SILVER LAKE BY ESA HOLOPAINEN - Silver Lake By Esa Holopainen

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VÖ: 28.05.2021
Bandinfo: SILVER LAKE BY ESA HOLOPAINEN
Genre: Folk Rock
Label: Nuclear Blast Tonträger Produktions- und Vertriebs GmbH
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Lineup  |  Trackliste

Hört, hört! Nach 31 Jahren (fast) exklusiver Tätigkeit als Ausnahmegitarrist und (zusammen mit Santeri Kallio) Hauptsongwriter bei AMORPHIS (abgesehen von dem Zweitprojekt CHAOSBREED, Anfang der 2000er) präsentiert uns Esa Holopainen nun sein erstes Soloalbum. Eine Sache, die dem sympathischen Finnen schon eine Weile im Kopf herumspukte, und die aufgrund des aktuellen allgemeinen Corona-Stillstandes, vor allem was den Livebereich der Musikbranche angeht, im Verlauf der letzten Monate in die Tat umgesetzt wurde. Den Anstoß dafür gab im Frühjahr der bekannte finnische Produzent Nino Laurenne (u.a. AMORPHIS, ENSIFERUM, FINNTROLL), als er Esa darauf hinwies, dass der sich damals über ganz Europa ausbreitende Lockdown ein guter Zeitpunkt sei, mit den Arbeiten an dem Album zu beginnen.

Esa hatte im Lauf der Jahre viele Songs geschrieben, die nicht direkt zu AMORPHIS passten, und so kam es, dass bereits beim Start des SILVER LAKE Projektes drei fertige Stücke vorlagen. Diese Tracks mit den Titeln "Sentiment", "Ray of Light" und "Promising Sun" fungieren laut Esa als Rückgrat für das gesamte Soloalbum. Zu Beginn stand kurz die Überlegung, die Scheibe rein instrumental zu halten, aber dann entschloss Holopainen sich dazu, mit verschiedenen Sängern zu arbeiten, auch weil er Lust darauf hatte "...mal wieder selbst nicht nur zu komponieren, sondern auch Texte zu schreiben...". Die Lyrics bei AMORPHIS stammen ja zum großen Teil von dem finnischen Künstler Pekka Kainulainen.

Esa hat auf seinem Solo-Debüt eine Reihe von Ausnahmekünstlern für die Gesangsparts um sich geschart. Angefangen bei seinem AMORPHIS Kumpel Tomi Joutsen über Björn 'Speed' Strid und Jonas Renkse bis hin zur wundervollen Anneke Van Giersbergen gibt sich hier die stimmliche Creme de la Creme die Klinke in die Hand. Und auch die Instrumentalfraktion wartet mit exzellenten Musikern auf. Neben den Gitarren von Esa, übernahm Vili Itäpelto (SERAPHIEL, TRACEDAWN) die Keyboards, Pasi Heikkilä (HEVISAURUS) ist am Bass zu hören, und die Drums teilen sich Sampo Haapaniemi (EGOTRIPPI) und kein Geringerer als Gas Lipstick (HIM). Musikalisch und gesanglich sieht das auf dem Papier ja schon mal sehr vielversprechend aus. Doch wie schlägt sich "Silver Lake By Esa Holopainen" in der Realität?

Die Debüt-Langrille startet mit "Silver Lake" einem Instrumental. Da davon auszugehen ist, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Hörerschaft mit einem AMORPHIS Background ausgestattet ist [so wie auch der Rezensent, Anm. d. Verf.], fällt schon nach den ersten Tönen auf - JA - dies hier ist anders als die Musik von Esas Hauptband, und doch wird sich jeder AMORPHIS Fan schon beim Hören des Openers sofort zu Hause fühlen. Denn natürlich hat Esa Holopainen über drei Dekaden hinweg dem Sound der finnischen Melodeather seinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt, und bestimmte Signaturen lassen sich auch für ein von AMORPHIS losgelöstes Soloprojekt nicht einfach ausschallten.

Neben allen Unterschieden - SILVER LAKE ist folk- und Prog inspirierter (Hard)Rock mit gelegentlichen härten Ausbrüchen, der aber auch vor einer leidenschaftlichen Affäre mit Pop-Klängen nicht zurückschreckt - die grandiosen Melodien, die warme Melancholie und die Verträumtheit sind wiederum nicht von der Hand zu weisende Gemeinsamkeiten. "Silver Lake" bietet auch ohne Gesang einen wunderschönen Einstieg in das Album und bereitet die Ohren auf das vor, was den Hörer in den kommenden acht Songs erwartet.

