SWALLOW THE SUN - Moonflowers

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VÖ: 19.11.2021
Bandinfo: SWALLOW THE SUN
Genre: Doom Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Nach dem finnischen Melodic Death Metal Leckerbissen OMNIUM GATHERUM (Review könnt Ihr HIER nachlesen) sind nun zu meiner Freude auch die Melancholie-Götter aus dem Land der 1000 Seen auf meinem Rezensionsschreibtisch gelandet. SWALLOW THE SUN haben seit ihrem Debüt "The Morning Never Came" aus dem Jahr 2003 noch nie ein auch nur durchschnittliches Album abgeliefert. Im Gegenteil, neben guten und sehr guten Scheiben schuf man mit "New Moon" (2009) und "Songs from the North I, II & III" (2015) absolute Genre Meilensteine im Bereich des melodischen Doom/Death Metal.

Der letzte Longplayer aus dem Jahr 2019 schaffte es in den finnischen Charts gar auf Platz 1 - eine großartige Scheibe, die aber nicht ganz an die beiden vorgenannten musikalischen Giganten heran reichte.

Und nun "Moonflowers". Ein weiteres Werk, das geprägt ist, von dem Trauma, das der Tod von Aleah Stanbridge, der Lebensgefährtin von Bandmastermind und Hauptsongwriter Juha Raivio, die 2016 an Krebs starb, hinterlassen hat, und von dem sich Juha bis heute nicht erholt zu haben scheint. Die aktuelle Scheibe ist voll von tiefer Depression, Verzweiflung und Selbsthass, der bis zu suizidalen Gedanken reicht. Einen (extrem starken und emotionalen) Ausdruck der Psyche des STS-Kopfes stellt bereits das äußerst ansprechende aber zugleich auch niederschmetternde (wenn man die Hintergründe kennt) Albumcover dar, das von Juha selbst gestaltet wurde. Den roten Mond hat er mit seinem eigenen Blut gemalt, die (echten) getrockneten Blumen hat er in Aleahs Todesjahr gesammelt. Und so wie das Cover Artwork präsentiert sich auch das Album in musikalischer Hinsicht: Wunderschön und tieftraurig, erhaben und anmutig doch zugleich erschreckend und zerbrechlich.

Der Opener "Moonflowers Bloom In Misery" startet akustisch, ehe zum ersten Mal die unverwechselbare Stimme von Frontmann Mikko ertönt - klar und samtig und auch mit einer gewissen Wärme behaftet. Doch schon folgt der erste wütende Ausbruch, zorniges Kreischen und aggressive Growls speien Juhas Lyrics ins Mikrofon, während der Gesang von einer melancholischen Melodie getragen wird, die durch die eingeflochtenen Streicherinnen ungemein atmosphärisch klingt.

In diesem Zusammenhang, bei den erwähnten Streicherinnen handelt es sich um das finnische TRIO N O X, das nicht nur die regulären Tracks immer wieder begleitet. Die drei äußerst talentierten Damen haben für die Special Edition des "Moonflowers" Releases alle acht Stücke in einem extra geschriebenen klassischen Arrangement live in der Kirche von Sippo eingespielt und aufgenommen. Dieses Schmankerl ist mir an dieser Stelle einen absoluten Kauftipp wert!

Das TRIO N O X kommt auch im zweiten Stück zum Einsatz. "Enemy" erinnert ein wenig an die Glanzzeiten von MY DYING BRIDE, während die erste Vorab-Single "Woven Into Sorrow" in ihrer epischen Breite locker an WHILE HEAVEN WEPT heran reicht. Dazu präsentiert sich der Track abwechslungsreich und voller emotionaler Wendungen, von extrem zart und leise, bis hin zu wütenden Ausbrüchen. Dabei spiegeln die Lyrics die durch die Musik erzeugten Spannungen und Gefühlswechsel perfekt wider. Oder ist es umkehrt?

"Keep You Heart Safe From Me" beginnt wie ein klassischer, traditioneller Doom Song, doch schon nach kurzer Zeit kippt die Instrumentierung in akustische, fast progressiv-wabernde Sphären, ehe der Track musikalisch wie vokal regelrecht explodiert. "All Hallow's Grieve" ist eine herzzerreißende, zu Tränen rührende Nummer, die neben der unglaublichen, vielleicht sogar schönsten Melodie des ganzen Albums vom wundervollen Duettgesang zwischen Mikko und OCEANS OF SLUMBER Frontfrau Cammie Gilbert lebt. Man möchte weinen und Wasserfälle voller Tränen vergießen, ob der melancholischen, grausam-traurigen Schönheit dieses Stückes.

"The Void" wurde zum Album-Release als dritte Video-Single vorgestellt. Der Titel startet ruhig, fast postrock-mäßig, wandelt sich aber im weiteren Verlauf zu einer klassischen SWALLOW THE SUN Gothic Doom/Death Nummer, die einmal mehr von Mikkos erhabenem Gesang geadelt wird und deren Melodie man spätestens nach dem zweiten Hören nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

"The Fight For Your Life" läßt sich getragene drei Minuten Zeit, ehe die einsetzenden Death Metal Gitarren und die grandiosen Growls die Hörerschaft kurzzeitig in die glorreiche Zeit des Genres in den 90ern zurück versetzen, und diese nostalgische Retrospektive die Wissenden liebevoll in die Arme nimmt.

Und SWALLOW THE SUN wären nicht SWALLOW THE SUN, wenn sie sich für den Schlusspunkt der aktuellen Langrille nicht noch etwas Besonderes einfallen lassen hätten. Von zupfenden Streicherinnen untermalt ist in den ersten Momenten von "This House Is No Home" nur Mikkos Stimme präsent, bevor sich der Track unvermittelt in eine wilde aber auf seine Art doch sehr melodiöse Black Metal Raserei hineinfiebert. Es folgt eine ruhigere Passage, dann wieder das wütende schwarzmetallische Aufbäumen. Dieses Wechselspiel setzt sich fort, bis der Albumcloser mit den bereits zu Beginn vernommenen Streicherinnen endet. Was für ein Finale!

 

Fazit:


"Moonflowers" hat mich derart gepackt, wie es nur wenige Alben in diesem und den zurückliegenden Jahren vermocht haben. Es bietet von der ersten bis zur letzten Sekunde bewegende und schonungslose Einblicke in die Tiefen und Abgründe der Psyche von Mastermind Juha Raivio, der so scheint es, alle Verzweiflung, Wut, Depressionen, die nach wie vor in ihm wohnen, in die Musik und die Texte von "Moonflowers" projiziert hat. Und seine instrumentalen und vokalen Begleiter haben all diese Emotionen, die innere Zerrissenheit in ein Klanggewand gekleidet, das über die Genregrenzen hinweg seinesgleichen sucht. All die Traurigkeit und der Schmerz, der auf "Moonflowers" zu hören ist, ist echt und zutiefst ehrlich. SWALLOW THE SUN öffnen sich der Hörerschaft ganz und gar und kreieren damit eine emotionale Nähe, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Für mich ist dieses Album auf jeden Fall die bislang beste Veröffentlichung der Finnen, die den kompletten (großartigen) Backkatalog hinter sich lässt und demzufolge auch eine entsprechende Bewertung verdient hat.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (22.11.2021)

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