ENDLESS CHAIN - Forthcoming Past

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VÖ: 25.06.2021
Bandinfo: ENDLESS CHAIN
Genre: Melodic Death Metal
Label: Rockshots Records
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Lineup  |  Trackliste

Wir alle kennen doch das Gefühl, dass die Vergangenheit uns einholt. Ob im größeren Rahmen, weil wir eine eklatante Fehlentscheidung getroffen haben, oder eben im kleineren Rahmen, wenn wir unsere Arbeit und kleineren Problemchen an den schlechtesten Mitarbeiter abdrücken, den wir haben: Unser zukünftiges Ich. So oder so scheint sich der Kreislauf der Zeit immer wieder zu schließen, mal mit einem größeren, mal mit einem kleineren Orbit. Auch ENDLESS CHAIN haben das Konzept des Kreislaufs gut verstanden, denn wenn eine Kette etwas ist, dann endlos. Aber zurück zur Vergangenheit. Auf dem Albumcover lässt sich wohl eine Pforte erkennen, die an die des Himmels gemahnen soll. Bleibt die Frage, wie moralisch der Mensch sein karges Dasein verbracht hat, um abzuwägen, ob er eine Beförderung in die Chefetage des Allvaters oder eine Gehaltskürzung und den beruflichen Abstieg in den Hades verdient hat. Die wenigen Groschen, die der Seele nach dem Fall in das Reich der Toten bleiben, werden diesem dann auch noch frecherweise vom unappetitlich aussehenden Taxifahrer Charon abgezwackt. 

Das sind allerdings Probleme, die sich Timo Mölsä noch nicht entgegenstellen, denn er lebt ja noch. Vor fünf Jahren, also coronabereinigt ca. 3 Jahren, hatte der Finne sein musikalisches Erwachen und es formte ihm sich die Idee eines musikalischen Projektes. Sein Freund Ari Hokkanen half ihm nicht nur dabei sich die Gitarre mal wieder zu Gemüte zu führen, auch steuerte er einige Lyrics bei, die sich auf dem Album zu den frischen Klängen gesellen. Zugegebenermaßen lässt sich Mölsä als Spätstarter, oder euphemistischer "late bloomer" bezeichnen, was das Musizieren anbetrifft, aber solange ihn seine Vergangenheit als Nicht-Musiker nicht einholt, sollte das dem Soloprojekt keine Steine in den Weg legen. Immerhin hat Mölsä über 30 Jahre Erfahrung was das Hören von Musik angeht und da ich über zwanzig Jahre Erfahrung mit dem Lesen von Wörtern habe, darf ich auch diesen Text schreiben. Da Mölsä Gitarrist ist und ein Album ohne Gesang und nur mit Gitarre recht eintönig sein kann, suchte sich Mölsä einige andere Landsleute zusammen, denn in Finnland soll es ja einige Metal-Begeisterte geben, was auch die zahlreichen Gäste auf der Scheibe erklärt. Unter diesem skandinavischen Fundus aus versierten Musikern finden sich tatsächlich auch bekanntere Namen, wie Sami Yli-Sirniö von KREATOR, oder Samuli Mikkonen von KORPIKLAANI. Jener Herr Mikkonen brachte Mölsä auch zu dem Produzenten Aleksanteri Kuosa, der einen großen Einfluss auf die Platte gehabt haben soll. Von den 20 Songs, die Mölsä ihm präsentierte haben es dann letztlich eben die zehn, die wir auf diesem Werk hören können auch durch den gesamten Prozess geschafft.

Nun aber zum Werk als solches: 

Die Vergangenheit kennt kein Erbarmen und holt uns schon im ersten Song ein, denn der Titeltrack darf die Himmelpforte des Albums öffnen. Ein langsames und bedrückendes Intro bildet den Beginn des Albums, die Streicher und Synthesizer werden ergänzt von einem langsamen und schmetternden Drum-Beat, der immer mehr Spannung aufbaut. Letztlich senkt sich der Spannungsbogen aber wieder und die Stimme von John Egerton beginnt etwas zu erzählen, bis sich dann auch einer der Sänger aufgeforderte fühlt seinem Handwerk nachzukommen. Insgesamt behält das Stück ein langsames, aber fast stampfendes Tempo bei und wallt die sechs Minuten Laufzeit wie eine langsame Welle hinfort. Die Vergangenheit ist also gar nicht so schnell wie man immer meint, vielmehr schleicht sie sich langsam heran, an diejenigen, die tief im Sumpf der gegenwärtigen Probleme stecken und letztlich von ihr verschluckt werden. Gerade die klagenden Gesänge sorgen für eine wirklich interessante Atmosphäre, die durch die Dopplung der Stimme noch interessanter gestaltet wird. Die Zeile "I need to be free" schließt natürlich gut an das Thema an, sich von den negativen Erinnerungen der Vergangenheit freimachen zu wollen, bleibt nur die Frage, inwiefern man sich von unendlichen Ketten befreien kann. 

