VOLA - Witness

Artikel-Bild
VÖ: 21.05.2021
Bandinfo: Vola
Genre: Progressive Metal
Label: Mascot Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Ich würde untertreiben, wenn ich behauptete, dass ich neuen Output von VOLA fiebrig erwartet habe. Und doch war ich geduldig, als die Promokopie ankam, wollte ich doch unbedingt in der richtigen Stimmung für den hochgradig experimentellen Djent der Dänen sein. Bereits auf "Inmazes" leuchteten schon ganz zaghaft die Anlagen auf, die auf dem Nachfolger "Applause Of A Distant Crowd" mit all seinen gelungenen Stilsprüngen und der spannenden Atmosphäre klare Konturen annahmen - Entwicklungspotenzial gab es dennoch, gleichzeitig wuchs aber auch die Fallhöhe. Doch anstatt mit "Witness", so der Titel ihres neuen Albums, Richtung Vergessenheit in den endlosen Moloch des Artworks zu stürzen, wird das Quartett seiner bisher gesammelten Expertise vollends gerecht und verdoppelt - Vorsicht: subjektiv! - die Anzahl der vollkommenen Djent-Bands endgültig auf sage und schreibe Zwei.

Richtig, VOLA orientieren sich mit "Witness", wenn bei stilistischer Beschau auch nur entfernt, allmählich zu VILDHJARTA und ihrem Klassiker "Måsstaden". Weil sie es, genau wie ebenjene Schweden, verstehen, ihre Musik mit Emotionen, Atmosphäre, ja, regelrecht genreuntypischem Tiefgang zu verknüpfen. Ja, mir ist durchaus bewusst, dass es da beispielsweise noch PERIPHERY, TESSERACT und frühe UNEVEN STRUCTURE zu erwähnen gäbe, doch ist mir bei jenen, auch wenn ich diese sehr gerne höre, das Gesamtpaket schlicht nicht (mehr) stimmig genug. Während meistens der Kopf bzw. die Technik zu regieren scheinen, sind bei VOLA Kopf, Herz und Seele nicht nur im steten Austausch miteinander, sondern schlussendlich auch im Einklang.

Kurzum: "Witness" klingt intuitiv, nicht verkopft. Schon alleine die Tatsache, dass man nicht auf Biegen und Brechen harsche Vocals zu integrieren versucht, spricht für VOLA und lässt sich auf ihren gesamten Ansatz, sich eine Freiheit im Songwriting einfach zu erlauben, anstatt im Entstehungsprozess Genre-Checkboxen der Reihe nach abzuhaken, übertragen. Die künstlerische Kompetenz der Dänen liegt darin, vermeintlich unvereinbare Module aus unterschiedlichen Musikstilen zu einem gesamtheitlichen Hörerlebnis zu kombinieren - und das gelingt auf "Witness" nochmals eine Spur besser als zuvor. Hier treffen brachial-dissonante Riffwände auf einprägsame Breitwand-Refrains ("Straight Lines", "Stone Leader Falling Down", "Napalm" und "Head Mounted Sideways"), fluffige Pop-Vibes und zarte Progtupfer auf verträumten Ambient ("24 Light-Years" und "Freak"), und Nu-Metal-Psychosen und Polyrhythmik auf derben Rap ("These Black Claws"). Was mir persönlich (!) im Umkehrschluss aber ein klitzekleines bisschen fehlt, sind die gravierenden atmosphärischen Kontraste, die man auf "Applause Of A Distant Crowd" z.B. mit dem kalten, abweisenden "Vertigo" hatte - abgesehen vom Mittelteil eines "Future Bird" sind diese nämlich quasi nicht präsent. Allerdings ist das, das muss man fairerweise festhalten, nunmal der Preis für ein noch kohärenteres Ganzes, ...

... den ich schlussendlich gerne zahle, weil "Witness" ein packendes, spannendes Werk geworden ist. Ein moderner Progressive-Metal-Hybrid voller toller und - vor allem - sehr gut umgesetzter Ideen. Ein Album, das man wieder und wieder hören möchte, weil die Mischung aus klugen Texten, derbem Metal, traumverlorener Atmosphäre und eingängigen Melodien gnadenlos gut ausbalanciert wurde. Dabei rutschen VOLA trotz prominenter Pop-Einflüsse niemals in Kitsch oder Positivität ab, sondern können eher als sehnsüchtig in die Ferne blickende Romantiker skizziert werden, die in ihrer Lyrik Probleme oder regelrechte Missstände mit einer eleganten Besonnenheit angehen und damit (nicht nur, aber auch) in einer Zeit, in der sich aus jedem noch so kleinen Streitthema ein verbaler Großbrand zu entwickeln scheint, brillieren. Magisch.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (20.05.2021)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE