WALDGEFLÜSTER - Dahoam

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VÖ: 22.10.2021
Bandinfo: WALDGEFLÜSTER
Genre: Black Metal
Label: AOP Records
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Lineup  |  Trackliste

Heimat. Ein Begriff, der im Jahre 2021 kaum politischer aufgeladen sein könnte. Besonders Deutschtümler bedienen ihn gleichermaßen exzessiv wie oberflächlich, ja, geradezu banal, obschon Heimat mit menschgemachtem Grenzdenken und bizarren Abschottungsfantasien - wenn überhaupt - nur entfernt in Verbindung und überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist. Heimat ist keine bornierte Geisteshaltung; Heimat ist etwas, das man innerlich fühlt, Heimat ist Kultur in all ihren Facetten. Jeder interpretiert Heimat anders. Die bajuwarischen Atmospheric-Schwarzmetaller WALDGEFLÜSTER fühlen sich "Dahoam" und zeichnen auf ihrem sieben Songs starken Sechstwerk einen malerischen Weg fernab aller politischen Vereinnahmungen hin zur Heimat - zur Heimat für die Seele.

Charismatisch entspannt und zugleich auch eifrig suchend, kann man "Dahoam" in puncto Konzept und kompositorischer Umsetzung zweifelsohne auch als geistigen Nachfolger eines "Femundsmarka - Eine Reise in drei Kapiteln" auffassen. Man verlässt die abgetretenen Pfade, begibt sich in naturbelassene Areale und ersucht das Hochgefühl in der Flora. Ausladende Longtracks münden in kurzweilige Interludes, ohne an Intensität einzubüßen. Unterschiede hingegen macht man in der Grundstimmung aus, denn wo zweiteres von einer gewissen spätherbstlichen Schwere erfüllt wird, wird "Dahoam" von einer eher sanften, frühherbstlichen Melancholie beseelt. Das ist insofern Kaffeesatzleserei, als dass sich beide Alben prächtig für die kommenden Monate eignen.

Was "Dahoam" aber so unglaublich faszinierend und fesselnd macht, ist die sehr gut ausbalancierte Mischung aus Durchdachtheit und Intuition. Oder anders: Was durchdacht klingt, erscheint intuitiv; was intuitiv klingt, erscheint durchdacht. WALDGEFLÜSTER haben es also geschafft, ein sehr persönliches Werk zu erdenken und einzuspielen und vermengen ihren emotionalen Bezug zum Thema mit ihrem über die letzten Jahre stets verfeinerten künstlerischen Geschick. Insbesondere besagte Longtracks "Im Ebersberger Forst", "Am Tatzlwurm" und "Mim Blick aufn Kaiser" vergehen mit ihren immersiven Wechselspielen aus rauem Black Metal, leidenschaftlichem Klargesang, wohldosierten mehrstimmigen Chören, eindringlichen Harmonien, Akustikeinschüben und auflockernden Naturklängen wie im Fluge, wohingegen die kürzeren Zwischenspiele bevorzugt innehalten und den Spannungsbogen stützen.

Zum Glück (!) ruiniert man sich all das nicht mit steriler Studionachbearbeitung. Stattdessen hat man einen natürlichen Klang für das Album gewählt, der nicht nur sämtliche Instrumente transparent und organisch, sondern auch die Samples, also das herrlich knarzende Holz, den angenehm prasselnden Regen, rauschenden Bächen und die vielfältigen Tiergeräusche authentisch darstellt. Ein solch hohes Niveau erreichen sonst nur die wenigsten Bands, zuletzt beispielsweise WOLVES IN THE THRONE ROOM und PANOPTICON. Im Vergleich zu DÖDRITs "Mortal Coil" beispielsweise ist das für mich ein nicht unerheblicher Pluspunkt, der auf "Dahoam" zum Tragen kommt.

Man spürt zu jeder Zeit, dass "Dahoam" kein herkömmliches Album für WALDGEFLÜSTER, sondern eine Herzensangelegenheit ist, weswegen hier auch stilecht der boarische Sprachgebrauch gepflegt wird. Das soll die Leistungen auf den vergangenen Werken natürlich nicht schmälern, doch hier werden die Unterschiede zwischen einem sehr guten ("Mondscheinsonaten") und einem grandiosen Album ("Dahoam") deutlich. Ob wir hier nun das beste in der Diskografie WALDGEFLÜSTERs vor uns liegen haben, kann und will ich gar nicht einschätzen, das beste seit "Herbstklagen" und "Femundsmarka" ist es für meinen persönlichen Geschmack aber zweifelsohne.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (22.09.2021)

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