GHOST - Impera

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VÖ: 11.03.2022
Bandinfo: GHOST
Genre: Rock
Label: Spinefarm Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Manchmal ist das Leben eines Rezensenten (habe ich auch googlen müssen – ich bezeichne mich eher als Teilzeit-Schreiberling) kein Honigschlecken.

„Normale“ Menschen glauben vielleicht, dass wir „Journalisten“ von den PR-Agenturen und Plattenfirmen hofiert werden, im Flieger nur 1. Klasse sitzen, die „Stars“ ungeduldig mit den Hufen scharren, nur um von uns interviewt zu werden und wir nur in den teuersten Hotels wohnen, aber das ist ein Irrglaube. Wir sitzen nicht in der 1. Klasse, NEIN – uns gehört das verdammte Flugzeug, hahahahaha

Nein, im Ernst - vielleicht gilt das für die  KollegInnen in den Redaktionen der auflagenstärksten Printmagazine, aber da gehöre ich sicher nicht dazu. Manchmal fühlt man sich so wertgeschätzt und wichtig wie der Nasenring von Lord Voldemort, für denselbigen.

Seit Tagen und Wochen schon tauchen die ersten Besprechungen und Interviews zum neuen GHOST-Album bei den Mitbewerbern auf und man wundert sich. Die ersten Fans in diversen Foren im Internetz posten Selfies von sich und dem neuen Album und man wundert sich doppelt und dreifach. Endlich, einen Tag vor dem offiziellen  Veröffentlichungstag die erlösende Mail: Man soll bemustert werden. Na bitte!

Am Freitag in der Früh, noch vor dem 1. Kaffee lädt man sich aber das Album sicherheitshalber auf Spotify runter, um es im Zug zu hören, im Büro noch immer kein Link zu den Hörproben, also ab zum Media-Markt, um das Album zu kaufen. Was tut man nicht alles, um die Fans, zu denen ich aber auch zähle, zu befriedigen?

Da ist es nun: Das fünfte Album von GHOST.

"Impera" heißt das gute Teil, hat als Grundthema den Aufstieg und Fall von Imperien und sollte eigentlich einen großen Teil dazu beitragen, die Band von den mittelgroßen Arenas dieser Welt in die größeren Hallen, oder sogar Stadien zu bringen. Wird ihnen das mit diesem Album gelingen?

Ist es ihr persönliches „Powerslave“? Oder sogar das „schwarze Album“, das METALLICA zu einer der größten Bands auf diesen Planeten machte?

Jein, würde ich sagen. Klingt jetzt nach „der Typ will sich nicht festnageln lassen, falls die Band Mega-Erfolge einfährt, oder in die Bedeutungslosigkeit versinkt“.

Nein, dem ist nicht so. GHOST ist eine Band, die ihre Anhängerschaft und ihre Verkäufe mit jedem Album steigern konnte und sich von den kleinen Hallen zu Headlinershows, wie z.B. in Wacken hochgearbeitet hat. Und das zu Recht!Als F an von GHOST weiß man, was man mit dem Kauf einer CD oder eines Konzerttickets bekommt: HITS HITS HITS

Drei Stunden GHOST live – kein Problem, kein einziger Song, der einen aufs Klo oder zum Bierstand treibt. Und DAS ist das große Luxusproblem, das GHOST hat. Der Hitfaktor bei jedem Album ist sehr hoch, genauso das Qualitätslevel der Songs. Egal ob Tobias Forge die Songs jetzt alleine schreibt oder externe Songwriter mitarbeiten lässt – es kommen immer wieder grandiose Songs heraus. Aber, großes  ABER – es fehlt der absolute Über-Über-ÜBERSONG! Sein persönliches „Smoke on the water“, sein „Enter Sandman“!

Ehrlich jetzt – nehmt „Opus Eponymous“, „Infestissumam“, „Meliora“ „Prequelle“ spielt sie ab und … Da ist kein Stinker drauf, nur Topp-Songs von vorne bis hinten. Und sogar für die nicht so genialen Songs, würden 99% aller Musiker auf diesem Planeten ihre Großmutter verkaufen (und schlimmer sogar, ein Weihnachtsalbum mit Andreas Gabalier aufnehmen). „Elizabeth“, „Satan Prayer“ „Year zero“ „He is“ usw usw . Ein Hit nach dem anderen, ABER nicht DER Hit, der alle anderen Songs auf den Alben zu Statisten degradiert. Nicht einmal „Square Hammer“ von der „Popestar E.P.“ war so ein Burner. Was vielleicht gar nicht mal so schlecht ist.

Als Vergleich – stellt euch vor DEEP PURPLE würden bei einem Konzert NICHT „Smoke On The water“ spielen! Ihr versteht mich? Nun, eigentlich sollten hier nicht meine Gedanken zu GHOST und ihrem Luxusproblem ausgebreitet werden, sondern ich soll, verdammt noch mal, die neue CD besprechen. 

OK - sehr gut, von vorne bis hinten – wieder einmal. Die Band erfindet sich nicht neu. Ihr wollt GHOST – Tobias Forge liefert. Zu fast 100%. Es gibt wieder grandiose Melodien, packende Refrains, Chöre und sogar Bläser und es schimmern Einflüsse von großartigen AOR-Bands der 70er und 80er durch. Es sind immer nur kleine Einflüsse hier und dort, nie wird so richtig, offensichtlich "geklaut". Die Höchstnote gibt es diesmal aber nicht – „Darkness At The Heart Of My Love“ ist KEIN GHOST-Song, sondern klingt wie der Radio-Hit einer x-beliebigen Boygroup und „Griftwood“ ist FAST ein „Stinker“, also erstmalig ein GHOST-Song, der nicht komplett überzeugen kann.

Diesen zwei weniger guten Songs stehen aber wiederum Krachern wie „Kaisarion“, oder „Twenties“  gegenüber, wobei ich sogar glaube, dass „Call Me Little Sunshine“ knapp davor stand, dieser EINE Übersong zu sein. Mördergroove und eine Melodie, die sich im Gehirn festsetzt und mir seit Wochen nicht mehr aus dem Schädel geht. Und in guter, alter GHOST-Tradition wird auch auf „Impera“, wie bei allen Alben zuvor ein Megakracher an letzter Stelle gesetzt  - „Respite On The Spital Fields“.

Ich bin beim ersten Mal anhören bitter enttäuscht, nach dem Doppel-Niederschlag von „Darkness At The Heart Of My Love“ und „Griftwood“ und war kurz davor das Album abzudrehen, doch die Nummer packt einen spätestens ab dem Part, wo Tobias Forge fast zu growlen beginnt und entwickelt sich zu einem echten Grower!

FAZIT: Mit „Opus Eponymous“ begann Tobias Forge das GHOST-Haus nach seinen Vorstellungen und Wünschen zu bauen. Liebevoll wurde mit jedem Album ein Zimmer nach dem anderen eingerichtet und es war für Jedermann und Jedefrau etwas dabei – egal ob Grufies, Rocker, Pop-Fans – alle wurden eingeladen, alle fühlten sich wohl und konnten ohne Berührungsängste in diesem Haus miteinander Party machen.

Ein Zimmer wurde mit schwarzen Tapeten und Pentagrammen eingerichtet, eines schon heller, eines schon fast bunt und im neuen, aktuellen Zimmer wurden helle Tapeten mit neonfarbigen Schweissbändern, Holztennisschlägern und JOURNEY-, sowie SAMANTHA FOX und ABBA-Poster an der Wand kombiniert und es passt für alle. Alle sind glücklich und zufrieden in diesem Haus, aber es kommt immer noch ein leichter, kaum wahrnehmbarer Schwefelgeruch aus dem Keller. Man freut sich schon darauf, welche Zimmer noch dazu kommen.

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Richard Metfan (14.03.2022)

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