RAMMSTEIN - Zeit

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VÖ: 29.04.2022
Bandinfo: RAMMSTEIN
Genre: NDH (Neue Deutsche Härte)
Label: Universal
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

(Bei dem folgenden Review handelt es sich um die Transkription des Testlaufes der ersten Episode eines kommenden Podcasts der Autorin, da diese aufgrund einer Erkrankung derzeit keine längeren Texte verfassen kann.)

Nachdem ich schon 2020 die "XXV Anniversary Edition" des Debütalbums "Herzeleid" besprochen habe, kann ich hier natürlich nicht zurückstecken und muss mich natürlich auch mit dem neuen Album "Zeit" beschäftigen.

Dass RAMMSTEIN ein ganzes Genre quasi mit erschaffen und dass sie sich mit ihrem rohen, brachialen Sound eine eigene Nische geschaffen haben, das muss ich, glaube ich, niemandem mehr erklären. Genau diese Härte, die wir immer von RAMMSTEIN gewohnt waren, wurde über die Jahre hinweg schon sukzessive zurückgefahren. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das aktuelle Album "Zeit" deutlich softer und pianolastiger einherkommt und nicht mehr so sehr auf richtig heftige Industrial-Riffs setzt. Obwohl es RAMMSTEIN im Opener "Armee der Tristen" durchaus bemüht versuchen, möglichst viele Trademarks einzubinden, was den Song aber dadurch fast ein bisschen blass macht.

Viel besser ist da schon die folgende Halbballade "Zeit", die textlich wirklich, wirklich tiefsinnig um die Ecke kommt, aber genau wie "Schwarz" auf sehr sanfte Töne setzt. Das, was RAMMSTEIN immer wirklich konnten, das war Provokation. Und hier versuchen sie sich im Song "Zick Zack", der ziemlich gut groovt, in einer Kritik am grassierenden Schönheitswahn. Der Vers zu Geschlechtsumwandlungen stellt dabei einen durchaus kalkulierte Provokation dar, unterm Strich hat der Song aber dadurch, dass dies wahrscheinlich der einzige Aufreger des kompletten Albums ist, eigentlich auch sehr wenig Biss.

Wenn es aber zu Songs wie "OK" (ein Akronym für "ohne Kondom") kommt, was zu Beginn durchaus witzig als Kirchenchor intoniert wird, wird das Ganze dann doch schon ein bisschen platt, um nicht zu sagen fast peinlich. Die Songzeile "...sehr viel Sinn ohne Verstand..." trifft es da ziemlich gut. Mit "Dicke Titten" verhält es sich ähnlich. Das ist eigentlich ein ziemlicher Schmuddeltext, wie man ihn natürlich von Till Lindemann gewohnt ist. Auch das Intro bzw. diese Einbindung von Blasmusik kommt eigentlich ziemlich cool, aber unterm Strich…naja…sagen wir mal so: RAMMSTEIN provozierten schon mal gekonnter, wenn wir uns ehrlich sind.

Was RAMMSTEIN aber nach wie vor gut können, das sind die Texte mit Hintergrund, so wie z.B. in "Meine Tränen", das inhaltlich ziemlich heftig geraten von Missbrauch spricht und dieses in einen passenden, nicht harten, aber sehr düsteren Song kleidet. Ebenso in "Angst", das mit ein paar der typischen RAMMSTEIN-Trademarks aufgepeppt wird, ansonsten aber eher blass wirkt und speziell mit seinem Seitenhieb auf Fremdenfeindlichkeit in Erinnerung bleibt.

Große Ironie birgt dann die Tatsache, dass der Refrain in "Lügen", vermutlich als Persiflage an die ganzen glattgebügelten Popsongs gedacht, von Autotune-Effekten geradezu grotesk verzerrt wird, was speziell im Kontext zu Tills Stimme sehr, sehr schräg klingt. Der Song an sich bleibt dann aber auch, wie die meisten Titel von "Zeit", eher blass. So verhält es sich auch mit "Adieu". Diesen getragenen Song könnte man (ein Schelm, wer Böses dabei denkt) auch fast als Abgesang auf die Band interpretieren…natürlich nur, wenn man auf solche Verschwörungstheorien steht, was wir nicht tun.

Also was kann man als Fazit zum neuen RAMMSTEIN-Album "Zeit" sagen? Nun ja, die Härte ist zurückgefahren, es sind sehr viele sehr softe, getragene, fast poppige Songs drinnen, die Texte sind ein bisschen Licht und Schatten. Es gibt sowohl sehr tiefsinnige als auch sehr, sehr platte Texte.

Also kann man sagen: so ist bis auf den zurückgefahrenen Härtegrad bei RAMMSTEIN alles wie immer. Deswegen würde ich von meiner Warte aus eine glatte 3,5 geben. Es ist ein gutes Album, natürlich super produziert, da gibt es nie etwas zu meckern bei RAMMSTEIN. Auch die Vermarktungsstrategien waren innovativ wie immer. Ein Song debütierte im Weltraum, es wurden Zeitkapseln versteckt, damit die Fans die Setlist entschlüsseln konnten, es gab ein eigenes Beauty-Magazin zur zweiten Single, und von den Musikvideos brauche ich natürlich nicht reden. Da liefern RAMMSTEIN eigentlich immer ab und da werden immer wieder künstlerisch als auch technisch neue Maßstäbe gesetzt. Aber trotzdem finde ich, rettet es das Album "Zeit" nicht davor, dass es zumindest für RAMMSTEIN-Maßstäbe eher mittelmäßig geraten ist. Aber wer weiß, vielleicht braucht das Album auch einfach etwas "Zeit", um zu wachsen und zu gedeihen? Wir werden es sehen.

Mehr Meinungen zum Album findest du in unserer beliebten Gangbang-Reihe!



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Anthalerero (09.05.2022)

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