OPHIDIAN I - Desolate

Artikel-Bild
VÖ: 00.00.2021
Bandinfo: OPHIDIAN I
Genre: Technical Death Metal
Label: Season of Mist
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Endlich! Die totgeglaubten Götter des Nordes (Jo eh, Götter sind unsterblich.) haben endlich meine Gebete erhört. Eine Technical-Death-Metal-Band aus dem Lande von Feuer und Eis, Island, und was für eine: OPHIDIAN I mit „Desolate“, liegt bereit, um meine Gehörgänge zu durchdringen. Desolat ist hier nur mein empathisch masochistischer Zugang zu diesen Kriegern aus der Kälte. Nix Ice, Ice, Baby, sondern musikalisch hochwertiger Metal am Limit.

Beim Ansehen eines YouTube-Videos dachte ich, wer in dieser Geschwindigkeit, in dieser Komplexität und Präzision Äxte schwingt, muss nach wenigen Nummern zerkaputtet sein. Es gibt kaum eine Metal-Band, die ich lieber live sehen würde als OPHIDIAN I, um zu erschließen, wie sie das hinkriegen.

By the Way, was soll Ophidian überhaupt bedeuten? Ist es eine Abwandlung des Namens von Orpheus in nordischer Sprache? Der, der ewig weiterspielt, selbst nachdem ihm der Kopf vom Leibe gerissen wurde. Und weil möglicherweise der Eingang zur Unterwelt doch droben im Norden ist, wer weiß das denn schon so genau, muss ein heller Vokal, das I, herhalten? Weit hergeholt. Nein, es ist eine Schlange.

Zur Verdeutlichung, welche Heidenarbeit die Veredelung von Schwermetall bedeutet, wird hier weiter unten ein Drum-Playthrough-Video angefügt.

Nach den ersten drei Liedern: „Diamond“, „Spiral To Oblivion“ und „Storm Aglow“ taten sich Abgründe, ähm, nein, Fragen auf. Ich verstand nicht so recht, warum es bei OPHIDIAN I, die explizit darauf verweisen, technisch anspruchsvollen Metal kreieren zu wollen, keine Verschnaufpausen für Hörer*innen bzw. Musiker gibt. Ist diese technische Raffinesse, diese Finger brechende Geschwindigkeit sozusagen das Erkennungsmerkmal dieser Band? Nach jedem angedeuteten Break geht es munter weiter, immer weiter, höher, schneller. Es kömmt fast der Olympische Gedanke auf und zwar nicht der das Dabeisein ist Alles. Der Gesang changiert nicht unaufhörlich wie die musikalische Ausformung und das hätte meiner Meinung dem Werk gutgetan. Ja, NE OBLIVISCARIS.

 „Captive Infinity“ wird mit akustischem Intro gestartet, das aber abrupt durch Technical Death Metal geradezu hinweggefegt wird und die Gitarren-Soli am Ende in atemberaubender Technik und Geschwindigkeit, deuten an, dass Yngwie Malmsteen nicht zum alten Eisen gehört, die Wikinger-Zunft indessen hält mehrere Eisen im Feuer.
Was das Song-Writing betrifft, hielte ich es für besser, wenn hier akustische und elektrifizierte Passagen abwechselnd ein Ganzes ergeben hätten, es würde den Spannungsbogen stringenter, zugfester gemacht haben. 
 
Auf die einzelnen Lieder dieses Longplayers will ich hier gar nicht eingehen. Hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben würde, aber manchmal kann es von Vorteil sein, technische Raffinesse hintan zu stellen und das Song-Writing in den Vordergrund treten zu lassen. Es ist alles musikalisch sehr ausgefeilt, ich kann mich aber an kein Riff, keine Melodie erinnern, die mir im Ohr hängen geblieben wäre. Für, sagen wir mal, „normale“ Metal-Hörer*innen, die kein Instrument spielen, könnte ich mir vorstellen, dass dieses Gesamtpaket zu gewichtig zu wuchtig einschlägt.

Bei OPHIDIAN I sind zweifelsfrei großartige Musiker am Werke, jedoch fühlte ich mich nach dem Durchhören der ganzen Platte erschlagen, in etwa so, als würde Thor einem mit seinem Hammer die Ohrwacheln massieren. Um mich zu wiederholen: Der Gesang müsste wie die Musik ausgefeilt und technisch brillant reinhauen, damit die Sache abgerundet würde.

Bei aller Kritik: Wie könnte dieses Werk unter vier Sternen bewertet werden, ohne den Zorn der Götter heraufzubeschwören?



 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Richard Kölldorfer (20.07.2021)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE