CARCASS - Torn Arteries

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VÖ: 17.09.2021
Bandinfo: CARCASS
Genre: Death´n´Roll
Label: Nuclear Blast GmbH
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Lineup  |  Trackliste

Als ich letztes Jahr im Oktober CARCASS' "Despicable" abschließend als „eine harmlose Kissenschlacht, die den Obduzenten dieser Welt keine allzu stressige Auftragslage beschert“ bezeichnete, war mir schon bewusst, dass dies, obschon ja eigentlich klar kommuniziert wurde, dass 3/4 der EP Ausschussware sind, nicht unbedingt auf Gegenliebe stoßen würde, aber manchmal ist es schon wirklich erheiternd, mit welcher Intensität Fans derartige Hot Takes persönlich nehmen können. Wie das wohl aussähe, wenn ich nun auch beim neuen Album "Torn Arteries", dem ersten seit stolzen acht Jahren, ähnlich ablederte?

Nun, eines ist gewiss: die von ihnen selbst betonten Qualitätsunterschiede zwischen Full-Length und EP behalten CARCASS bei, das beste Material findet man zweifelsfrei auf dem Album. Und das trifft zunächst auch auf "Torn Arteries" zu, wobei es dieses Mal gar nicht so sehr die klassischen Werkzeuge wie der Uptempo-Titeltrack oder die "Eleanor Rigby"-Verballhornung "Eleanor Rigor Mortis" sind, die sich als erstes in das Gedächtnis fräsen, sondern die wohldosierten Experimente, die an der gewohnten Formel vorgenommen wurden. War "Mount Of Extinction" des Vorgängers schon ein massives Epos, dann übertrifft das fast zehnminütige "Flesh Ripping Sonic Torment Limited" dieses nicht nur in Sachen Spielzeit, sondern mittels progressiver Struktur und Soli auch musikalisch bei weitem. Einen eher typischen Melodeath-Song CARCASS'scher Prägung wie "In God We Trust" wertet man simpel aber effektiv mit rhythmischem Klatschen auf und in "The Devil Rides Out" wird man von der orientalisch inspirierten Leadgitarre überrascht.

Könnte "Torn Arteries" dieses Niveau konstant halten, würden wir hier vom womöglich besten Album seit "Heartwork" sprechen, doch ich fürchte, dass hier dasselbe Schicksal wie schon bei "Surgical Steel" eintreten könnte und das Album in den nächsten Monaten stark an Wiederspielwert einbüßen wird - und hoffe, dass ich am Ende doch falsch liegen werde. Vergleicht man die positiv in Erscheinung getretenen Stücke mit der Tracklist, wird man jedenfalls feststellen, dass dazwischen auch noch andere, namentlich "Dance of Ixtab", "Under The Scalpel Blade", "Kelly's Meat Emporium" und "Wake Up And Smell The Carcass / Caveat Emptor", platziert sind - und genau das ist die große Herausforderung an "Torn Arteries": Um auf das hochklassige Songmaterial zu stoßen, muss man sich durch allenfalls mittelmäßige, manchmal gar scheinbar endlose Tunnel graben, was den Hörfluss erheblich beeinträchtigt.

Und so bleiben CARCASS - zumindest für mich persönlich - eine reine Nostalgieband, bei der ich schlussendlich doch lieber zu "Heartwork", "Symphonies Of Sickness" oder "Necroticism" greifen werde. "Torn Arteries" enthält einige wahnsinnig gute Ideen, schwankt dabei aber viel zu sehr in der Kompositionsqualität und hat dadurch hörbare Mühe, die Spannung des Hörers konstant aufrechtzuerhalten. Ganz so forgettable wie auf der vorangegangenen EP ist das Material hier größtenteils zwar nicht, weswegen auch der nächste schriftliche Nackenklatscher ausbleibt, aber im Endeffekt regt sich da trotzdem viel zu wenig, um langfristig unterhaltsam zu sein. Enttäuschend.



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (14.09.2021)

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