ARÐ - Take Up My Bones

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VÖ: 18.02.2022
Bandinfo: ARÐ
Genre: Doom Metal
Label: Prophecy Productions
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Northumbria liegt im Nordosten Englands und ist ein wunderbarer Flecken Erde. Die walled City Berwick upon Tweed, das bombastische Bamburgh Castle und das mystische Lindisfarne haben mich vor ein paar Jahren bei einer Großbritannien-Rundreise in meiner knallroten trusty steed begeistert und berührt. 

ARÐ, das Soloprojekt von WINTERFYLLETH-Keyboarder und Backingsänger Mark Deeks stammt aus eben dieser Ecke und behandelt die Fahrten des verblichenen Saint Cuthbert, welcher vor den Wikingern bei deren Attacke auf das Kloster Lindisfarne von Anhängern 200 Jahre lang durch Northumbria auf der Flucht vor den Nordmännern bewegt wurde, bis er schließlich in der Kathedrale von Durham seine Ruhe fand (Teile der Reliquien sind in der British Library in London zu finden). Mark Deeks geht hier nicht rein historisch vor, sondern hat eine eigene Version dieser Jahrhunderte zur lyrischen Grundlage von "Take Up My Bones" gemacht. Dass hier intellektuelle Schreiberlinge eine verwerfliche nationalromantische Erzählung daraus spinnen, entzieht sich meinem Verständnis. Meine Leser*innen kennen meine Einstellung zu solchen Themen und ich kann beim besten Willen nichts Anstößiges finden. 

Zur Musik: Doom. Ein Riesenschirm unter dem sich eine Vielzahl verschiedene Verspieltheiten des langsamen Metal wohl fühlen darf. Hier geht es mystisch, choral (keine Ahnung, ob das Wort existiert), getragen, elegisch und bombastisch zu. Einmal fragil, kaum mehr zu fassen, dann mit Wucht und wunderbaren, ähm, Chorälen. 

Doom á la ARÐ ist der Blick in den Abgrund, in die Verzweiflung, in eine Welt lange vor der unsrigen. Eindringlicher Klargesang, mehrstimmige Choräle, weibliche Vocals transportieren die Geschichte dieser gepeinigten Christen die, geblendet von ihrer, ihnen aufoktroyierten Religion das Einzige, was ihnen geblieben ist, den Corpus des Heiligen vor den Ketzern in Sicherheit zu bringen. In ihrer Welt, die nichts als das Christentum kennt und deshalb diese Reise, diese Flucht, umso tragischer für sie macht.

Das alles ist wunderschön ausmusiziert und wird mit einem grandiosen Cello und einem ebenso schönen Klavier beinahe schon jenseits der Zerbrechlichkeit manifestiert.

Das Album hat keine Hits, muss es auch nicht, da es als aurales Kopfkino in seiner Gesamtheit wunderbar funktioniert. Man lässt sich fallen und wird belohnt mit Erhabenheit und Größe. "Take Up My Bones" funktioniert natürlich am besten, wenn man durch einen nebeligen Novembervormittag im Wald wandert. Dann hebt das Album den Hörer aus der Jetztzeit und versetzt ihn/sie in eine Welt, die es schon lange nicht mehr gibt, die aber im Moment so nah ist, dass man sie greifen kann.

Geduld aufbringen, mehrmals anhören, sich Zeit nehmen und ein Album mit einer fragilen Wucht erleben, wie man sie nur selten zu hören bekommt.

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Christian Wiederwald (26.04.2022)

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