KÄRBHOLZ - Kapitel 11: Barrikaden

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VÖ: 24.03.2023
Bandinfo: KÄRBHOLZ
Genre: Deutschrock
Label: Metalville Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Zehn Alben in zwanzig Jahren Bandgeschichte – die stolze Bilanz des Ruppichterother Deutschrock-Flaggschiffs KÄRBHOLZ. Die Band, die mir schon auf unzähligen Festivals vor die Flinte gelaufen ist, mausert sich langsam, aber unaufhaltsam zu einer der Ältestenrat-Bands im deutschen Kosmos – doch wer dem klartextpoetischen Quartett vorschnell Altersmilde, Müdigkeit und Bachblütentee unterstellt, befindet sich klar auf dem (Kärb)Holzweg.

"Kapitel 11: Barrikaden" bietet neben ausgesprochen zuverlässigem Fanservice vor allem eines: Abwechslung! Kaum ein Track gleicht dem anderen und auch die Lyrics heben sich wieder von den üblichen Stammtisch-Thesen vieler Wegbegleiter ab. Fett lässig abrockend geht es bspw. in "Raubtier" zu Werke: eine (höchstwahrscheinlich) wahre Geschichte voller Lebensweisheiten und Hundeklischees, breitbeinig mit beispiellos prallem Sack präsentiert. Ein Lied über den altersbedingten Zahnverlust inklusive Übergang in den Zombie-Status zwischen Akzeptanz, Faulheit, und Lethargie. Und mit dem positiven Twist in dem Sinne, dass Erzähler Torben seinen alten "Biss" wieder erlangt…und quasi nebenbei einen asozial eingängigen Refrain raushaut – Granatensong!

Apropos (un)gelöste Selbstkonflikte: "Unter ferner liefen" – ein Klagelied fürs Spiegelbild – reflektiert, wie ein selbes am Morgen danach verkatert und dehydriert aus der Wäsche glotzt: mal wieder alles um den Verstand gesoffen?! Mit 4,8 bar auf dem Kessel völlig unter Niveau den Paarungstanz aufgeführt (wobei…"war's die Süße hinterm Tresen oder doch wieder der Bordstein!?")? Auf dem Lokus heimlich BABYMETAL gehört und nur noch das schnöde Aufwachen am Folgetag als Minimalkonsens erreicht? Wenn du dich hiervon angesprochen fühlst, wird es wahrscheinlich Zeit für ein klärendes Gespräch vom Format "Eins gegen Eins" ("ich gegen mich").

Konflikte im eigenen Kosmos (siehe oben), zerrüttete Freundschaften ("Gar nichts") und eine aufbrausende Abfuhr an "festgefahrene Gesellschaftsstrukturen und zwischenmenschliche Glaubensgrundsätze" (Info der Promo-Packungsbeilage zum Titelsong "Barrikaden", in dessen Refrain man dazu verlautbart: "Außer der Faust in der Tasche haben eure Verbote bei mir nichts hinterlassen"). Reichlich Stoff für wütende Rocksongs, die stets mit adäquaten Vibes rübergebracht werden – von der geballten Faust im metallisch angehärteten Titelsong über den ungezogenen Gute-Laune-Drecksau-Rocker "Ohne Deckung" bis hin zu eingängigem Punk Rock in "Ja zum Leben" und ansteckender Schwermut in "Gar nichts". Und zum Kontrast "Der Zug" als emotionaler Ruhepol, der mit seinen zahlreichen "Bahnalogien" schwerpunktmäßig über das "Gehenlassen" philosophiert. Wie man den Dreher also dreht und wendet: es wird viel, aber nicht langweilig!

"Kapitel 11" und kein Bisschen müde - summa summarum also eine sehr gelungene bis stellenweise grandiose Platte, der allenfalls punktuell die Puste knapp wird ("Zu dir oder zu mir" – ein Spruch, mit dem wahrscheinlich schon auf der Titanic gebaggert wurde und der einzige Song, der bei mir nicht so recht zünden will). Aber einmal ist bekanntlich keinmal und von einer Katastrophe ist der potenzielle Trink-und-Knatter-Song zugegebenermaßen weit entfernt. Und aus diesem Grund lautet das Fazit in einem unvollständigen Satz: potente Songs, reichlich Abwechslung und 40 Minuten dicke Eier für die gute Laune! Und das nach so langer Zeit im Geschäft – Daumen hoch, Männer!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (17.03.2023)

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