NORTHTALE - Eternal Flame

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VÖ: 12.11.2021
Bandinfo: NORTHTALE
Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast GmbH
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Lineup  |  Trackliste

Selten war ich von einem Debüt so dermaßen unterwältigt wie bei NORTHTALE. "Welcome To Paradise" hatte mit "Shape Your Reality" nicht nur eine bockstarke erste Single auf den Markt geworfen, nein, mit Christian Eriksson gehörte auch einer DER Power Metal Sänger der letzten Jahre zum Lineup. Was sollte da schief gehen? Tja, so einiges. Austauschbare 08/15 Arrangements, tausendfach gehörte Melodien, schlechte Hooks ohne Wiedererkennungswert und und und. Das war MAXIMAL und auch nur mit gutem Willen ein mittelmäßiges Power Metal Album. Eriksson war dann plötzlich raus aus der Band (wo die Gründe nie wirklich erläutert wurden, aber ich schätze mal, dass er ein schwieriger Typ zu sein scheint?) und man begab sich auf die Suche nach einem geeigneten neuen Frontmann. Gefunden wurde dieser in Form von Guilherme Hirose, einem Landsmann von Gründer Bill Hudson, der neben seinen US-amerikanischen Wurzeln ja auch brasilianische inne hat. War mir kein Begriff, aber die erste Single "Only Human" machte schon wie damals "Shape Your Reality" einen verdammt starken Eindruck. Doch Vorsicht war geboten, denn mein Hype generierte sich schon Mal aufgrund einer einfachen Single und diesen Fehler wollte ich kein zweites Mal begehen... Schauen wir Mal, ob "Eternal Flame" am Ende mehr zu bieten hat, als das Debüt der Mannen um Bill Hudson...

Zum Opener gibt es nicht viel zu sagen. Schneller uptempo Power Metal trifft auf technisch versiertes Riffing und bockstarke Melodien. Sänger Guilherme passt tatsächlich NOCH besser zu NORTHTALE als Eriksson, der sich scheinbar mittlerweile Gedanken machen muss, ob er im Sektor des Metals noch Fuß fassen kann auf Dauer. Gesanglich erinnert er mich an eine Mischung aus Jake E. (CYHRA) und Jonas Heidgert (DRAGONLAND). "Only Human drückt auf die Tube und löst das Gaspedal nur kurz in der Hook, die einen dynamischen Tempowechsel anstrebt. Geiler Opener, der Lust auf mehr macht!

"Wings Of Salvation" schlägt direkt Mal mit siebeneinhalb Minuten zubuche, was ich durchaus als mutig empfinde als ersten Track nach der schon bekannten Single. Der balladeske von Gesang geprägte Beginn wird durch melancholisches Riffing aufgeweicht, das durchaus eine gewisse Inspiration von ANGRA erkennen lässt. Diese ganz leicht symphonischen Elemente werten den Sound ungemein auf, der übrigens auch einwandfrei produziert ist und jedem Detail genügend Raum lässt! Guilherme singt brilliant, findet immer die goldene Mitte in seinem Tun. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Er stellt sich nicht über die Musik mit seinem Gesang, sondern bildet eine wunderbare Einheit. Die Hook verbleibt im melancholischen Gewand und "Wings Of Salvation" driftet nie in diese schnellen Gefilde des klassischen Power Metals ab, sondern bietet als Kontrast direkt eine tolle Varianz zum simplen Opener. Mir gefällt die träumerische Herangehensweise, die mich als Hörer auch ohne Müdigkeitserscheinungen über die sieben Minuten hinausträgt.

"Future Calls" bietet ein Feature von Kai und Tim Hansen, ein Vater-Sohn Gespann, das Power Metal atmet! Ersterer veredelt die erste Strophe, letzterer schmettert ein fettes Solo raus! Hier steht hohes Tempo im Vordergrund und das variable Gitarrenspiel von Bill Hudson hat ein unglaubliches Niveau und erweckt eine eigene Seele zum Leben. Obwohl jeder Liebhaber von klassischem Power Metal sich hier abgholt fühlen wird, entwickelt das zweite Werk von NORTHTALE schon jetzt eine deutlich eigenere Identität als das Debüt.

"The Land Of Mystic Rites" mag für manche over the top oder deplatziert wirken, denn hier geht man wirklich All-In in Sachen ANGRA. Die brasilianischen Wurzeln kommen durch und ANGRA selbst hätten diesen Song nicht besser schreiben können. Ich liebe diesen treibenden und verträumten Sound und obwohl es sich von den bisherigen Songs etwas absetzt, hat es trotzdem seine Daseinsberechtigung und reißt mich nach melancholischen Klängen wie in "Wings Of Salvation" auch nicht raus. Der Song worshipped ANGRA wie wohl kaum eine andere Band und wird musikalisch auf höchstem Niveau hervorgetragen. Das mit einer Leichtigkeit, die schneller schmilzt als ein Eis in der Mikrowelle. 

"Midnight Bells" hat was von "Better Than Raw" von HELLOWEEN. Roher aggressiver Power Metal mit ordentlich Wumms. Guilherme zeigt, dass er im Bereich des melodischen Metals alles veredeln kann und untermauert, das NORTHTALE mit ihm den Hauptgewinn gezogen haben. Dieser wechselnde Rhythmus in die Hook hinein ist grandios und der Wechsel von der Hook zurück zur Strophen-Struktur ist sooo perfekt und fließend umgesetzt. Bill Hudson streut immer wieder ein paar kleine Skill-Soli ein und zeigt. was für ein Ausnahmegitarrist er ist. Allgemein wirkt die Band unglaublich eingespielt und toll aufeinander abgestimmt.

Der Titeltrack bietet nochmal klassische solide Power Metal Kost mit dem Extra-Ohrwurmfaktor, während "Ride The Storm" alle Happy Metal Fans unter uns zum Grinsen bringen wird. "Judas Be My Guide" bietet nochmal ein nettes IRON MAIDEN Cover, auch wenn es weiß Gott nicht einer der Songs ist, für die ich MAIDEN schätze. Die Umsetzung ist dennoch on point. Ein echtes Highlight begegnet uns mit dem Longtrack "Nature's Revenge", denn wer elf einhalb Minuten mit so vielen Facetten zu füllen weiß, ohne den roten Faden zu verlieren geschweige denn Langeweile aufkommen zu lassen, der hat es einfach verstanden. "Eternal Flame" ist DER Überraschungshit 2021 und macht das schwache Debüt mit einem Schlag vergessen! Ich bin extrem happy mit dem Resultat und würde behaupten, dass wir in Sachen Power Metal 2021 nicht wirklich was besseres gehört haben!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Sonata (29.12.2021)

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