ABSTRACTED - Atma Conflux

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VÖ: 15.04.2022
Bandinfo: ABSTRACTED
Genre: Progressive Death Metal
Label: M-Theory Audio
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Lineup  |  Trackliste

Brasilien ist wie eh und je ein Heimspiel für Metal-Fans. ABSTRACTED aus São Paulo beanspruchen die Nackenmuskeln hiesiger und jenseitiger Schwermetaller seit 2013. Der erste Langdreher ist überfällig. Wie es das Gesetz des Prog-Metal-Dschungels will, pflanzt sich ein gediegenes Konzept-Album Richtung Licht: „Atma Coflux“. Der Bandname beziehe sich auf ein Lied der schwedischen melodischen Todes-Metaller SCAR SYMMETRY.

Die erste Nummer „Ego Death“ fliegt in der Kategorie „Antonov An-225“ mit exakt 13:30 Minuten ein. Der Aufbau ist an sich ist ein guter. Explizit sei auf die Passage kurz vor Minute vier hingewiesen, die sehr druckvoll und dicht holzt. Verschlungene Pfade tun sich auf. Es muss hier wieder NE OBLIVISCARIS als Standard herhalten: "Libera (Part I und II)" haben etwa dieselbe Länge, ein progressives Kunstwerk australischer Seefahrerkunst. ABSTRACTED fahren in diesem Bugwasser mit, sind knapp daran. Ein Quäntchen auf die Altvordern im wahrsten Sinne fehlt noch. Ein klitzekleiner Kritikpunkt sei erlaubt: Die Abmischung der Tontechniker kommt etwas zu satt daher, ein wenig mehr Dynamik hätte hier nicht geschadet. Der Sound ist für meine Begriffe nicht fett genug. Okay, die Texte sind Kategorie Death Metal as usual, hier ist der Abstand zur eben genannter Band, die sich sehr eines farbenprächtigen Symbolismus bedienen, etwas größer.

Es geht in dieser Manier weiter. Gut ausgearbeiteter Prog Metal, leiwande Taktwechsel, manchmal etwas zu brav, was immer das bedeuten mag, darauf komme ich später zurück. Gut, das Interludium bei Lied Nummer drei „Whisper In The Void“ (ein instrumentaler Track) ist nun wirklich überraschend gut gelungen. Hier gibt das Schlagzeug sehr überzeugend den Ton an. Meiner Meinung hätte man dieses zeitlich ausschlachten sollen, um mehr herauszuholen. Ob denn auf den Bandnamen bezogen, diese Abstraktion, diese Konstruktionen bis zum bitteren Ende der Lieder nicht eine gewollte ist, müsste die Band beantworten. Ein Füllhorn von Ideen wird dargeboten, die aber fast schon zu viel des Guten sind. Ich denke, es liegt daran, dass hier fast zehn Jahre nach Bandgründung ein Dreher auf den Plattenteller kommen soll, der die Neue Welt nicht nur herbeisehnt bzw. musikalisch die Alte, sondern eine breite Palette, ein Kaleidoskop, bezüglich Fauna und Flora, die sowohl über technische wie künstlerische Expertise von ABSTRACTED Auskunft geben soll. Gelungen ist das gewiss.

Hui, bei Lied fünf angekommen, „Eightfold Path“, haben wir endlich, was den Text betrifft, zu NE OBLIVISCARIS fast aufgeschlossen. Eine Zehn-Minuten-Nummer, die wenig zu wünschen übriglässt, außer vielleicht eine kurze Passage jazzlastiger Einsprengsel, um die Konfusion, die der Text vorgibt, zu untermauern. Moment, das Outro knapp ab Minute acht, samt gutem Klargesang, stimmt mich restlos positiv.

Das Video zu „Between Samsara And Samadhi“ (Track vier) soll hier sonor, im übertragenen Sinne besprochen werden, allerdings nicht, betreffend buddhistischer Traditionen. By the Way: Keinen Schimmer, warum in letzter Zeit so viele Bands gerade aus dem Bereich Prog Metal auf asiatische Religionen bzw. Riten Bezug nehmen. Der Gitarrero spielt 2021 allen Ernstes eine Jackson. WTF! Der bescheidene Rezensent hat von Gottes Gnaden Jeff Hanneman die Erlaubnis, Jackson-Gitarren als Axt für die Spaltung von Holzscheiten aus heimischen Fichtenwäldern verwenden zu dürfen. Das Keyboard ist zu sehr im Hintergrund. Gut, bei diesem Lied erscheint das sinnvoll, die Madame hinter dem Tastengerät darf sich anderwärtig entfalten, etwa als Solistin. Ob das bei diesem Lied passend ist, ist wiederum Geschmackssache. Das Schlagzeug, nicht das Spiel ist gemeint, ist ein reduziertes, was nicht weiter auffällt, denn der Manne hinter den gespannten Tierfellen weiß alles aus seinem Arbeitsgerät herauszuknüppeln. Der Bassist spielt tatsächlich einen Sieben-Saiter. Diese Zweihand-Nahkampf-Waffe hat dem Wikingerkönig „Harald Hardrada“, im Kampf gefallen, derzeitiger Aufenthaltsort Walhalla, bereits um die erste Jahrtausendwende gute Dienste geleistet. Der Kriegsschrei des Vokalisten ist, bezogen auf Wikingertraditionen, so viel europäischer Solipsismus muss sein, walkürenwagnertauglich.  Der Fokus liegt alleine auf der Musik. Hören Sie, werte Leser*innen:


 

Fazit: "Atma Conflux“ ist ein grundsolides Album ohne Schwächen. Okay, den Sound verbuchen wir mal unter Geschmackssache. Trotz weniger Lenze, die die Mitstreiter*innen dieser Combo auf dem Buckel haben, sind die technischen Fähigkeiten doch sehr weit entwickelt. Okay, Steve Vai war in Berkeley und aus dem ist trotzdem etwas geworden. Manchmal habe ich ein wenig den Eindruck, hier sind Musterschüler der brasilianischen Prog-Death-Zunft am Werke, die es besonders gut machen wollen. Das Ergebnis kann sich hören lassen, jedenfalls bin ich auf die kommende Entwicklung von ABSTRACTED gespannt. Weil ich bei „Atma Conflux“ ein wenig Luft nach oben sehe, würde ich die Platte gut bewerten wollen. Zum einem sehr gut fehlt ein Quäntchen, ich habe aber keine Zweifel, dass dieses baldig erklingen wird.  

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Richard Kölldorfer (20.04.2022)

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