RUNNING WILD - Blood On Blood

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VÖ: 29.10.2021
Bandinfo: RUNNING WILD
Genre: Heavy Metal
Label: SPV / Steamhammer
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Lineup  |  Trackliste

Die Vorgeschichte: Mein erstes Aufeinandertreffen mit RUNNING WILD ist noch vergleichsweise frisch. Die Bestätigung für das Wacken Open Air 2015 im Sommer 2014 sowie das folgende Durchstöbern des World Wide Web weckten meine Neugier und eine gewisse Erwartungshaltung, die sämtliche Alben bis einschließlich "The Rivalry" kurz darauf auch bestätigten, vom eigentlichen Gig im folgenden Jahr aber wieder jäh eingerissen wurde. Könnte man das fehlende Bühnenbanner noch wohlmeinend als Banalität abtun, scheiterten Rock'n'Rolf und seine gesichtslosen Papppiraten allerdings auch an Elementarem wie Spielfreude sowie einer vernünftigen Setlist - und vom peinlichen Drumsolo erzähle ich besser gar nicht erst. Die Rückkehr nach Wacken klang zu keiner Zeit leidenschaftlich, stattdessen aber seelenlos und finanziell motiviert. Das kann man machen und wird vielerorts immer noch schöngeredet, doch wenn ich im Nachhinein darauf zurückblicke, war das wohl der entscheidende Bruch, der dazu führte, dass mein Interesse wieder abflaute. Klar ist: Die Klassiker höre ich hin und wieder immer noch gerne, doch das, was da seit der Re-Union auf sogenannten Studioalben preisgegeben wurde, ist unter dem Strich nicht der Rede wert und ein erschreckend detailgetreues Abbild besagten Auftritts. Nicht schlecht, nein, einfach egal.

Während ich also diese Zeilen schreibe, frage ich mich bereits die ersten Male, warum ich mich überhaupt für "Blood On Blood" entschieden habe. War es Hoffnung? Vielleicht, wenn auch nur ein klitzeklitzeklitzekleines, zartes Knöspchen der Hoffnung. Oder möglicherweise doch die Vorahnung, mal wieder einen herzhaften Verriss zu digitalem Papier bringen zu können? Nunja, eigentlich auch nicht, denn man tritt nicht auf Gegner ein, die bereits seit einiger Zeit regungslos am Boden liegen. Und das Wort Gegner ist in diesem Zusammenhang auch mindestens zwei Regale zu hoch gegriffen. Was also war es dann? Das wird wohl ein Rätsel bleiben, wobei ich es durchaus als wahrscheinlich erachte, dass ich mir einfach ganz besonders dolle gewünscht haben könnte, dass Mr. Kasparek vielleicht doch endlich die richtigen Schlüsse aus all der Kritik der letzten Jahre gezogen und ein tolles Album eingespielt haben könnte. Dem ist aber nicht so. Gut bei Stimme und Gitarre ist der Mann zwar immer noch, wie man es aus so manch gelungener Strophe und Hook ("Say Your Prayers" und "Wings Of Fire" z.B.) wie auch aus den vielen tollen Soli heraushören kann, doch das Songwriting ist so starrsinnig und eindimensional, dass man sich so ca. ab der Hälfte der Spielzeit unweigerlich fragt, ob man da gerade einem unspektakulären, dem immergleichen Rhythmus und Tempo folgenden Longtrack zugehört hat. Apropos Longtrack: Auch das zehnminütige "The Iron Times (1618-1648)" variiert kaum und erscheint dadurch gestreckt. Hinzu kommt ein Totalausfall, namentlich das schunkelig-kitschige "One Night, One Day", der zusätzlich entmutigt und sich in der Flut aus okayen Trademarksongs (der Titeltrack, "Crossing The Blades", "Diamonds & Pearls", "The Shellback", etc.), die mit etwas mehr Pfiff und einer deutlich besseren Produktion noch viel viel besser sein könnten, überhaupt nicht über Wasser halten kann und selbst vom lausigen "Shadowmaker" gehänselt wird - zu Recht übrigens.

