MANILLA ROAD - Circus Maximus

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VÖ: 13.08.2021
Bandinfo: MANILLA ROAD
Genre: Epic Metal
Label: Golden Core / Zyx
Lineup  |  Trackliste

Dieses Album fristet seit Erscheinen im Jahr 1992 ein Schattendasein. Und anders als so manches Mal im Metal ist „Schatten“ hier nichts Positives. Sehr schade ist das, dieses Album verdient es gehört zu werden! Zu den Qualitäten des Albums später mehr, jetzt erstmal zur Entstehungsgeschichte (die auch mit einem Gerücht zur Veröffentlichungspolitik der damaligen Plattenfirma aufräumt): Als die Epic Metaler MANILLA ROAD nach dem Album „Courts Of Chaos“ Anfang der Neunziger auseinanderbrachen, hatte das außerhalb ihrer Heimatstadt Wichita (Kansas) kaum jemand mitbekommen. Das Internet war noch Zukunftsmusik und die Metalpresse kümmerte sich mehr um Trends wie Grunge oder Crossover. Das französische Label Black Dragon Records, das seit dem Album „Open The Gates“ Europa mit den Alben des Trios versorgte, befand sich in einer heftigen wirtschaftlichen Krise.

Mark Shelton suchte sich zwei neue Mitstreiter und gründete die Band CIRCUS MAXIMUS, bei der jeder der drei Musiker abwechselnd den Gesang übernahm. Doch nicht nur das unterschied das Projekt von MANILLA ROAD. Die Stücke der beiden Neuen, Andrew Coss (Bass, v.) und Aaron Brown (Drums, v), hatten ihren eigenen Charakter, während die Songs von Mark Shelton eher das erfüllten, was die langjährigen Fans hören wollten – also klar in Richtung Epic Metal. Dennoch fand Mark Shelton, der 2018 verstarb, dass dieses Line Up besonders stark war. „Ich hatte es nicht leicht, mit den beiden mitzuhalten. Sie haben mir ganz schön in den Arsch getreten“, gab der Bandkopf später zu. Und das hört man dem Album auch an.

Dennoch erschien der neue Longplayer, der wie die Alben zuvor in den Miller Studios (Kansas) mit Larry Funk aufgenommen wurde, unter dem Banner MANILLA ROAD, während „Circus Maximus“ zum Albumtitel wurde. Viele Jahre wurde behauptet, dass Black Dragon Records den Namen auf das Cover gedruckt haben, um mehr CDs zu verkaufen. Mit dem im Booklet abgedruckten Newsletter, entstanden einige Wochen vor Veröffentlichung, wird dieses Gerücht zumindest teilweise revidiert. Vor wenigen Jahren fand Mark Shelton eine VHS-Kassette, auf der sich zwei fast komplette Shows von diesem raren Line-Up befinden. Erstaunlicherweise ist die Qualität ab dem zweiten Song gut genug, um dieses Material nun als Bonus-DVD zu präsentieren. Die Rahmenumstände in der kleinen Bar in Kansas sind zwar grenzwertig, dafür ist es für Fans ein einzigartiges Zeitdokument. Neben den Tracks des Albums, kommen eine Coverversion von „Black Sabbath“, sowie auch zwei weitere MANILLA-ROAD-Songs zum Einsatz.


 
Das Album selbst wurde nun, 2021, von Neudi remastert und mit zwei Bonustracks (ein instrumentales Demo von „Lux Aeterna“ in der Besetzung Shelton/Park/Foxe und ein Rough-Mix von „She´s Fading“) aufgemotzt. Das Booklet enthält Liner Notes von Engineer Steve Falke und Neudi (Drummer 2011-2018), sowie viele rare Abbildungen. Damit reiht sich „Circus Maximus“ in die Riege der „Ultimate Editions“ des Back-Kataloges der Band ein. Mit DVD, so wie es Mark wollte. Ach ja, ein neues Cover-Artwork vom gleichen Künstler der Ursprungs-Fassung wertet das Album optisch deutlich auf (für Fans des alten Covers: Das Teil ist ein Wendecover, das alte ist also mit einem Umklappen ebenfalls dabei).