Es folgt "Sentiment", und man ist sofort ergriffen von der samtenen Stimme des KATATONIA Fronters Jonas Renkse, der hier eine unglaubliche Gesangsleistung abliefert. Dies und die traumhafte Melodie sowie ein erstes Esa-Solo zum Verlieben machen aus "Sentiment" bereits das erste Highlight der Platte. Und weiter geht es Schlag auf Schlag. "Storm" war die erste Vorabsingle. Und seit dem ersten Durchlauf liebe ich die raue Stimme des NORDMAN-Sängers Håkan Hemlin! Der Gesang verleiht dem Stück eine regelrechte Urgewalt, was im zur Single produzierten Video auch hervorragend in fantastische Bilder umgesetzt wurde. Zu Beginn erinnert die Nummer, vor allem wegen Drums, ein wenig an die Musik von Steve McDonald, hernach entwickelt das Stück sich zu einem mitreißenden Folkrock-Song und schließt damit den Kreis zur folkloristischen Ausrichtung von NORDMAN.

"Ray Of Light" ist in jeglicher Hinsicht etwas Besonderes. Am Anfang präsentiert sich der Titel mit einer melancholischen Synthpop der Marke HURTS meets Softrock Attitüde. Doch sobald Einar Solbergs Stimme das erste Mal einsetzt, brechen alle Dämme. Man fühlt sich an Morten Harket (A-HA) und im Chorus dann an Jimmy Somerville erinnert. Was Solberg hier gesanglich abliefert, ist nicht von dieser Welt, und diese unglaubliche Darbietung des Frontmannes der Prog Metaller LEPROUS (unbedingt antesten!!!), macht "Ray Of Light" zu einem absoluten Album-Highlight!

Harter Schnitt. Unvermittelt bekommen die getragenen melancholischen Klänge von "Alkusointu" eine regelrecht doomige Note, während der in Finnland sehr bekannte und geschätzte Schauspieler, Musiker und Kabarettist Vesa-Matti Loiri äußerst ergreifende Spoken Words zur Untermalung der herzzerreißenden Musik beisteuert, die im weiteren Verlauf des Songs immer stärker von teils psychedelisch, teils spacig klingenden Keyboards bestimmt werden, die "Alkusointu" noch mal eine ganz eigene Note verpassen.

"In Her Solitude" ist der wohl am meisten an AMORPHIS erinnernde Song des Albums. Zum einen handelt es sich um das phasenweise härteste Stück auf "Silver Lake" (der Beginn erinnert leicht an "Death Of A King" oder "The Golden Elk"). Zum anderen drückt Tomi Joutsen natürlich sowohl was seine Growls angeht als auch mit seinem Klargesang "In Her Solitude" einen massiven Stempel auf.

In Track Nummer Sieben darf dann Björn Strid ans Mikro. Und zwar weniger mit seinen gescreamten Vocals, die er bei SOILWORK zum Besten gibt. Vielmehr meint man sich bei "Promising Sun" unvermittelt in einem THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA Song wiederzufinden, bei dem die Gitarren etwas mehr in den Vordergrund gemischt wurden.

Und danach ertönt Meisterwerk Nummer Zwei der SILVER LAKE Debüt-Scheibe! Anneke Van Giersbergen hat ja auch schon mit AMORPHIS zusammengearbeitet. Und "Amongst Stars" war ein echter Hit. Doch die Komposition, die Esa bei "Fading Moon" geschaffen hat und die von Annekes Gesang nochmals veredelt wird, lässt den Hörer zurückreisen, in die Mitte der 90er, und damit in die Hochzeit von THE GATHERING mit "Mandylion" und "Nighttime Birds". "Fading Moon" könnte absolut auf einem dieser beiden Alben enthalten sein und steht in einer Reihe mit so großen Meilensteinen wie "Leaves" oder "Kevin's Telescope".

Zum Abschluss darf auf dem Album-Closer noch einmal KATATONIAs Jonas Renkse ans Mikrofon treten und dem gegen Ende hin immer progressiver werdenden Stück seine warme stimmliche Note wie einen weichen Mantel umlegen. Würdiges Finale eines großartigen Erstlings-Werkes!

 

Fazit:

Ich bin auch nach dem 30sten Durchlauf des Solo-Albums von Esa Holopainen immer noch total begeistert. Wirklich wunderschöne Musik! Abseits von Esas Hauptarbeitsplatz AMORPHIS schafft der Finne mit erlesenen Gastmusikern und Sängern knapp vierzig Minuten eine Atmosphäre zum Träumen, Fallenlassen, Ausbrechen aus dem Alltag. Der Sound der Scheibe ist exzellent, die Kompositionen qualitativ hochwertig und vielschichtig, und auch die Lyrics tragen viel zum stimmigen Gesamtergebnis bei. Wer weiß, ob diese Scheibe ohne Corona so überhaupt zustande gekommen wäre, schließlich muss man ja auch sieben Gastvokalisten und die Musiker terminlich erst mal unter einen Hut bekommen. How ever, wer etwas mit folkloristisch melancholischem Rock mit gelegentlichen metallischen und progressiven Elementen etwas anfangen kann, ist bei SILVER LAKE BY ESA HOLOPAINEN genau richtig. Und von mir aus darf der AMORPHIS-Gitarrenhexer zukünftig noch gern weitere solcher musikalischen Prachtstücke veröffentlichen!

 

 

 

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (01.06.2021)

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