(DOLCH) - Nacht

Artikel-Bild
VÖ: 04.02.2022
Bandinfo: (DOLCH)
Genre: Doom Metal
Label: Van Records
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Ha! (DOLCH) sind nach wie vor für eine Überraschung gut und tun einmal mehr wirklich ALLES, um sich jeglicher eindeutigen Klassifizierung ihres künstlerischen Schaffens zu entziehen!

Kurzer Blick zurück:

Bereits nach zwei Demos schaffte es das damals noch als Duo agierende Ensemble, einen Plattenvertrag beim renommierten Label VAN Records (ATLANTEAN KODEX, URFAUST, THE RUINS OF BEVERAST etc.) zu ergattern. Die Compilation der beiden Demos "I & II" (2015) wirbelte im Untergrund einigen Staub auf und begeisterte mit einem musikalischen doomlastigen Black Metal Gerüst, das durch dezente Ambient Anleihen und den, schon zu diesem Zeitpunkt ungemein faszinierenden, femininen Gesang ergänzt wurde. Einige Split-Veröffentlichungen später erschien 2017 die EP "III: Songs Of Happiness... Words Of Praise", die die Black Metal Elemente bis hin zum Noise verzerrte, den Ambient Anteil in die Höhe schraubte und auch einige verquere Soundexperimente beinhaltete. Nicht zuletzt dürfte vielen Hörern der 18-minütige Schlusstrack schwer im Magen gelegen haben – ein schwer goutierbarer düsterer Brocken, geschmiedet aus Verzerrungen und minutenlangen, endlos erscheinenden Drone-Passagen, die das Nervenkostüm auf Schärfste zu malträtieren wussten.

2019 erblickte das Full Length Debüt der inzwischen zum Quintett angewachsenen Band das Licht der der Welt, und damit zugleich auch der erste Teil einer Trilogie, die mit "Nacht" ihre Fortsetzung findet und die schließlich mit "Tod" enden wird. "Feuer" war erstaunlich strukturiert und von der Songgestaltung für (DOLCH) Verhältnisse geradezu konventionell beschaffen. Musikalisch war die Scheibe, neben einigen Ambient-Einlagen, doch sehr metallisch gehalten, wobei die Ausrichtung etwas weg vom Black Metal und mehr hin zum Doom erfolgte. Der Titeltrack ragte als gigantischer Übersong aus dem exzellenten Album noch einmal heraus, und einmal mehr thronte über allem der unglaubliche, faszinierende Gesang von M.

Jetzt legt die Berliner Formation ihre zweite Langrille vor. Und Hörer/Fans der vorangegangenen Outputs müssen sich einmal mehr umstellen und ihre Erwartungen zumindest teilweise über Bord werfen. Denn (DOLCH) bleiben unberechenbar. "Nacht" lässt sich noch weniger in eine Schublade pressen als "Feuer". Die Metal-Elemente sind vollständig verschwunden. Dafür dominieren Klänge in einer enormen Bandbreite von Cold/Dark Wave über Ambient, Industrial, Noise, (Dark) Electro, EBM, Post Punk bis hin zu Gothic und Doom Rock sowie Neo/Dark Folk. Insgesamt passt die musikalische Ausrichtung von "Nacht" generell eher in die Gefilde der Schwarzen Szene – Grufties, Gothics und Electros dürften ihre helle (grins!) Freude an den düster-melancholischen Klängen haben! Um der Leserschaft zumindest ein paar vergleichende Anhaltspunkte an die Hand zu geben (die aber nur diverse Stilelemente enthalten, von denen auch (DOLCH) Gebrauch machen), seien an dieser Stelle mal THE CURE (in ihren krassesten Momenten auf "Pornography", in "Cold" und im Titelsong), SIOUXIE AND THE BANSHEES (Gesang), CHELSEA WOLFE (ab "Pain Is Beauty"), SIGOR RÓSTHE BREATH OF LIVE, DIARY OF DREAMS und die SISTERS OF MERCY genannt.

Es macht eigentlich keinen Sinn hier auf die einzelnen Songs einzugehen. Denn obschon die zwölf Tracks ein im oben beschriebenen Rahmen buntes, an Abwechslung ungemein reiches musikalisches, Potpourri darstellen, bildet "Nacht" in seiner Gesamtheit doch auch eine Einheit, die ich nicht auseinander reißen möchte. Hervorzuheben wäre lediglich, dass die aktuelle Scheibe mit "Open", Tonight" und "Mercury" ein für (DOLCH)-Verhältnisse regelrecht hitverdächtiges Eröffnungs-Triple enthält, während Stücke wie "Coda", "House Of Glass (Hydroxytryptamin Baby Part III)" oder der sehr dronige Albumcloser "Early Morning No Taxi" einige Durchläufe benötigen, ehe sie ihre gesamte magische Wirkung entfalten können.

Auch wenn ich es weiter oben schon mehrfach angesprochen habe, auch auf "Nacht" ist die hypnotisierende, die Hörerschaft unweigerlich in ihren Bann ziehende, zart-zerbrechliche Stimme von Frontfrau M ein wahrer Ohrenschmaus und definitiv schon mal die halbe Miete, was die Besonderheit des (DOLCH)-Klanguniversums ausmacht. Diesmal hat M vokale Unterstützung von Gitarrist T erhalten, und das Auditorium kann sich in "Ghost" davon überzeugen, dass T qualitativ M in nichts nachsteht.

 

Fazit:

"Nacht" ist einmal mehr anders. Anders als "Feuer". Anders als die vorangegangenen EPs. Unberechenbarkeit war und ist eine der großen Stärken von (DOLCH). Doch auch die Neuausrichtung auf einen weit gefassten Stilmix, der jedoch größtenteils in dunklen, nichtmetallischen Gewässern schippert, geht erneut einher mit exorbitanter Qualität in Musik, Gesang, Songwriting und Arrangements. Dazu kommt eine angenehm organische, dem Soundgewand von (DOLCH) voll und ganz entsprechende Produktion. "Nacht" ist ein großartiges Album geworden, und die Erwartungen an den Nachfolger und Trilogie-Abschluss "Tod" steigen bereits jetzt enorm!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (07.02.2022)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE