartig, aber der Cheffe meinte wieder, so dürfe nicht über aufstrebende, junge, talentierte Musiker gesprochen werden. Gut, dann anders. Wenn ihr nach einem musikalischen Erweckungserlebnis trachtet, ist LUNA´S CALL eine lohnende Adresse.

Jedes Lied hat es verdient, hier besprochen zu werden, so komplex diese Aufgabe ist, ich muss es aber bei einem belassen, wobei bereits diese Wahl eine schwierige ist, darum werden es zwei: „Enceladus & the Life Inside“ bzw. „My Further Cosmonaut“. Lieder, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

„Enceladus & the Life Inside“: Der Gigant Enceladus ein Sohn der Gaia präsentiert sich zunächst als eine Sequenz aus vier wiederkehrenden Takten in 6/4. Nach etwas mehr als einer Minute eine Abfolge weniger Klavierakkorde und dem Text, der in wenigen Zeilen das Aufkommen, den Kampf gegen Zeus und das Entschwinden im Mittelmeer bzw. das Begräbnis unter einem Felsen erläutert. Es folgt eine Sequenz klassischen Progs in ungeraden Takten, eine Unterbrechung, die ein Chor ausfüllt, um die Sequenz zu wiederholen. Das Outro bilden orchestrale Klänge. Großartiges Lied.



„Fly Further Cosmonaut“: Der Start erfolgt bei ungemein dichtem progressiven Death Metal. Nach exakt einer Minute erfolgt die erste Wendung: unverzerrte Gitarren in Kombination mit cleanem Gesang. Nach drei Minuten die nächste Wendung: dichter Power-Metal kombiniert mit cleanem Gesang, der von gescreamten abgelöst wird. Nach fünf Minuten folgt eine seltsam klingende Sequenz in der Art, wie ich mir vorstelle, wenn es klingen muss, wenn Menschen auf eine unbekannte Spezies treffen. Sie muss erstmal klassifiziert werden. Ein unglaublich dichter progressiver Death Metal Teil entfaltet sich mit teilweise mehrstimmigen Gesang gescreamt und clean. Am Ende wird es wieder orchestral, gut denkt man, wir sind am Ziel, langsam Andocken, Major Tom, doch der schwenkt um 90 Grad volle Kraft voraus und lässt zum Ende alles erzittern. Das beste Lied dieses Albums.



Ähnlich wie bei dem vor kurzem besprochenen Album von AZIOLA CRY ist „Void“ ein sehr forderndes Album, das absolute Aufmerksamkeit einfordert. Multitasking ist hier nicht, es offenbart selbst multifunktionalen Sound. Nebenher ein Pläuschchen halten, sicher nicht Hombres, es würde zu einem Overload führen bzw. schlussendlich ein Syntax Error induzieren. 

Weiter macht mich stutzig, dass diese Band bereits mit ihrem zweiten Longplayer ein Meisterwerk dieser Kategorie raushauen, dass einem angst und bange werden kann, vor so viel musikalischem Potential, vor allem, hätte ich die Musiker, mit diesen meisterhaften Skills betreffend Naturmagie im Altersbereich von Gandalf den Grauen eingeschätzt, weit gefehlt.

Fazit: Dem Rezensenten bleibt gar nichts anderes übrig, als erstmalig eine Fünf-Punkte-Wertung abzugeben. LUNA´S CALL eine solche zu verwehren, würde bedeuten, man selbst wüsste nicht um die musikalische Schöpferkraft von „Void“. 



 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Richard Kölldorfer (26.04.2021)

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