SENTIENT HORROR - Rites Of Gore

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VÖ: 22.04.2022
Bandinfo: SENTIENT HORROR
Genre: Death Metal
Label: Testimony Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Wir erinnern uns an das Stormbringer-Werbeprospekt für den schwefelsauren Luftkurort "Morbid Realms": von Grund auf freundliche, gar altruistisch veranlagte Gastgeber, hochsommerliche Temperaturen bei submediterranem Klima und ein erlauchtes Rahmenprogramm, das den Unterschied zwischen schnödem Alltagspils und gehobener Craftbeer-Braukunst demonstriert. In zermürbenden Zeiten wie diesen möchte man sich nur allzu gerne an einen so erholsamen Ort wie "Morbid Realms" verflüchtigen – besonders, wenn die Gastgeber mit einem neuen Programm-Highlight namens "Rites Of Gore" zum Tanz laden.

Wie wir alle wissen, ist auch der monströse Zweig der Gastronomiebranche nicht von der leidigen Corona-Krise verschont geblieben. Zahlreiche Untergrund-Etablissements wie die "Morbid Realms" mussten ihre Tore monatelang unverschuldet und entschädigungslos schließen, was hingebungsvolle Inhaber und Entertainer wie SENTIENT HORROR-Maestro Matt Moliti an den Rande der Verzweiflung brachte:

"Ich begann mit dem Schreiben von 'Rites Of Gore' im Herbst 2020. Die Pandemie hatte starke Auswirkungen auf meine Psyche. Ich wurde sehr pessimistisch und misanthropisch angesichts der Unfähigkeit der Menschen, in Zeiten einer globalen Krise zu kooperieren und das Richtige zu tun. Diese Geisteshaltung führte zu einer Platte, die insgesamt direkter und brutaler ist als unser Vorgängeralbum 'Morbid Realms'."

 

 

Doch warum einen vom Grundsatz her nützlichen Hormoncocktail aus Adrenalin, Noradrenalin, Testosteron und Kortisol sinnlos in den Gully schütten oder zum Nährboden für seelische Krankheiten verkommen lassen, wenn man daraus einen so köstlichen Hassbatzen wie "Rites Of Gore" zusammenköcheln kann? Der beste Weg, die potenziell schädlichen Kampf-oder-Flucht-Hormone loszuwerden und damit einer gefährlichen Verklebung der Klumpozipien [Anm. d. Verf.: frei nach Dr. med. Bud Spencer - der Gott der Backpfeifen habe ihn selig] vorzubeugen, ist erwiesenermaßen ein zünftiges Workout an der Grenze zum Kreislaufkollaps.

So geschehen und dokumentiert auf dem dritten SENTIENT HORROR-Langeisen, dem dieser Besprechung zu Grunde liegenden Programmhighlight unserer musikalischen Reise. Im Grunde genommen haben Matt Moliti und seine Mitstreiter gar nicht so viel an ihrer Tonkunst geändert. Der per definitionem biegesteife Old School Death Metal der New Jersey-Jungs muss sich auch anno 2022 nicht mit nutzlosen Verformungen und Biegespannungen herumärgern und steht weiterhin für das gehobene Kompostier-...äääh...Kompositionsniveau, dass der talentierte Haufen seit jeher den Tag legt.

Eine leichte, von widrigen Begleitumständen getrieben Kurskorrektur, wie sie der Frontmann beschreibt, lässt sich gleichwohl nicht leugnen. Mit einem Plus an Direktheit und Brutalität verspricht Klampfer und Growler nicht zu viel, denn die meisten Tracks auf "Rites Of Gore" ziehen die Drehzahl hörbar an und leisten damit einen profunden Beitrag zur oben beschriebenen Kreislaufübung. Die melodiegeladenen Riffs und Soli des Vorgängers werden sparsamer eingesetzt (bspw. in "Splitting Skulls"), wogegen technisch verspielte Hochleistungsübungen im Highspeedbereich wie "Obliteration Of Souls" die Platte dominieren.

 

 

In puncto Sound durfte sich neben Dan Swanö u.a. auch der geschäftige Jonny Pettersson verwirklichen, wodurch der sehr vorbildlichen Produktion der Vorgängerplatte ein mehr als ohrenfreundliches Update verpasst wurde. So klingt "Rites Of Gore" im Gesamtbild voluminöser, mehrdimensionaler und eine kleine Ecke lauter, bleibt dabei aber unbestritten lebendig und ringt seinen wunderbar matschigen Gitarren noch eine kleine, zusätzliche pH-Wert-Erniedrigung ab.

Mit ungebrochenem Elan, etwas Wut im Blut und zusätzlicher Ätzkraft an der Axtfront gelingt SENTIENT HORROR damit der therapeutisch wichtige Schritt vom drohenden Zustand depressiver Verstimmungen zu einem energiegeladenen und kompositorisch hochwertigen Death Metal-Album. Aus der Wut eine Tugend machen – SENTIENT HORROR zeigen, wie's geht und untermauern einmal mehr ihren Status als Geheimtipp und Potenzialträger der röhrenden Zunft. Wer "Morbid Realms" mochte, wird "Rites Of Gore" lieben und wer beides nicht kennt, darf jetzt im Schwefel-Spa-Bereich der Gastgeber nachsitzen. Bis Silvester. Nächstes Jahr.

 

 


Das war: Der Stormbringer-Reisetipp, (nicht) empfohlen vom "Traveller's World"-Magazin und "Psychologie Heute".



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (20.04.2022)

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