AGAINST EVIL - End Of The Line

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VÖ: 14.05.2021
Bandinfo: AGAINST EVIL
Genre: Heavy Metal
Label: Doc Gator Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Hallo Stormbringer-Leserschaft. Ich hab da mal 'ne Frage. Kennt ihr eine Metalband aus Indien? Die meisten von euch werden hier sicher passen (müssen). Diejenigen, die etwas tiefer in der Materie stecken, werden wahrscheinlich die Bangalore-Thrasher KRYPTOS und die Bollywood/Street/Folk Metaller von BLOODYWOOD in den Raum werfen. Und das war es dann auch schon. Könnte man meinen. Aber vier super sympathische Kerlchen aus der ostindischen Hafenstadt Visakhapatnam schicken sich mit ihrem zweiten Album "End Of The Line" an, getreu dem Tim Mälzer Motto (der beste italienische Koch außerhalb Italiens) die bekannteste indische Metal Band außerhalb Indiens zu werden.

Wie alles begann:

Die Story von AGAINST EVIL liest sich zugegebenermaßen schon ein wenig wie die Erfüllung des amerikanischen Traumes "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Auch wenn Siri, Shasank, Sravan und Noble John natürlich (noch!) meilenweit vom Rockstar-Leben in Saus und Braus entfernt sind. Und doch...

2014 in der Millionenstadt und Wachstumsmetropole Visakhapatnam gegründet, veröffentlichten AGAINST EVIL 2015 eine erste EP ("Fatal Assault") und hernach 2018 als Eigenproduktion ihr Debüt "All Hail The King". Bekanntheitstechnisch bewegte man sich innerhalb Indiens allenfalls im Untergrund, und international spielte die Band überhaupt keine Rolle. So weit, so unspektakulär.

Doch dann wurde das Schweizer Label Doc Gator Records durch einen Hinweis aus der Facebookgruppe HEAVY METAL FANS (HMF) auf "All Hail The King" aufmerksam und war direkt begeistert vom Erstwerk der Inder. Doc Gator veröffentlichten die Scheibe daraufhin hierzulande als CD und Vinyl. Und damit begann der Siegeszug von AGAINST EVIL in Deutschland und Europa. Die HMF sind eine eingeschworene Gemeinschaft, weit entfernt von einer bloßen digitalen Social Media Community. In der mittlerweile über 5.000 Mitglieder zählenden Gruppe wird Metal und Metal affine Musik wirklich gelebt und zelebriert. Hier existiert es noch, das viel beschworene Zusammengehörigkeitsgefühl, das der Metal-Szene leider vielerorts mittlerweile abhandengekommen zu sein scheint. Innerhalb der Gruppe werden Werte wie Hilfsbereitschaft, Respekt und Toleranz gegenüber anderen Meinungen extrem groß geschrieben. Viele Mitglieder kennen sich persönlich, und es werden immer wieder reale Stammtische und jährliche Gruppentreffen veranstaltet (zumindest vor Corona).

Das AGAINST EVIL Debüt wurde bei den HEAVY METAL FANS mit immensem Zuspruch aufgenommen, und so entstand der Wunsch, die Band zum 2019er Gruppentreffen in Oberhausen einfliegen und auftreten zu lassen. Was sich anfangs wie ein Wunschtraum anhörte, gewann jedoch immer mehr Gestalt. Und unter der Federführung des Doc Gator Chefs Oliver Rix und einem HMF Orga-Team wurde eine Social Funding Kampagne innerhalb der Gruppe ins Leben gerufen, die unter dem Titel "Projekt Curry" firmierte. Gruppenmitglieder stellten allerlei Schätze aus ihren persönlichen Sammlungen zur Verfügung, die unter den HEAVY METAL FANS versteigert wurden. Innerhalb kurzer Zeit brachte es das "Projekt Curry" auf über 6.000 Euro! Und aus dem Treffen-Konzert wurden 17 Auftritte in vier Ländern (Deutschland, Schweiz, Österreich, Belgien). Zu den Highlights der Tour gehörte neben dem Gig in Oberhausen auch die Show im Rahmen des Essener Kultfestivals Turock Open Air.

