VILDHJARTA - Måsstaden Under Vatten

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VÖ: 15.10.2021
Bandinfo: Vildhjarta
Genre: Progressive Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste

Bei schwedischem Progressive Metal werde ich üblicherweise hellhörig. „Blackwater Park“ von OPETH ist einer meiner All-Time-Favourites und in deren Wikinger-Schlepptau etablierten sich mannigfaltig große Bands, die auszogen, um nicht nur Europa zu erobern. Fast hätte ich „Måsstaden Under Vatten“ übersehen, zu überhören ist dieser Langdreher der Kategorie Extended Version wahrlich nicht. Er umfasst 17 Liedchen und hat satte 80 Minuten von feinstem progressiven Tobak zu bieten. Ein Jahrzehnt ist in die Lande gezogen bis diese Band mit dem seltsamen Namen VILDHJARTA ein weiteres Opus Magnum auf die Menschheit losließ. Die Amtssprache ist selbstverständlich Schwedisch, da lassen wir uns nicht lumpen, Englisch, ditto. 

Bereits nach wenigen Sekunden wird der Rahmen abgesteckt, in welchem wir uns hier bewegen. „Lavender Haze“ besticht durch eine Schwere, die durch eine Bending-Technik der Gitarre und einem äußerst rhythmisch anspruchsvollen Schlagzeuggebrauch determiniert werden, die ich selten in dieser Form gehört habe. Lied-Struktur im herkömmlichen Sinne ist hier keine zu erkennen, vielmehr kann hier jeder Takt eine neue Facette eröffnen, wobei Hörer*innen keine Sekunde die Konzentration verlieren sollten. Zeitweise klingt es, als würden mehrere Lieder in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität übereinandergelegt worden sein und das geling VILDHJARTA meiner Meinung um einiges besser, als die vor kurzem rezensierten RIVERS OF NIHIL. Ein brillanter Einstieg.

Es würde den Rahmen hier sprengen, jedes Lied zu dokumentieren. So viel sei gesagt: Der Sound im Allgemeinen klingt völlig meschugge, wobei, ach ja, MESHUGGA stammen ebenfalls aus Schweden und mit meschugge meine ich wow, der Tamburine Man, Buster Odeholm, weiß seine Sticks meisterhaft einzusetzen. Um es mit den Worten von His Bobness zu sagen:

Yes, to dance beneath the diamond sky
With one hand waving free
Silhouetted by the sea
Circled by the circus sands
With all memory and fate
Driven deep beneath the waves
Let me forget about today until tomorrow

Toxin“ vereinigt alles, was an dieser Platte so beeindruckend seltsam, großartig, und rhythmisch divergent klingt. Weil es keinen Sinn macht, diesen Zauber zu Papier bringen zu wollen, lauschet den Klängen dieser Skalden. (Erstmalig füge ich hier zwei Platrough des gleichen Liedes an.):



Etwa bei „Måsstadens Nationalsång“ wurde die Essenz dieser Platte wieder deutlich herausdestilliert. Die beiden Gitarren intonieren, als würde sie zwei vollkommen verschiedenen Lieder zuzuordnen sein, wenn sie sich aber überlagern, entsteht eine Amplitude, die einen im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren geschlagen wird. Ausgezeichnetes Lied. 

Fazit: Rhythmisch bzw. soundtechnisch kühn, was das Song-Writing betrifft alle herkömmlichen Grenzen überschreitend, besticht dieses Album durch Kampfes-Mut, der den Wikingern nachgesagt wurde. Für mich als passionierten Rezensenten und um Auslotung unendlicher musikalischen Weiten nicht verlegen, ist „Måsstaden Under Vatten“ ein echter Gradmesser. Die Frage, wo diese Musik Anklang fände, wird jedoch aufgeworfen. Wo könnte sie gespielt werden? Massentauglich ist dieser wuchtige tolfæringr (ein Großschiff der Wikinger) nicht, befürchte ich. Zu vertrackt, schwer zugänglich, sperrig dröhnt dieses Album. Es ist gleichermaßen Labyrinth wie frei ineinanderfließende Luftschichten, manchmal zur gleichen Zeit.  Auf jeden Fall würde ich VILDHJARTA wünschen, dass sie ihre Musik über alle Ozeane tragen wird.
„Måsstaden Under Vatten“ schrammt an der 5-Sterne-Bewertung vorbei. Ein Quäntchen geht da noch, wenngleich es schwer zu deklarieren ist. Die stimmliche Ausformung könnte ein wenig variantenreicher tirilieren. All diese konsequente Schwere zehrt an einem, wie schwarze Galle, als würde Ohren-Extremsport betrieben werden. Vielleicht ist wirklich eine breitere Zugänglichgeit für unbedarftere Gehörgänge vonnöten. Immerhin waren meine Ohrwascheln nach 80 Minuten zwischen Verzückung und Dauerbelastung kurz vor dem Gehörsturz.

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Richard Kölldorfer (14.10.2021)

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