Nun aber zur Musik: Ein konsistentes Album ist „Circus Maximus“ auf keinen Fall. Man merkt den Nummern an, dass sie von verschiedenen Musikern mit unterschiedlichen Einflüssen geschrieben wurden. Das ist aber nicht unbedingt störend, sondern sorgt dafür, dass das Album vielschichtig ist und man auch beim zehnten Durchlauf neue Dinge entdeckt. Die epische Ballade „Lux Aeterna“ mit sehr viel Atmosphäre, grandioser Gitarrenarbeit und technisch starkem Gesang sticht nach dem etwas mauen Opener „Throne Of Blood“ als erstes Highlight hervor. Was für eine nach hinten raus auftürmende Melodie! Sowieso die Gitarrenarbeit: Beim recht schrägen, auf Grusel getunten und mit theatralischem Gesang versehenen „Spiders“ gibt es vor allem zum Ende hin ein Gitarrensolo, das auch die dicksten Spinnenweben zersägt. Einfach unfassbar gut dieses Gitarrenspiel zusammen mit einem geilen Sound –  und das wieder und wieder und wieder.
 
Die Songs können da nicht immer mithalten. So kommt das recht vertrackte „Murder By Degrees“ nicht so recht aus dem Knick, auch wenn es hier und da in seiner Songstruktur an Großtaten von QUEENSRYCHE zu Zeiten von „Operation: Mindcrime“ erinnert. Bei „No Sign From Above“ geht es erst mit doomigen Hard Rock der 80er los, bevor das Tempo etwas angezogen wird und einen fast schon popige Refrainzeile zu hören ist. Dazu wird schnell ein geiles, psychedelisches Gitarrenlick eingestreut und dann das Tempo nochmals angezogen. Das Solo ist – mal wieder (wie so oft bei MANILLA ROAD) –  grandios! „In Gein We Trust“ klingt ambitioniert, mutig, abgefahren und leicht meschugge, ein Mix aus walzendem, eher düsterem Doom und schrägem, punkigem Thrash Metal.

Was auffällt: Die Rhythmus-Fraktion liebt es offenbar komplex, so auch bei „Flesh And Fury“, das deutlich lebenszugewandter tönt und einige Stilelemente des amerikanischen Hard Rocks der Marke WHITE LION oder frühen RIOT enthält. Netter Rocker, mehr aber auch nicht. Das ruhig beginnende „No Touch“ schlägt stilistisch in eine ähnliche Kerbe, überrascht mit einer hymnenhaften Stadion-Rock-affinen Refrainzeile – wäre dieser Song so um die vier Jahre früher erschienen, hätte er ohne den dann doch wohl zu harten Mittelteil kräftig Air Play bekommen. Durch das geniale Solo, das den Song klar weg von einer typischen, alglatten Radio-Single hin zu einer epischen Metal-Nummer zieht, ist „No Touch“ ein sich enorm wandelnder Hyprid aus verschienden Stilen. Stark!

Und nun wird’s wieder abgefahren: „Hack It Off“ ist erneut experimentierfreudig, düster und hat einige originelle Ideen. Logo, das Solo ist geil, insbesondere als es ausgehend vom Midtempo immer schneller wird, um dann wieder in den vertrackten Rhythmus überzugehen. Wieder überzeugt das variantenreiche Drumming wie auch bei „Forbidden Zone“, bei dem der Bass erst satt im Hintergrund satt plonkt, bevor er eine der gekonntesten Solo-Passagen von MANILLA ROAD überhaupt einleitet, die nur kurz von einer reingerufenen Zeile unterbrochen wird. Einfach nur episch. Nach dieser orgastischen Übernummer von über achteinhalb Minuten Dauer, wird’s gefühliger und es geht bei „She´s Fading“ wieder in Richtung QUEENSRYCHE. Nicht vom starken Gesang her, sondern in punkto Songaufbau, der die anfänglich eingtreteten Pfade verlässt und die Nummer zu einem eruptiven Solo zuspitzt. Oder mit einem Wort: Wow!   

„Circus Maximus“ braucht durchaus etwas, um richtig zu zünden, was an den vertrackte Songstrukturen liegt. Nimmt man sich die Zeit, hauen einen die Lieder „Lux Aeterna“, „No Touch“, „Forbidden Zone“ und „She´s Fading“ nachhaltig um. Dazu gibt es Schräges und Mutiges mit „Spiders“, „In Gein We Trust“ und „Hack It Off“, das dem Album eine weitere Note verleiht. Diesem Album hört man das große Talent der beteiligten Musiker an und auch der in Kenner-Kreisen viel gelobte Mark Shelton wurde damals nach dem Split offensichtlich durch seine neuen Mitmusiker zu Großem angestachelt. Dieses Album hat zwar auch ein paar Hänger, aber wer das ein oder andere Album von MANILLA ROAD kennt und damit bisher nicht so klar kam, sollte „Circus Maximus“ anchecken, weil es eine neue Seite des musikalischen Schaffens von Bandkopf Shelton zeigt. Weniger kauzig und rumpelig, dafür mehr Stadion-Rock-like. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Tobias (01.10.2021)

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