Eine wirklich bewegende Story, die beweist, dass der Geist des Metal noch immer in uns steckt. Es braucht hin und wieder einfach einen kleinen Anstupser, um ihn zu entfesseln. Und wenn das geschieht, werden tatsächlich Träume wahr!

Nach dieser spektakulären Vorgeschichte und natürlich auch aufgrund der Qualität des Debüts waren die Erwartungen an das Nachfolger-Album extrem hoch. Aber diesbezüglich kann bereits an dieser Stelle Entwarnung gegeben werden. Denn "End Of The Line" erfüllt die Erwartungen von Hörerschaft und Presse nicht nur, es übertrifft sie in jedweder Hinsicht!

AGAINST EVIL haben sich von dem Druck, der auf dem Quartett lastete, nicht beeindrucken lassen und wirklich in allen relevanten Bereichen mächtig zugelegt. Ob das immens verbesserte Songwriting, das die Songs auf der aktuellen Scheibe wesentlich eingängiger und abwechslungsreicher erscheinen lässt. Oder die massiv gesteigerten Gesangsleistungen der beiden Lead-Sänger Siri und Sravan. Oder die hörbaren Verbesserungen der Instrumentalfraktion im technischen und spielerischen Bereich. Oder der dem Debüt haushoch überlegene Sound von "End of The Line".

Schauen wir doch mal etwas genauer auf die einzelnen Stücke. Der Opener ist klassischer, stakkatoartig aus den Boxen ballernder Midtempo Heavy Metal mit (auch und vor allem beim Gesang) dezenten Thrash-Anleihen. Nach der gelungenen Aufwärmrunde brettert (der Titel ist Programm!) ein mitreißender Speed-Kracher in die Gehörgänge. Abgerundet wird die erstklassige Uptempo-Nummer von einem fantastischen Chorus. "Speed Demon" macht schon aus der Konserve richtig Laune, aber ich bin mir sicher, dass der Track sich live zu einer absoluten Nackenbrecher-Moshpit-Granate entwickeln wird!

"Out For Blood" sprengt dann mal eben den typischen stilistischen AGAINST EVIL Rahmen. L.A. 80s Metal wie aus dem Lehrbuch ist angesagt, und die Inder beamen uns mit diesem grandiosen Partysong sowohl musikalisch als auch lyrisch 35 Jahre zurück in die Vergangenheit. Erneuter Stilwechsel. "Call For War" ist soundmäßig und auch inhaltlich eine bodentiefe Verneigung vor MANOWAR zu ihrer Hochzeit! Episch stampfend und knietief in den Klischees der Lyrics wider den falschen Metal watend, präsentieren uns AGAINST EVIL eine True Metal Hymne vom Feinsten. 

Es folgt der Titeltrack und zweite Vorabsingle. "End Of The Line" prescht in gehobenen Midtempo straight und schnörkellos nach vorn, während Siri dem Stück erneut mit angethrashten Shouts zusätzliche Würze verleiht. Das einleitende Riff in "Sword Of Power" entwickelt sich zu einer großartige Hookline, die sofort hängen bleibt und zu den besten Melodien des gesamten Albums gehört. Und natürlich rockt der Song auch headbangtechnisch ordentlich die Hütte! 

"Metal Or Nothin'" verdient dann noch mal einen eigenen Absatz. Rein musikalisch wie schon "Call For War" eine MANOWAR-Hommage (sogar der Gesang erinnert ein wenig an Eric Adams), würde man das Stück jeder anderen Band um die Ohren hauen. "Überstrapazierung von Klischees und textliche Plattitüden am laufenden Band", würde die Kritik lauten. Aber! Diese Kritikpunkte können beim wichtigsten Song in der bisherigen Historie von AGAINST EVIL nicht angewandt werden. Mal davon abgesehen, dass wir musikalisch hier eine mordsmäßige True Metal Hymne präsentiert bekommen - "Metal Or Nothin'" ist eine einzige große Danksagung und Umarmung an die Fans des indischen Sympathieträger-Quartetts! Schaut euch einfach das hier verlinkte Video zum Song an, dann versteht ihr, was ich meine! Viele der in dem bewegenden Clip zu sehenden HMF Members sind AGAINST EVIL Supporter der ersten Stunde, und es ist so großartig und berührend, die Welle der Begeisterung für die Band auch optisch greifen zu können. Da steht einem dann schon mal das Wasser in den Augen.

Puh ... einmal tief durchatmen und etwas runterkommen. Dann schaltet "Fearless" geschwindigkeitstechnisch zwei Gänge hoch, und ab geht die wilde Fahrt! Als Albumcloser fungiert eine neu eingespielte Version des Stückes "War Hero", das ursprünglich auf der ersten EP aus dem Jahr 2015 zu finden ist. War das Original schon ein arschgeiler Heavy Metal Song, so macht die neue Version tatsächlich eine noch bessere Figur. Die Frischzellenkur lässt "War Hero" gleich viel druckvoller aus den Boxen tönen, der Gesang ist um einiges besser und das Solo eine Nummer tighter gespielt. Alles in allem ist die Re-Recording Variante der gelungene Abschluss eines exzellenten Albums!

Fazit:

Ja, die Vorgeschichte und der bisherige Weg von AGAINST EVIL sind besonders und äußerst bewegend. Allerdings haben diese Dinge keinen Einfluss auf die Besprechung und finale Bewertung der neuen Langrille der Inder. Denn bei aller Sympathie muß natürlich schon ein Grundmaß an Objektivität gewahrt bleiben. Das Debüt hätte von mir gute 3,5 Punkte bekommen. Da aber "End Of The Line" in ALLEN Belangen eine mehr als DEUTLICHE Steigerung gegenüber "All Hail The King" aufweist, halte ich den einen Punkt mehr in der Benotung der aktuellen Scheibe für absolut gerechtfertigt. "End Of The Line" ist in jeder Hinsicht großartig geworden und das muss entsprechend honoriert werden. Die Zukunft gehört AGAINST EVIL, und mit dem aktuellen Album macht die Band einen riesigen Schritt in die richtige Richtung.

 

Ps.: Noch zwei Infos zum Schluss. Ich hatte heute Morgen einen netten, erhellenden und auch erheiternden Plausch mit dem Labelchef von Doc Gator, Oliver Rix. Zum einen ging es darum, dass kein Geringerer als Billy Sheehan (u.a. DAVID LEE ROTH, MR. BIG) den Bass in "Out For Blood" zockt. Ich hatte das in der Rezi nicht explizit erwähnt, weil ich nicht wollte, dass irgendjemand meint, AGAINST EVIL wären auf irgendeine Form von Namedropping angewiesen. Oli hat mir jedoch den Hintergrund der Zusammenarbeit erklärt: "…  Shasank versucht auf jedem Album, einen Musiker zu haben, der die Band maßgeblich mit seinem Spiel beeinflusst hat oder ein großer Held für AGAINST EVIL ist. Das war beim ersten Album Jeff Loomis und jetzt ist es Billy. Das ist der Hintergrund. Billy hörte den Song und fand ihn so stark, dass er den Bass unbedingt spielen wollte…"
Und noch eine lustige Anekdote. Als Oli mit Shasank über meine Vergleiche zu MANOWAR bei den beiden Stücken "Call To War" und "Metal Or Nothin'" gesprochen hat, stellte sich heraus, dass AGAINST EVIL Joe Mayonnaise & Co. überhaupt nicht kennen! Köstlich!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (12.05.2021)

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