WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER - Das Album

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VÖ: 24.09.2021
Bandinfo: WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER
Genre: Deathcore
Label: AFM Records
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Lineup  |  Trackliste

WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER – Das Album – Das Review


Der Anfang

Meine Aufmerksamkeit wurde einst durch eine kosmische Kraft, die in etwa klang wie: „Alter, hör dir das mal an, das ist das Geilste überhaupt!“, auf WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER gelenkt, als die ersten beiden Alben bereits eingeschlagen waren. Musik, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttern und nachhaltig verändern sollte. Kinderlieder auf Trance infused Deathcore waren heißerer Scheiß als „Der Herr der Ringe“ auf Gras, Wodka-Energy-Wackelpudding und das grundlegende Konzept von Internetpornografie zusammen! Dann ein Paukenschlag. Die eine Hälfte der trancecore-göttlichen Zweieinigkeit, Tobi, war bereits nicht mehr in der Band. Schade!

Das Mittelalter

Aber zum Glück machte Marcie mit einer Hand voll anderer Musiker weiter. Das war mal echt gut, mal ganz OK, mal nicht ganz OK, aber die Konzerte haben immer wieder Spaß gemacht. 2019 hieß es dann nach neun Jahren einigermaßen schwankender Ziemlich-Okayness – Tiefpunkt „Goldkinder“, Höhepunkt „Wieder geil!“ – dass WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER das Brot wieder so buttern wollten, wie das musikalische Weltherrschaftsprojekt im Kinderzimmer einmal gestartet ist. Tobi kehrte zurück. Während sich andere nur gefragt haben, wer das sein soll, habe ich Freunde verloren, weil ich ihnen diese Information zu laut und zu oft ins Gesicht geschrien habe.

Die Rückkehr

Tobis Rückkehr war dann allerdings nicht allzu bald auch akustisch zu vernehmen. Erst Anfang 2021 erschien der erste neue Song in alter Zusammensetzung, eine Coverversion von „Hypa Hypa“ von ESKIMO CALLBOY. Und was für eine Coverversion! Die Rückmeldungen, dass die WE-BUTTER-Version das Original wahlweise „maßlos übertreffen“ oder auch „restlos zerficken“ würde, regneten hernieder wie Vergleiche, die man im flutlastigen 2021 lieber nicht macht. Waterworld-Level über 9.000, Diggi!

WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER sind also zurück und lassen das vergangene Jahrzehnt wie einen unsicheren pubertären Trip durch die Hipsterjahre des doch etwas zu angesagten Berlins erscheinen, der nun beendet ist. Marcie hat seinen Tobi zurück. Rechtzeitig zwei Tage vor der Bundestagswahl in Deutschland wird die einzig wahre Hoffnung für das Land – ach, was sag ich, für die Welt! – erscheinen: „Das Album“.

„Das Album“

Was zunächst wie ein einfallsloser Titel klingen mag und auch auch vom Promotext mit „dass kreative Namensgebung nicht ihr Ding ist“ abgetan wird, ist Programm. Es ist DAS Album! Das Album, auf das wir alle gewartet haben (sollten). Die Titel-gewordene Kulmination aus Understatement und Übertreibung. Ja, ich behaupte, dieses auf den ersten Blick vielleicht belanglos, vielleicht sogar albern anmutende Werk ist „Der Meilenstein“, „Die neue Messlatte“, „Das Nonplusultra“ der gesamten Musikwelt. „Das Album“ gehört in jedem Feuilleton unserer Galaxie diskutiert! Deine neue Playlist sollte 41 Minuten und 26 Sekunden lang sein und sich dann wiederholen – in Endlosschleife!

Aber um das zu verstehen, müssen wir einen Bogen spannen, der meine journalistischen Fähigkeiten an ihre Grenzen und darüber hinaus bringen wird. Ich werde barfuß durch den krokodilverseuchten Sumpf der Kunsttheorie waten! Somit entschuldige ich mich an dieser Stelle schon einmal dafür, der Platte bei weitem nicht gerecht werden zu können und dass der Versuch, „Das Review“ schreiben zu wollen, nur ein Tribut an das Review meiner utopischen Träume vom reviewigsten Review aller Zeiten sein wird und auch nur sein kann.

Die Kunst

Was ist Kunst? Aus Gründen wie „Das Thema ist zu groß!“ und „Ich bin nicht der geeignete Mensch, das wirklich kompetent zu beleuchten!“ überspringe ich diese Frage weitgehend und widme mich einem aktuellen Aspekt der Kunst: der nicht klar abgrenzbare Graubereich zwischen höchster Kunst und alltäglicher Belanglosigkeit. Jeder, der schon mal gesagt oder gehört hat: „Was? Damit ist Picasso berühmt geworden? Das kann ich auch!“, oder: „Eine verdreckte Badewanne? Das ist doch keine Kunst! Joseph Beuys spinnt doch!“, oder: „Seit Autotune kann wirklich jeder zum Star werden!“, erhält vielleicht bei genug Hirnschmalzeinsatz eine Ahnung davon, dass Kunst – auf ihren langweiligen, rein ästhetischen Part sei hier geschissen – eine Kombination aus neu und anders ist (keine vollständige Definition!). Ein Feld, in dem Kunst heute noch neu und anders sein kann, ist neben der fast schon veralteten imitierten Alltäglichkeit die unmarkierte Ironie – der (bisher nie) so genannte Money-Boy-ismus, der dem Rezipienten verheimlicht, ob die künstlerischen Erzeugnisse alberner Spaß oder doch komplett ernstgemeint sind. Damit haben wir zwei wesentliche künstlerische Streitpunkte, die „Das Album“ von WE BUTTER ausmachen: „Was soll denn daran besonders sein?“, und: „Meinen die das ernst?“

Das Alberne

Sowohl die Band als auch der Promo-Text geben sich maßlos überzeichnet, bis zur Lächerlichkeit albern. Damit könnte man die Frage als hinfällig erachten, ob das große Kunst sei. Allerdings entsteht Kunst in der Rezeption, nicht in der Produktion, in diesem Fall also nicht, wenn Marcie und Tobi ihre Musik einspielen, sondern wenn du und ich sie uns anhören. Darüber hinaus kaufe ich den Künstlern die demonstrierte Belanglosigkeit ihres Schaffens nicht ab. Beispielhaft dafür sei hier der 2010 erschienene Song „Glühwürmchen“ erwähnt, der mit viel vermeintlicher Albernheit die Suche einiger Glühwürmchen nach ihrem verlorenen Leuchten darstellt. Anstatt das Leuchten wiederzufinden, stellen die Würmchen fest, dass sie sich in ihrem Selbstbild geirrt haben: Sie sind Nashörner! Blödsinn? Vielleicht! Ein Verweis auf psychologisch und philosophisch elementare Themen? Mit Sicherheit!

Das Beispiel

Die Songs auf „Das Album“ demonstrieren eine ähnliche Belanglosigkeit. „N!CE“ handelt zum Beispiel davon, dass alles positiv bewertet wird. Dafür wird das auch über die Jugendsprache hinaus angesagte „nice“ verwendet und mit einer ernstzunehmenden Portion Zwang versetzt. Sowohl die akzentuierte Eindringlichkeit der Musik als auch das Ausrufezeichen, das im Titel das i ersetzt, verweisen auf die destruktive „Good vibes only!“-Maxime, die dem menschlichen Erlebensspektum die vermeintlich negativen Parts tendenziell unerwünschterer Emotionen raubt. Stellvertretend für das Hinterfragen dieser viel zu oft mitgelaufenen „Alles ist nice!“-Attitüde fragt sich der Song, warum Rapper heutzutage „nur noch“ auf eine bestimmte Weise rappen. Gekleidet in geradezu angriffslustige Bedeutungslosigkeit werden hier also Fragen zu Gleichschaltung, Optimierungswahn und emotionaler Einseitigkeit gestellt. Fragen, die man sich beim Hören der Songs natürlich nicht stellen muss. Fragen, von denen nicht 100% klar ist, ob die Künstler sie uns stellen oder ob ihr Kunstwerk uns dazu lenkt, sie uns selbst zu stellen. Fragen, die aber dort sind, inmitten von Übertreibung, Albernheit und angeblicher Oberflächlichkeit.

Die Übertreibung

Die starke vordergründige Belanglosigkeit der Themen (z. B. E-Roller in „20 km/h“ oder „Schreibwarenfachverkäufer“), die WE BUTTER behandeln, wird maximal kontrastiert durch die Extremheit der musikalischen Aufbereitung. Superlativistischer Deathcore bekommt eine Anabolika-eske Elektro-Infusion, die die Forderung „Der Bass Muss ficken!“ zu zahmem Händlchenhalten degradiert. Dazu gibt es Growling, das in seiner Zusammenführung von Brutalität und Deutlichkeit schlichtweg beeindruckt. Darüber hinaus findet auch Klargesang, Rap- sowie parodistische Quasi-Rap-Passagen und Onomatopoesie Einzug – stets mit einer wahnsinnigen Intuition für ästhetische Präzision.

Die Optik

Mir fehlt jegliches Verständnis dafür, sollte es irgendeinen Menschen geben, in dem Marcies Ultracuteness und Tobis alles bisher dagewesene Gesichtsakrobatik nicht den Drang auslösen, an den beiden Gottkünstlern zu lecken. (Bitte tut es trotzdem nicht! Wirklich nicht! Bitte!)

Die Butter

Ist dieses Review eine Übertreibung? Oder anders gefragt: Kochen WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER, die ihren wieder einmal nur vordergründig albernen Namen, präzise auf ihre vorgetäuschte Albernheit sowie ihre simulierte Belanglosigkeit zugespitzt haben, doch nur mit Wasser? Buttern sie ihr Brot wirklich nur mit Butter? Bescheidenheit oder bewusstes Kalkül? Wissen Marcie und Tobi von ihrer unfassbaren Großartigkeit, üben sich aber in Bescheidenheit, oder erschrecken sie vor ihrer einschüchternd gigantischen Bedeutung für die Kunstwelt und versuchen diese – insbesondere vor sich selbst – herunterzuspielen?

Das Fazit

Wer bin ich, über „Das Album“ zu richten? Doch anschließen kann ich mich der Meinung der Künstler selbst: „Richtig geiler Scheiß! Ich find's mega nice!“ (aus „N!CE“)

Die Note

Der Chef sagt, der Maximalwert der Skala liege nun einmal bei 5,0 Punkten. Also gebe ich 6,0 Punkte von 5,0 Punkten!



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Jazz Styx (17.09.2021)

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