SLEEP TOKEN - This Place Will Become Your Tomb

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VÖ: 24.09.2021
Bandinfo: SLEEP TOKEN
Genre: (stilübergreifend)
Label: Spinefarm Records
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Lineup  |  Trackliste

Anonymität, Maskierungen, die Aura des Geheimnisvollen. Es gibt immer wieder Bands, die damit spielen, die Identitäten der beteiligten Personen zu verschleiern. Bei den meisten weiß man irgendwann, wer hinter der Maske steckt, andere verstehen es, diesen Nimbus über längere Zeit aufrecht zu erhalten. GHOST kommen einem als erste in den Sinn, wo die Mitglieder (bis auf den Sänger) gemeinhin nur als "Nameless Ghouls" bezeichnet werden. SLEEP TOKEN reiten dieses Pferd ebenfalls. Über die Mitglieder ist nahezu nichts zu finden. Nur der Sänger wird als "Vessel" bezeichnet. Es handelt sich bei SLEEP TOKEN um ein britisches Künstlerkollektiv, das nun mit "This Place Will Become Your Tomb" das zweite Full-Length-Album vorlegt. Im Vorfeld dieser Veröffentlichung generierten SLEEP TOKEN zumindest in der Filterbubble des Rezensenten ziemlich viel Brummen und in diversen "Reaction-Videos" überschlug man sich förmlich ob des Sounds. Jetzt liegt der Longplayer endlich vor und es gilt herauszufinden, ob wir es wirklich mit einer Band zu tun haben, die sämtliche Genregrenzen sprengt und ein völlig neues Hörerlebnis zu bieten hat.

"Atlantic" - Eröffnet wird "This Place Will Become Your Tomb" mit sehr warmen und sanften Pianoklängen. Als würde sich eine Decke um einen hüllen. Die sehr eingängige und spezielle Stimme von Vessel setzt kurz nach dem Intro ein und passt wunderbar zur melancholischen Grundstimmung der ersten Minuten. Etwa bei der Hälfte ändert sich der Charakter des Songs. Tiefe, atmosphärische Bässe läuten den Wechsel ein, ehe das erste Mal fette Riffs aus den Speakern fliegen. Weiter umgeben von elektronischen Verzierungen. Ist schon mal ein spannender Opener.

"Hypnosis" - es wird zu Beginn Fahrt aufgenommen, in den Strophen tritt man aber gleich wieder auf die Bremse. Reduzierte Instrumentierung, sehr feines Drumming, den Focus auf die Stimme legend bewegt man sich in Richtung Refrain, wo die Gitarren wieder kurz Gas geben dürfen. Im letzten Viertel wird es dann schön heavy, mit Breaks, Growls und Stopps.

"Mine" - Wieder sehr Vocal-lastiger Einstieg. Die Stimme des Sängers ist sehr eingängig, hat eine ganz eigene Färbung und transportiert immer eine gewisse Melancholie. Die ruhigeren Parts werden immer wieder unterbrochen. Dabei erinnert die Art und Weise an den Stil von AWOLNATION. Es werden Gitarrensounds mit Elektronischem kombiniert. Trotz der Mischung unterschiedlichster Einflüsse gelingt ein stimmiger und sehr eingängiger Gesamtsound.

"Like That" - Getragen von sehr tiefen Beats mäandert der Song langsam in die Gehörgänge, ehe einen kurz vor der Hälfte wieder ein druckvoller Breakdown erwartet. Einmal mehr wird auch die Qualität am Schlagzeug klar. Wahnsinnig schnelle Fills und sehr spannendes Timing.

"The Love You Want" - Langsam erkennt man ein Muster. Meist wird sehr reduziert begonnen und man überlässt nahezu vollends der Stimme die Bühne, um im Verlauf der Nummer(n) immer mehr Zutaten hinzuzufügen. So kann Spannung aufgebaut werden und der Hörer/die Hörerin wird bis ans Ende bei der Stange gehalten, weil man immer wissen möchte, was noch kommt. Die Melodien sind dabei durchwegs sehr catchy und fräsen sich tief ins Hirn.

"Fall For Me" - Track Nummer sechs könnte man fast als A-Cappella-Nummer bezeichnen. Die Stimme wird durch tiefere und höhere Oktaven ergänzt und ein paar elektronische Sprenkel sorgen für ein wenig mehr Breite. Ist das noch Metal oder Rock? Nein, natürlich nicht. Aber nicht umsonst verstehen sich SLEEP TOKEN als Wanderer zwischen den Genres. Gewisse Trademarks lassen sich entdecken (vor allem die Stimme), aber ansonsten wird querbeet experimentiert.

"Alkaline" - Diese Vorabsingle hat in meiner Social-Media-Echokammer wohl die meisten Reaktionen hervorgerufen. In Kombination mit dem gruselig angehauchten Video versucht man, einen speziellen, gruseligen Vibe zu erzeugen. Wieder ist zu Beginn der Vocalist im Fokus. Seine charismatische Stimme versteht es einmal mehr, in seinen Bann zu ziehen. Kurz vor der Hälfte setzen dann wahnsinnig groovende Riffs ein, um in einem Refrain zu münden, der verdammt lang im Ohr bleibt. Überhaupt verstehen es SLEEP TOKEN, sehr eingängige Melodien zu schaffen und diese geschickt mit unterschiedlichen Instrumenten und elektronischem Beiwerk aufzufetten.

"Distraction" - Stilwechsel. Ähnlich wie "Fall For Me" - sehr reduziert, sich langsam steigernd. Erhaben, majestätisch. Garniert mit Pianoklängen.
 
"Descending" - ein zäher, tiefer, dröhnender Groove treibt Track Nummer Neun vorwärts. Der Refrain kommt mit heftigen Pop-Anleihen um die Ecke und fällt dann wieder in den Anfangsgroove. Dieses Wechselspiel zieht sich durch den ganzen Song, der mit einem Fade-Out endet. 
 
"Telomeres" - wird wie eine Ballade eröffnet. Diese Stimmung bleibt auch, trotz schnellerer Passagen zwischendurch, den ganzen Song hindurch bestehen. Den Drummer/die Drummerin (man weiß ja nicht, wer hinter den Kesseln sitzt) möchte ich hier auch erneut hervorheben. Da ist sehr viel Talent am Werk. Sehr fein nuanciert und differenziert wird zu Werke gegangen. Viele kleine Beats und Fills verstecken sich, die es zu entdecken gilt. Telomeres beherbergt auch das einzige Gitarrensolo des Albums. 
 
"High Water" - die Nummer elf ist leicht proggig angehaucht. Vor allem nach Refrain zwei lässt man Gitarre und Schlagzeug von der Leine. Dazu kommen härtere Vocals. Gegen Ende es Albums fährt man nochmal ordentliche Geschütze auf.
 
"Missing Limbs" - beendet wir "This Place Will Become Your Tomb" mit einer akustischen Ballade, die aber ganz ohne übertriebenen Kitsch und Pathos daherkommt. Man hört nicht mit einem Knalleffekt auf, sondern rückt wieder die höchst charismatischen Vocals in den Fokus.
 
Fazit: Das war es also, Album Nummer zwei von SLEEP TOKEN. Ist das jetzt Metal, Rock, Alternative, Crossover, Pop? Ja, es ist von allem etwas. Im Zentrum steht immer der Gesang mit dessen eindringlicher Färbung. Die Songs selbst sind durch die Bank spannend aufgebaut und verstehen es, auch über die gesamte Länge des Albums, den Hörer/die Hörerin bei der Stange zu halten. Die Band fliegt derzeit noch ein wenig unter dem Radar vieler Musikfans. Es ist ihnen zu wünschen, dass sie mit diesem Album die Fanbase vergrößern können und mehr Musikbegeisterte auf sich aufmerksam machen können. Ob "This Place Will Become Your Tomb" jetzt Meisterwerk oder Reinfall ist, muss jede(r) für sich entscheiden. Unbestritten ist hier viel Qualität am Werk und man versteht was vom Songwriting. SLEEP TOKEN sind definitiv eine spannende Band, die man im Auge beziehungsweis im Ohr behalten sollte.

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Hans Unteregger (24.09.2021)

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