DIE ÄRZTE - Dunkel

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VÖ: 24.09.2021
Bandinfo: DIE ÄRZTE
Genre: Punk Rock
Label: Hot Action Records
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Lineup  |  Trackliste

Eigentlich hätten wir es erahnen können. Da DIE ÄRZTE aber nie um einen flotten Wortwitz verlegen sind, hätte der letzte Albumtitel "Hell" auch genauso gut für den blasphemischen Keller der Erde stehen können. Tatsächlich und seinem nach Exorzismus schreienden Albumcover zum Trotze scheint sich des Drehers Taufname jedoch eher auf den Zustand guter Ausleuchtung oder die philosophische Umschreibung des Guten zu beziehen. Und weil in diesem unseren Kosmos jede helle Entität eine dunkle Seite hat [Anm. d. Verf.: dies soll keine Anspielung auf "Star Wars" sein, da dieses Universum nach Disneys Order 66 und dem gegenüber seiner literarischen Alternative oskarreif vermurksten "Episode 7 - Das Erschlaffen der Macht" für den Verfasser höchstoffiziell zur selben übergegangen ist...], folgt auf die 2020er Comeback-Sensation eine nicht minder ausschweifende Fortsetzung, die selbstredend auf den Namen "Dunkel" hört.

Karnickelfickmusik!

Damit hatte die lange Studiopause der Berliner ganz offensichtlich einen größeren Kreativitätsstau zur Folge, als man zunächst vermuten durfte. Und was machen DIE ÄRZTE mit soviel kreativer Schaffenskraft?! Natürlich Karnickelfickmusik! Kein Wunder, dass das namensgebende Substantiv des Quasi-Intros "KFM" vorausschauenderweise abgekürzt wurde...bevor ganze siebenunddreißig Jahre nach "Claudia hat ’nen Schäferhund" doch noch einmal die innige Freundschaft zu den Jungs und Mädels von der BzKJ (Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz, vormals BPjM - Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) wiederbelebt werden muss. Wie dem auch sei, der flottfüßige Auftakt sorgt mit seinem typisch selbstironischen und gegenüber leibhaftigen Langohren und Langohrinnen vollkommen unafrodisierend wirkenden Ton gleich für den ersten Schmunzler. Doch wer sich nun auf eine gute Stunde ausgelassenen Vollgas-Punkrock freut, der hat sich zu früh gefreut, denn die Nummer steht mitnichten Pate für den Rest der Vorstellung, die im Gesamtbild etwas ruhiger und textlich negativer (um nicht zu sagen "dunkler") geraten ist als ihr famoser Vorgänger.

Brennst du noch oder explodierst du schon?

Das ist an und für sich auch nichts Schlimmes, denn DIE ÄRZTE können in fast jeder musikalischen Liga punkten. Und was ihre Paradedisziplinen angeht, haben die Notenmediziner meines Vertrauens auch in der zweiten Hälfte ihres aktuellen Zyklus noch das ein oder andere Ass im Ärmel. Sei es der lustige Aufwecker "KFM", der urtypische, mystisch-melancholische Bela-Song "Dunkel" oder die pazifistische Ode an die "Kraft" des Wortes und die wohlbedachte Wahl desselben - auch "Dunkel" hat seine klaren Highlights. Hierzu zählen neben den erwähnten Songs auch die beiden Polit-Songs "Doof" (eine simple wie zutreffende Ansage an die Brandredner aus dem braunen Salon) und das abschließende Loblieb auf die Demokratie (warum heißt das Teil eigentlich "Our Bass Player Hates This Song"?!), das mit seinem Aufruf zur Teilnahme an der Wahl genau am richtigen Datum rausgehauen wurde [Anm. d. Verf.: "Dunkel" erschien zwei Tage vor der deutschen Bundestagswahl 2021]. Nicht minder hervorhebenswert ist der heißblütige Punkrocker "Anti", der schlanken Fußes runterrattert, wogegen man alles sein kann und sich zwischendurch auch mal in alter ÄRZTE-Tradition selbst auf die Schippe nimmt ("brennst du noch oder explodierst du schon?"). Nicht zu vergessen "Anastasia", der Gipfel des Urlaub'schen Gespürs für Blödsinn ("ich finde, dass es gar nicht so wild is', aber Kollegen nennen mich den Iltis") und zugleich unterschwelliger Appell zur Vorsicht mit zeitgenössischen Dating-Apps ("mein Profilbild ist Justin Bieber, denn mir sind jüngere Mädchen lieber").

Gut, aber nicht ganz so bombastisch wie "Hell"

Klarer Fall: auch "Dunkel" ist ein gescheites Album geworden, wenn auch nicht mit derselben Hitdichte und -qualität wie "Hell"...was auch daran liegt, dass sich in der zweiten Halbzeit des Quasi-Doppelalbums vermehrt mittelprächtige bis verzichtbare Nummern wie "Schrei" (anscheinend waren die letzten wirklich guten Rod-Songs auf "Geräusch"), "Schweigen", "Einschlag" und "Erhaben" eingeschlichen haben. Und auch, dass "Nachmittag" auffällige Textparallelen zum HOSEN-Song "Die Schöne Und Das Biest" aufzeigt und "Danach" im Prinzip eine musikalische Neuauflage von "Einmal ein Bier" ist, hat einen seltsamen Beigeschmack. Insofern kann "Dunkel" nicht ganz mit "Hell" gleichziehen, doch wie man es dreht und wendet: in seinem mehr als respektablen Umfang steckt genug Stoff für eine hochkarätige ÄRZTE-Scheibe und im Duett mit "Hell" bildet sich unterm Strich eine mächtige Doppelspitze, die mal wieder zeigt, wer in Berlin den Arztkittel an hat.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (26.09.2021)

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