Besonders harte Wirkungstreffer landet allerdings - mal wieder, möchte man meinen - das Kaputtsparen bei der Produktion, die ich gerade schon kurz ansprach. Auch auf "Blood On Blood" kommt keine Atmosphäre, kein Flair auf. Auch "Blood On Blood" klingt, genauso wie die Vorgänger eben, als hätte Rolf dieses angeblich heiße Eisen in der höchst sanierungsbedürftigen Wellblechhütte (s)eines spießigen Kleingärtchens aufgenommen, abgemischt und gemastert. Kein wuchtig-dröhnendes Kanonenfeuer, das gerade gierig den gegnerischen Kahn gen Meeresgrund versenkt; kein tobendes Gewitter, das die stürmische See in tückischem Glanze erhellt; keine Taverne, die von schallendem Gelächter, zünftigen Prügeleien und anderen Scharmützeln ausgefüllt wird. Nein, "Blood On Blood" klingt entseelt, blechern und digital. Keyboards soll es angeblich geben, hört man aber nicht. Dafür aber die berüchtigten Plugins. Ich muss nicht erneut über die fürchterlichsten Drumsounds in der Geschichte des Metal philosophieren und für sich genommen ist es irgendwie sogar faszinierend, wie man ein (erneut angeblich) echtes Instrument so verschandeln kann, dass es wie ein schlechter Drumcomputer aus den späten Neunzigern aus der Anlage knattert. Mir ist dank aktuellerer Interviews durchaus bekannt, dass Rock'n'Rolf die kritische Beurteilung dessen immer noch nicht nachvollziehen kann, aber der Mann scheint mittlerweile auch so sehr in seiner eigenen Scheinwelt gefangen, dass ich ihm das nicht mal ankreiden kann. Manchmal muss man eben auch Holzwege konsequent zu Ende gehen.

Ich weiß: Ich bin nur ein kümmerlicher Rezensent. Ich habe selbst noch keinen einzigen Ton Musik erdacht, geschweige denn eingespielt. Wer also wäre ich, wenn ich das Werk des Großmeisters kritisierte? Wisst ihr, die Relativierungen und Herabwürdigungen von irgendwelchen gekränkten Fanboys laufen immer nach demselben Schema ab. Das Problem dabei ist jedoch: Ich bin nicht alleine mit dieser Kritik und war auch gewiss nicht der Erste, der sie ausformulierte. Selbst den einfältigsten Youtube-Trollen ist mittlerweile klargeworden, dass RUNNING WILD eine gründliche Renovierung - Stichwort: sanierungsbedürftig - guttäte. Die Kommentare unter den bisherigen Singles, dass diese mit 1.5-facher Geschwindigkeit wesentlich besser klängen (und das, nebenbei bemerkt, auch tatsächlich tun), oder dass das Schlagzeug - man verzeihe mir den barschen Tonfall - scheiße klingt, kommen nicht von ungefähr. Ich erwarte von RUNNING WILD kein Speed-Metal-Album, das 60 Minuten Vollgas gibt, aber ich würde mir zumindest etwas mehr Atmosphäre, Abwechslung und - vor allem! - Leidenschaft wünschen. Und einen Sound, der dem aufgeblasenen Promogefasel auch gerecht wird. Ich erwarte wiederum überhaupt nicht, dass er auf mich und meine bescheidene Meinung hört oder gar schwört, nein, das wäre total vermessen. Aber: RUNNING WILD täte es gut, wenn Rock'n'Rolf nur einmal in seiner jüngeren Geschichte andere, professionelle Meinungen zuließe und sich Musiker sowie Produzenten in sein einst ansehnliches Boot holte, die mehr als nur Statisten sind und den kreativen Prozess sowie den Klang bereichern. Da das aber auch zukünftig nicht passieren wird, was sicherlich auch daran liegen mag, dass man ihn und seine lustlosen Auftritte immer noch bucht und die allenfalls mittelmäßgen Releases weiterhin in offensichtlich annehmbarer Stückzahl abnimmt - weiß Gott, warum -, und er stattdessen lieber noch weitere hundert beliebige Pressefotos von sich und seiner Gitarre schießt (immerhin in zeitgemäßer Ultra-HD-Auflösung, dass kann man nicht kleinreden), kann man seine Zeit auch sinnvoller als an einer blassen, scheinbar per Songgenerator auf dem heimischen Rechner mit Windows 95 Betriebssystem erstellten Selbstkopie verschwenden. Kurzum: Auf dem ohnehin antiquiert wirkenden Kutter namens "Blood On Blood" lastet eine meterdicke Staubschicht, eine unangenehme Melange aus Inspirationslosigkeit und Sturheit, die man selbst mit dem potentesten Hochdruckreiniger nicht vom Deck fegen könnte.



Bewertung: 2.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (22.10.2021)

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