RHIZONE - Timelines

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VÖ: 00.00.2021
Bandinfo: RHIZONE
Genre: Progressive Rock
Label: Riot Heart Industries
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Lineup  |  Trackliste

Weil es mit FIRST FRAGMENT, gewiss aus Kanada, sagen wir mal Nachschubschwierigkeiten gibt, geht die Suche nach einer rezensionswürdigen Band weiter. Aus den unendlichen Weiten Kanadas, abgelegene Inseln, etwa Irland, nein, das gilt nicht, Tasmanien, durchstreifend, der nordischen Mitternachtssonne folgend, befinden wir uns nun in bekannten, allzu bekannten Gefilden, des Erdenrundes, Jose Feliciano würde anstimmen: „Vienna, Vienna.“
RHIZONE (https://rhizone.net/) aus Wien werden unter Prog-Rock eingeordnet. Beim ersten Reinhören wird einem schnell gewahr, dass wir es hier mit Prog im wahrsten Sinne zu tun haben, jedenfalls würde ich mit der Kategorisierung Jazz-Rock besser zurechtkommen. Die Platte wird besser und besser, am Ende kann ich mit Fug und Recht äußern, dass wir es hier, wie der wohlmeinende Wiener sagt, mit komplett geilem Scheiß zu tun haben.
Ich könnte jetzt behaupten, als alter Haudegen mit mehreren prog-metal-affinen Kreuzzügen auf dem Rücken, überrascht mich so schnell nichts mehr, geflunkert ist es allemal und, um es zu explizieren: RHIZONE überraschten mich sehr positiv.

„Timelines“, so das Opus, gibt einen reichhaltigen Schatz preis. Es pirscht sich langsam, auf leisen Sohlen heran, das Klavierspiel besänftigt Hörer*innen ein wenig, die Ruhe vor dem Sturm. Einige Nummern später befinden wir uns auf stürmischer See, Terra Incognita auf dem Horizont suchend. Ein vielschichtiges Werk, mit diversen Einflüssen, mal meinen wir uns in popartigen Gefilden, wenige Augenblicke später, meinen wir, das so, oder so ähnlich bei TOM WAITS „Swordfishtrombones“ gehört zu haben, mal umschiffen wir die unsteten Gewässer, die wohl Miles Davis mit „Kind Of Blue“ erschloss, mal meinen wir eine Hommage an MIRA LU KOVACS zu erhören. Bei RHIZONE wird jedem Lied eine besondere Nuance beigemengt, die immer richtig dosiert wird, egal ob Synthi, Cello, oder Klavier.
Was auffällt ist, dass es sich um eine angedeutete Klimax handelt. Die ersten beiden Lieder sind gechillt, wie gesagt, Klavier, mehrstimmiger Gesang, Synthi, guter Einstieg, dann folgt ein rockiger Korridor, woran eine poppige Nummer anschließt. So pflanzt sich dieser unstete Duktus die gesamte Platte lang hinfort.

Die besten Momente sind jene, wo vermeintlich eine Pop-Nummer ausgebreitet wird, die samtene Untergrund jedoch, dezent jazzige Töne anstimmt, um endlich endgültig eine andere Abzweigung zu nehmen, so gehört etwa bei „Big City Son“ auf das „The Little Dots In Life“ folgt. Wirklich sehr gelungen, verwegen und überraschend.
Cut My Throat“ steigert den musikalischen Fluss zu Beginn, gefährliche Stromschnellen voraus, die aber baldigst hinter uns liegen, um in gemächlichere Gefilde abzutauchen.
Kuŝi“ nimmt eine weitere überraschende Richtung. Der musikalische Duktus entspricht eher einem breiten, untiefen Klang-Delta, der teilweise (mehrstimmige) weibliche Gesang passt hier ausgesprochen gut und die anstimmenden Instrumente, von Cello bis Didgeridoo komplettieren die Überraschungsmomente.
Es endigt in einem Ozean, einer 17:10 Minuten langen Nummer, „The Glass Man“, die so viele Endungen und Wendungen auf die bzw. unter die Oberfläche bringt, dass hier Qualität und Quantität kaum zu unterscheiden sind.

Beide Stimmen sind gut, keine Weltklassenstimmen, jedenfalls funktionieren sie bestens, vor allem, wenn sie gemeinsam intonieren.

Was könnte an "Timelines" zu kritisieren sein? Der vor kurzem beurteilten Platte von BARON CRÂNE setzen RHIZONE, was die Vielschichtigkeit betrifft, noch einiges drauf.  Wieder ist es womöglich die Zugänglichkeit für weniger bedarfte Hörer*innen und ja, der bescheidene Rezensent stellt sich wiederum die Frage, wo „Timelines“, gespielt werden könnte? Live ist die Band bestimmt ein Ereignis. Für Musikliebhaber*innen führt hier kein Weg vorbei. Auf Ö1 wird RHIZONE hoffentlich in Zukunft des Öfteren reüssieren. Bei den „etablierten“ Sendern habe ich so meine Bedenken.

Fazit: Mit „Timelines“ haben wir es mit einem außergewöhnlichen Album zu tun, das kaum verflochtener sein könnte. Das Rhizom rhizomte, what? Wien die Stadt der Musik, um dieses Klischee zu strapazieren, RHIZONE sind musikalisch zu verorten, andererseits ist die geographische Verortung irrelevant.

Abschließend soll diesem Quintett hier Gelegenheit gegeben werden, sich musikalisch zu deklarieren:
„Das erklärte Ziel von „Rhizone“ ist nicht weniger als Vielheiten zum musikalischen Geflecht zusammenzuführen – denn ihre Musik ist eine Bühne für Agierende, durchwoben von den Verästelungen menschlicher Angelegenheiten, Bezüge und den Geschichten, die aus ihnen entstehen.“

 


 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Richard Kölldorfer (21.10.2021)

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