"They're the Ones to Fall" startet ebenfalls eher ruhig, lässt aber nicht lange auf den Gesang warten, der sich langsam in den Refrain hineinsteigert und mit eingängigem Riff und akzentuierter Rhythmusgitarre den Spannungsbogen etwas hält, um diesen, in der folgenden Strophe erneut zu spannen. Auch dieses Stück spaziert von Ohr zu Ohr, ohne dabei aus der Melodie zu fallen, bis dann vor dem dritten Refrain auch etwas Geschrei die Harmonie zerbricht. Der gutturale Gesang darf sich auch im abschließenden Refrain dazugesellen und doppelt die klaren Vocals bis zum Ende des Songs. Bei allem Respekt, aber nach der angeblichen Vorlage AMORPHIS oder HALLOWEEN, was ohnehin eine zu hinterfragende Kombination ist, klingt dieses Album bisher kaum. Viel ruhiger und zurückhaltender verhält sich die Musik bisher, um sich mit diesen Beispielen vergleichen zu lassen. Ist das schlecht? Nein, überhaupt nicht, aber irritierend. Denn auch der Track "Hold out Hope" kommt eher wie eine ruhige Ballade daher und durch die Streicher im Hintergrund, sowie die langsam über die Saiten gleitenden Finger Mölsäs wird der Eindruck umso mehr gefestigt. Die Vocals passen nach kurzer Eingewöhnung wirklich gut zu den ruhigeren Klängen des bisherigen Albums und vor allem die orchestrale Atmosphäre dieses Stücks, gepaart mit den sich nun etwas härter gebenden Gitarren, wissen vollends zu überzeugen. Nicht zuletzt Mölsä, der hier auch einmal seine ganzen Fähigkeiten an der Gitarre zeigen kann, machen den Song vollständig. 

Auf "All of the Above" dürfen sich dann zwei unbekannte Stimmen das Mikrofon teilen, beziehungsweise mit Mindestabstand in ihr eigenes, mit einem textilen Strumpf bekleidetes Mikrofon, welches dadurch vor Aerosolen, was viele ja immer noch für einen Lufterfrischer halten, geschützt ist, hineinsingen. Die Stimmen passen gut zueinander und auch zu dem etwas, die Betonung liegt auf etwas, schnelleren Song. Gerade die Passagen mit gutturalem Gesang und erhöhtem tempo wissen zu überzeugen, wenngleich das Stück nicht ohne einige hintergründige Knistergeräusche auszukommen scheint. Inwiefern diese intendiert sind, sei mal dahingestellt. Es gibt dem Ganzen, wenn man es gutmütig betrachtet einen gewissen Retroflair, kann aber bei hoher Lautstärke auch den Hörgenuss negativ beeinflussen. 

Da diese nahezu wahnwitzige Geschwindigkeit des vorherigen Stückes die Hörer*innen vermutlich mit unfassbarer Intensität aus ihren Sesseln gepeitscht haben muss, beginnt "A Letter" wieder mit einem gemütlichen Spaziertempo und klarem Gesang, der von einer Akustikgitarre an die Hand genommen wird. Die zurückhaltenden Drums werden von einem Piano unterstützt und gewinnen immer mehr an Tiefe. Das Arrangement des Songs steigert sich von Sekunde zu Sekunde, wie auch der Gesang immer emotionaler wird. Neben dem Piano setzen noch Shaker ein und das gesamte Stück verwandelt sich in ein fast musicalhaftes Werk, indem man sich wunderbar verlieren kann, wenn man sich drauf einzulassen gewillt ist. Mikko Heikkilä macht hier als Sänger auf jeden Fall einen guten Job, wird aber von Ville Hovi für den folgenden Song "Nothing More" in Sachen Clean-Vocals abgelöst. Während der klare Gesang das Gehör massiert, darf Aki Salonen seine gutturalen Noten einstreuen und gleichsam nimmt auch die Aggressivität des Stückes zu. Wummernde Riffs und klare Drums, die sich durchaus auch mal an die Double-Bass wagen geben diesem Song endlich die Härte, die man vielleicht vermisst hat, wenn man sich vorher die musikalischen Vorbilder angesehen hatte. Ein wirklich gut gelungener Song, der diesmal auch ohne Störgeräusche während des gutturalen Gesangs auskommt.

Da dieser Track tatsächlich dafür sorgt, das Herz der Fans von gepflegter Gitarrenmusik höher schlagen zu lassen, darf uns im nächsten Stück eben jener Herzschlag begrüßen. Doch damit nicht genug, auch eine weibliche Stimme gesellt sich zu dem erneut fast meditativen Ambiente. Salla Sundberg im Duett mit dem schon erwähnten Mikko Heikkilä wissen auf jeden Fall, wie sie den Titel des Songs "Feel" in wahrhaftes Empfinden der Hörer*innen umwandeln können. Die Musik bleibt dabei absolut im Hintergrund, ja fast unspektakulär. Ist das noch Finnland oder schon der sanfte Gesang der Valkyren, die die gefallenen Kriegerseelen Richtung Vallhalla geleiten? Und wie viele Balladen hält ein Album mit dem Stempel "Melodeath" eigentlich aus, bevor man sich ernsthaft fragen muss woher man hier den zweiten Teil des Wortes, um nicht zu sagen das Determinatum, hernimmt?

Auch wenn der Titel "The Wild One" irgendwie verspricht diese Frage erhört zu haben, wird man doch wieder ruhigen Klängen gehörig. Spaß beiseite, auch dieses Stück ist wieder gut gelungen und lässt kein Instrument unbenutzt, um die Atmosphäre zu kreieren, die jeden Hörer/jede Hörerin in ihre Arme schließen kann. Kontrabässe erzeugen ein wohlig warmes Gefühl und harmonieren wunderbar mit den akustischen Gitarren, sowie den verhaltenen Drums.

"Scars on Me" steigert sich mit einem vielversprechenden Intro immer und immer weiter, doch die gewünschte Entladung wird nur teilweise dargeboten. Die Riffs sind zwar eingängig, lassen jedoch die letzte Konsequenz vermissen, als habe man die Ecken einfach abgeschliffen. Trotzdem geht der Songs natürlich gut ins Ohr und gibt der Platte eine weitere Farbe, die man nicht so ganz erwartet hätte. Fast ein wenig oldschool wirkt dieser Track, nicht zuletzt aufgrund der Stimme von Ville Hovi.

Das Album einrahmen und zum Abschluss bringen darf der Track "Memories" der ja thematisch wohl ganz klar an das erste Stück anschließt. Doch nicht nur thematisch haben wir hier einen Song vorliegen, der ganz deutlich auf das Intro referiert, auch musikalisch sind die Parallelen nicht zu leugnen. Die Synthesizer wummern über den Hintergrund und man hört nicht ein Instrument, außer der Stimme von Mikko Heikkilä, bis dann ab der Mitte des Stückes wenigstens den Drums die Tür aufgeschlossen wird. Diese scheinen sich allein zu fühlen und lassen auch das Piano und die Akustikgitarre eintreten, ohne dabei die Synthesizer zu verscheuchen. Der Song weckt wortwörtlich Erinnerungen an das Stück "Forthcoming Past" und schließt die Platte somit gebührend ab. 

Was bleibt bei alledem zu sagen? Das Prädikat Melodeath ist diesem Album wohl nur in den wenigsten Momenten zuzuschreiben. Vielmehr zeichnet es sich durch die Atmosphäre und die orchestralen Balladen aus. Wer auf eine Chance hofft ein Nackenworkout in diesem Album zu finden wird enttäuscht werden. Wer jedoch in eine musikalische Welt hinabtauchen möchte, um sich bei den melodischen Klängen von seiner/ihrer Nostalgie berieseln zu lassen, der/die wird seine/ihre Freude mit diesem Album haben. Die Platte ist abwechslungsreich genug, um nicht zu langweilen und entspannt genug, um nicht aus der Tagträumerei zu reißen. Mal sehen, wie sich das Projekt des Herrn Mölsä noch entwickelt, Finnen, die zu musizieren wissen, gibt es ja genug. Die Zeit läuft in jedem Falle weiter und läuft die Vergangenheit etwas schneller, wird sich Mölsä vielleicht erinnern, dass er ja noch zehn unveröffentlichte Songs übrighat, die das Licht der Welt erblicken möchten.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Joel Feldkamp (18.06.2021)

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