SAOR - Origins

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VÖ: 24.06.2022
Bandinfo: SAOR
Genre: Atmospheric Black Metal
Label: Season of Mist
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Lineup  |  Trackliste

Oh, ein neues SAOR-Album, und dann ist die Band in der Promo-Corner auch noch neu zu vergeben. Na dann – nichts wie zugeschlagen und das schottische One-Man-Music-Wonder an Land gezogen und in die lustige Review-Ecke verfrachtet. Unser höchstgeschätzter ehemaliger Kollege Pascal Straub hatte die bisherigen vier Scheiben besprochen: "Roots", "Aura", "Guardians" und – zuletzt 2019 – den "Origins"-Vorgänger "Forgotten Paths". Und diese Rezensionen bescherten SAOR einen triumphalen Siegeszug durch die heiligen Stormbringer-Hallen. Denn nicht weniger als alle vier Scheiben konnten die Höchstnote von fünf Punkten einheimsen. Es gibt dazu leider keine Statistik, aber ich glaube nicht, dass eine andere Band bei uns bis jetzt einen vergleichbar hoch benoteten Back-Katalog aufweisen kann.  

Nun liegt mit "Origins" das fünfte Langwerk von Andy Marshall vor mir, und ich habe die Ehre, Pascals Vermächtnis fortzusetzen und die Besprechung und Bewertung der Musik von SAOR vorzunehmen.

Auch mich begleiten die atmosphärischen, folkloristisch geprägten (Black) Metal-Klänge des Ein-Mann-Unternehmens aus Glasgow seit dem Debüt, und seit "Roots" stehen SAOR bei mir ebenfalls ganz hoch im Kurs. Der Erstling hätte auch von mir eine glatte Fünfkommanull als Wertung erhalten, alle Folgeveröffentlichungen hätten mit jeweils einem halben Punkt weniger auskommen müssen (was ja beileibe keine Schande, sondern vielmehr immer noch eine exzellente Note darstellt!).

Wenn man für die Art von Musik, wie Andy Marshall sie erschafft, etwas übrig hat, und wenn vielleicht zudem noch ein Faible für Schottland vorweisen kann (oder gar sein Herz an Alba verloren hat), fällt es nicht schwer, sich den Klängen von SAOR bedingungslos hinzugeben und sich in die Songs regelrecht hinein fallen zu lassen. Dabei spielt es dann auch keine Rolle, wenn die Alben und ihre Gesamtkonzeption immer ein wenig differieren (die Rauheit von "Aura" oder der dezente, aber doch dominierende Bombast von "Guardians" und "Forgotten Paths"). SAOR blieben bei allen spannenden neu hinzugefügten Facetten immer SOAR, unverkennbar und loyal sich selbst gegenüber.

Und das ist auch bei "Origins" nicht anders. Auch hier gibt es keinen Stillstand, kein bloßes sich selbst Kopieren auf hohem Niveau. Spannend ist indes, in welche Richtung sich Andy Marshall auf dem neuen Album bewegt. Denn es geht diesmal ganz klar in Richtung (eigener) Vergangenheit, um die Phrasenschwein-Formulierung "back to the roots" zu vermeiden. "Origins" ist direkter und geradliniger als die beiden letzten Scheiben. Mit weniger Ballast an Bord, und immer wieder stark an das meisterliche Debüt erinnernd.

Die Stücke sind kürzer geworden – alle Songs bleiben teils deutlich unter zehn Minuten. Diese "Straffung" tut den einzelnen Tracks allerdings hörbar gut. Marshall kommt schneller und konkreter zum Punkt, der Spannungsbogen aller sechs Stücke ist hervorragend ausbalanciert. Und trotz dieser zeitlichen Komprimierung bleibt genügend Raum für jede Menge Details und Spielereien. Seien es verstärkt auftretende traditionelle Metal-Gitarrenlinien – viele Riffs und Hooks lassen das Black in der Genrebezeichnung mittlerweile vermehrt obsolet erscheinen. So startet beispielsweise "Aurora" nach der zwanzigsekündigen Einleitung in der ersten Minute gar mit klassischem Gothic Rock-Gitarrensound, ehe sich dieser dann schlussendlich doch in typisch melodisch tönende schwarzmetallische SAOR-Klänge verwandelt.

Und auch darüber hinaus erwartet die Hörerschaft so einiges. Bekannte und geliebte Elemente, wie die (schottischen) Folkparts, die unterschiedlichen Gesang-Variationen (von klar bis guttural), die heroischen, teils epischen Chöre, der engelsgleiche Backgroundgesang von Sophie Marshall, die melancholisch-verträumten Akustik-Passagen, die großen Melodien, die wilden Black Metal-Ausbrüche. Doch Andy Marshall wäre nicht er selbst, wenn er diese Facetten und Nuancen nicht immer wieder in einem neuen, so noch nicht gehörten Licht erstrahlen lassen würde. So erinnern die erhabenen Chöre in "Fallen" unweigerlich an die (von Howard Shore für die bildgewaltigen Szenen auf der Brücke von Khazad-dûm erschaffenen) wuchtig-majestätischen Männerchöre im ersten Teil der "Herr der Ringe"-Verfilmung von Peter Jackson. "Beyond The Wall" lässt mit seinen Dudelsack-Klängen die Gedanken zu den schottischen Highlands, durch die majestätischen Castles und über die malerischen Lochs und Isles fliegen. Der Albumcloser und Titeltrack "Origins" ist in seiner Erhabenheit und absoluten Vollendung musikalischer Meisterschaft ein gleißender Edelstein in der Historie hervorragender SAOR-Glanzstücke. Bis auf diese Nummer kann man jedoch keinen Song wirklich aus der gesamtheitlichen Vollkommenheit des neuen Albums herausheben.

Fazit:

Ich bin seit je her ein großer SAOR-Anhänger, und ich liebe das Debüt des musikalischen Tausendsassas Andy Marshall. Trotzdem betrachte ich die Veröffentlichungen der Band keinesfalls durch die rosarote Fanboy-Brille. Die aktuelle Veröffentlichung rückt immer wieder nah an "Roots" heran, ohne dass die typische SAORsche Weiterentwicklung dabei zu kurz kommen würde. Songwriting, Komposition, musikalische und vokale Umsetzung, der Sound der neuen Scheibe – alles ist rund und über JEDEN Zweifel erhaben. Was bleibt mir also, außer mich ohne Umschweife meinem langjährigen Vorrezensenten anzuschließen und aus tiefstem Herzen auch für "Origins" die hochverdiente Bestnote der Stormbringer-Richterskala zu zücken.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (29.06.2022)

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