DER WEG EINER FREIHEIT - Noktvrn

Artikel-Bild
VÖ: 19.11.2021
Bandinfo: DER WEG EINER FREIHEIT
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Wenn DER WEG EINER FREIHEIT ein neues Album ankündigen, ich mir bereits Gedanken über die anstehende Rezension mache und erste Ideen sammle, beschleicht mich dabei oftmals das unbehagliche Gefühl der Unzufriedenheit darob, dem Endergebnis schriftlich nicht gerecht werden zu können. Genauestens definieren, woran das liegen könnte, fällt mir sehr schwer, doch wenn ich ohne größeres Nachdenken Gründe nennen müsste, wären die durchdachten Texte sowie der stets inhärente künstlerische Anspruch die ersten darunter. Auch beim in Kürze erscheinenden Fünftwerk der Würzburger, "Noktvrn", ändert sich an dieser etwas anderen Art der Vorfreude nichts, nein, sie intensivierte sich während der ersten Durchgänge sogar.

DER WEG EINER FREIHEIT klingen immer noch wie DER WEG EINER FREIHEIT und doch unterscheidet sich "Noktvrn" von seinem Vorgänger "Finisterre", indem es mit einem noch breiteren Spektrum aufwartet. Man könnte sogar sagen, dass alles, also sämtliche stilistische und atmosphärische Facetten, die das Quartett bisher auf EPs und Studioalben gezeigt hat, in "Noktvrn" gipfelt, was das Artwork übrigens ganz famos darstellt - mit zusätzlichen, geradezu avantgardistischen Überraschungen. Die am schnellsten greifbare Differenz liegt aber ganz klar in den transportierten Emotionen, die zwischen dem überwiegend aggressiven "Finisterre" und dem träumerischen "Noktvrn" deutlich ausfällt. Selbstverständlich wird immer noch konfrontativ geblastet ("Monument", "Am Rande der Dunkelheit" und "Morgen") oder mit "Gegen das Licht" in den Melodic Black Metal eingetaucht, doch wird die düstere Stimmung in nahezu jedem Stück wahlweise durch post-rockige Harmonien intensiviert oder mit shoegazig-verträumten Sequenzen ("Haven") sogar aufgehellt.

Die großen Überraschungsmomente, die ich bereits erwähnt habe, sind dabei ebenjenes, abschließendes "Haven", das mit verzerrten Clean Vocals auf weltvergessenen Melodiebögen davongleitet, aber insbesondere auch "Immortal", mit dem DER WEG EINER FREIHEIT gemeinsam mit THE DEVIL'S TRADE Sänger Dávid György Makó in der Mitte des Albums den Reset-Knopf betätigen. In "Immortal" vereinen sich gemütliche Dark-Folk-Vibes mit doomigem Black Metal, was kontrastreicher kaum klingen könnte. Doch wie es mit Experimenten häufig so ist, kann man sich besonders trefflich über sie streiten. Für sich genommen, also als Single-Auskopplung, hat mich "Immortal" zügig überzeugt, im Kontext des gesamten Albums allerdings fühle ich mich immer noch ein wenig aus dem Korridor, in den mich die vorangehenden Stücke schicken, gerissen, obschon ich diesen lieber genauso leidenschaftlich-stur weiterverfolgt hätte. Natürlich folgt auch "Immortal" gewissermaßen der inneren Logik des Konzepts, aber mit der Platzierung habe ich immer noch, zumindest zum Abgabezeitpunkt des Reviews, meine Schwierigkeiten.

Das wiederum hat definitiv Einfluss auf die Endwertung, allerdings keinen besonders umfangreichen, denn: "Noktvrn" ist trotz dieser kleineren Unzulänglichkeit, die, wie gesagt, völlig subjektiv empfunden ist, ein fantastisches Werk, das ein in allen relevanten Bereichen gereiftes DER WEG EINER FREIHEIT porträtiert, welches nun, in all der künstlerischen Selbstsicherheit, legitimerweise auch mal etwas ausprobieren wollte. Spannende, emotionale Höhepunkte erlebt man auf "Noktvrn" immer noch ständig, das Wechselspiel zwischen Zerbrechlichkeit und Raserei sucht seinesgleichen und wird die anstehenden Herbst- und Wintertage, die dunklen Stunden selbstverständlich bereichern.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (15.11.2021)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE