MÅNEGARM - Ynglingaättens Öde

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VÖ: 15.04.2022
Bandinfo: MÅNEGARM
Genre: Viking Metal
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste

Von ihrem furios-wilden, ursprünglichen Debüt "Nordstjärnans tidsålder" (1998) bis zur aktuellen Scheibe "Ynglingaättens Öde" haben die Nordmänner schon eine beachtliche Entwicklung genommen. Als melodische Black Metal Band mit Viking und Folk Einflüssen gestartet, haben sich diese Eigenschaften spätestens seit dem bislang als Opus Magnum geltenden "Månegarm" aus dem Jahr 2015 komplett umgekehrt, und die Schweden zocken mittlerweile unglaublich vielfältigen Viking Folk Metal mit gelegentlichen Black Metal Ausbrüchen.

Das vorletzte Album war eine wahre Fundgrube an Facetten- und Abwechslungsreichtum und strotzte nur so vor Ideenvielfalt und musikalischer Bandbreite. Mit "Fornaldarsagor" (2019) bewegte sich die Band vor drei Jahren wieder (ein kleines Stück) zurück zu ihren Wurzeln, die Scheibe war etwas straighter und nicht ganz so verspielt und üppig wie "Månegarm". Man durfte also gespannt sein, wohin der Weg das nordische Trio auf ihrem neuesten Output führen würde. Mit der Antwort auf diese Frage beschäftigen wir uns im Folgenden. So lasst uns die Lenden gürten, und mit stolzer Brust und blankem Schwert werfen wir uns zum zehnten Mal in die Schlacht – um Ruhm und Ehre und auf Leben und Tod!

"Freyrs blod" startet ungemein traditionell und oldschool und erinnert zu Beginn für eine Weile an die alten MÅNEGARM Zeiten im Speziellen und an die typisch schwedischen, melodischen Black Metal Glanzstücke der späten 90er im Allgemeinen. Doch spätestens nach zwei Minuten ist man dann im aktuellen Klangkosmos von Erik und seinen Mannen angekommen. Das Tempo wird gedrosselt, traditionelle Instrumente erklingen, und zum ersten Mal tönt der erhabene Klargesang aus den Boxen, der nicht nur einmal im Verlauf der kommenden Stücke für Gänsehaut sorgen wird. Ab der Hälfte lassen MÅNEGARM den Sound von "Freyrs blod" dann beinahe in einem Meer aus sehnsuchtsvoller Melancholie ertrinken, woran die immer wieder auftauchende schmachtende Fiedel einen nicht unbedeutenden Antheil hat. Der zehneinhalbminütige Opener vergeht wie im Flug, und MÅNEGARM stellen von Beginn an klar, dass auf "Ynglingaättens Öde" ganz großes Kino im episch-monumentalen Breitwand-Format geboten wird!

"Ulvhjärtat" war eine der beiden vorab veröffentlichten Singles. Und nicht nur das dazugehörige stimmungsvolle Video ist von höchster Qualität. Auch der Song an sich sollte jedes Wolfsherz höher schlagen lassen. Der akustisch-folkloristische Beginn setzte sich sofort in meinen Gehörgängen fest, und bis heute grüble ich darüber nach, woher ich die Melodie kenne, denn ich bin mir nach wie vor todsicher, dass ich sie schon mal gehört habe. [Falls jemand aus der Leserschaft das Rätsel lösen kann, bitte eine kurze Info auf Facebook an mich, ich wäre über jede Aufklärung dankbar. Zu dieser Anekdote gibt es übrigens eine interessante Frage/Antwort im ausführlichen MÅNEGARM-Interview! Lest mal rein, es lohnt sich! Anm. d. Verf.] Nach der Einleitung verfällt "Ulvhjärtat" in aufpeitschendes, mitreißendes Midtempo, bietet eine grandiose Hookline und einen Chorus zum Niederknien!

"Adils fall" macht exakt dort weiter, wo das Stück um des Wolfes Herz endete. Soll heißen, eine unbeschreibliche Melodie, extrem variabler Gesang von Frontmann Erik, und eine erbarmungslos groovende Rhythmusfraktion, die alles dafür tut, dass die Nummer zum ultimativen Nackenmuskel-Traktierer wird. Den Refrain hat man sich nach drei Bier und zwei Durchläufen locker drauf geschafft, und dann heißt es: Hörner in die Luft gereckt und lauthals mitgesungen:

"...Där under folkets sed
In i dis-salen hästfursten red
En dans med skölden bred
Men med trollväsen sejdkraften vred
Av sejden vred, föll från bog och livet slets,
med skultens hav över jorden spreds..."

Es folgt der Über-Über-Song des Albums und mein persönlicher Lieblingstitel auf "Ynglingaättens Öde“. Leicht schleppender Rhythmus, majestätische Instrumentalisierung, große, wirklich epische Melodie – das allein hebt "En snara av guld" schon auf die höchste Niveau-Stufe! Doch dann...dann ertönt zum ersten Mal die alles verzaubernde zarte Stimme von Lea Grawsiö Lindström, und schon wird aus einem großartigen Track eine Hymne für die Ewigkeit! Und wenn dann auch noch der Herr Papa mit einstimmt (Lea ist Eriks Tochter!), ertönt ein Zwiegesang, der nicht von dieser Welt ist. Was für gewaltiges, erhabenes und doch auch so zerbrechliches musikalisches Kleinod! [Das Mädchen, das im Video zu "En snara av guld" die Braut verkörpert, ist übrigens Eriks zweite Tochter. Anm. d Verf.]

Die Maultrommel kündigt es bereits an, "Stridsgalten" ist ein absolutes Folk(s)-Tanz-Highlight! Für die beinahe fröhlich schunkelgroovende Nummer haben MÅNEGARM sich gleich dreifache prominente Unterstützung an Bord geholt: Jonne Järvelä (KORPIKLAANI), Robse Dahn (EQUILIBRIUM) und Pär Hulkoff (RAUBTIER/HULKOFF) performen "Stridsgalten" gemeinsam mit Erik. Der Song ist, ohne auch nur einen einzigen Track auf "Ynglingaättens Öde“ abwerten zu wollen, neben "En snara av guld" das Album-Highlight, und ich prophezeie an dieser Stelle, dass wir es hier mit DER zukünftigen Live-Granate zu haben! Das Publikum wird tanzen, moshen, springen und jede einzelne Zeile mitgrölen. In diesem Sinne: Jump! Jump! Jump!

Harter Schnitt. Way back into the golden 90s! So fühle ich mich beim Hören der ersten Klänge von "Auns söner". Man wähnt sich in der Tat unvermittelt in einem der großen alten schleppenden Neunziger-Jahre Black Metal Songs. Dann verdrängt der Klargesang dieses Gefühl (aber nur ein wenig), und als die folkloristischen Instrumente sich zur Musik gesellen, erinnert dieser Hauch von gewollter Dissonanz sogar einige Sekunden lang an diese für SVBWAY TO SALLY so typische Ausdrucksform. Trotz der Angenehmen Farbtupfer, die für Abwechslung sorgen bleibt dieses wohlige Oldschool-Schwarzwurzelheimer-Feeling bis zum Ende von "Auns söner" erhalten, und lässt den Kenner mit einem seligen grinsen zurück.

"Vitta véttr" kommt ein wenig als Wolf im Schafspelz daher. Verträumte Folk-Viking Klänge mit klarem Männerchor betören die Hörerschaft, ehe unvermittelt ein wahres Aggressionsgewitter auf das Auditorium niederprasselt. Erwischt! Dieser Ausbruch hat gesessen. Doch die Wolken verziehen sich ebenso schnell, wie sie herangezogen waren, und die Folk Metal-Stimmung wird alsbald wieder aufgenommen, und man darf konstatieren, dass MÅNEGARM auch kurz vor der Zielgeraden keinerlei Langeweile aufkommen lassen und den Qualitätslevel bislang konstant auf Höchstnotenkurs ausrichten. 

Die Ziellinie von "Ynglingaättens Öde" überqueren die Schweden mit einem wahrlich traumhaften Albumcloser. "Hågkomst av ett liv" ist ein rein akustisches Stück und eine Ballade der Extraklasse. Gesanglich wird der Gänsehaut-Song von der wunderbaren Ellinor Videfors dominiert, aber auch die Duett-Passagen von ihr und Erik sind ein wahrer Ohrenschmaus. Besser kann man ein ohnehin schon mehr als gelungenes Album wirklich nicht beschließen. 
Als Extra gibt es im Anschluss den zweiten Track "Ulvhjärtat" noch einmal als englischsprachige Version unter dem Titel "The Wolfheart".

 

Fazit:
...
Für einen Moment fehlten mir tatsächlich die Worte, um "Ynglingaättens Öde" verbal noch einmal wirklich treffend zu bilanzieren. Ich hatte gehofft, dass die schwedischen Folkwikinger die Qualität von "Fornaldarsagor" und vor allem von "Månegarm" würden halten können. Dass die Nordmänner aber noch einmal so eine gewaltige Schippe obendrauf packen würden, hätte ich allerdings nicht erwartet. Die neue Scheibe ist Folk Viking Metal der absoluten Spitzenklasse, garniert mit ungemein vielen Facetten und einer Portion Abwechslungsreichtum, die bei manchen Mitbewerbern glatt für drei Alben ausgereicht hätte.

Die Instrumentalfraktion agiert zu jeder Sekunde ohne Fehl und Tadel – man spürt in jedem Ton, dass das Trio unglaublich viel Spaß hatte, dieses exzellente Album einzuspielen. Und ohne die Leistung von Markus und Jakob schmäleren zu wollen, aber was Erik auf "Ynglingaättens Öde" gesanglich abliefert, ist wirklich der Wahnsinn! Eine derartige Bandbreite an unterschiedlichen Gesangstilen, die immer wieder in ein und demselben Song in kurzer Abfolge wechseln, ineinander übergehen und gleichberechtigt ein harmonisches Ganzes bilden – das muss dem Herrn Grawsiö erst mal jemand nachmachen.

Das Gesamtpaket ist in musikalischer, gesanglicher, sound- und produktionstechnischer, kompositorischer und nicht zuletzt lyrischer Hinsicht über jeden Zweifel erhaben. MÅNEGARM liefern für mich mit "Ynglingaättens Öde" bereits jetzt ein absolutes Jahres-Highlight ab und haben sich damit die (von mir 2022 zum ersten Mal vergebene) Höchstnote mehr als verdient!

Hier geht es zum Interview mit Erik Grawsiö, dem Frontmann von MÅNEGARM.

 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (19.04.2022)

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