Avantasia - The Scarecrow

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VÖ: 25.01.2008
Bandinfo: AVANTASIA
Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Freitag, 25. Januar 2008. Endlich ist es soweit. Endlich. Endlich. Nach knapp 6 Jahren der Ungewissheit zwischen Zweifeln und Hoffen ist der Tag nun gekommen: Meister Sammet lässt sein drittes Scheibchen unter dem Banner des AVANTASIA-Projektes das Licht der Welt erblicken, und die gesamte (melodische Metal-) Welt fragt sich nur eines: Kann er?

Kann er es schaffen, kann er die beiden Erstlinge, die mit Sicherheit in die Rock- und Metal-Annalen eingegangen sind, noch toppen?

Und die Antwort lautet - leider - "Nein, kann er nicht."

Aber alles der Reihe nach: Ironischerweise war es anno 2001 damals das erste Album des Avantasia-Projektes, das mich überhaupt auf Tobias Sammet und in weiterer Folge auf Edguy aufmerksam machte, und seither hat es Tobi mit seinen Edguy-Mannen geschafft, sich zu einer Fixgröße im Metal-Geschehen zu machen - sowohl mit seinen eingängigen, hitverdächtigen Kompositionen als auch mit seinem (mitunter zweifelhaften) eigenwilligen Sinn für Humor. Dabei waren für mich die Avantasia-Scheiben wohl neben Edguys "Mandrake" mit Sicherheit die Highlights im Sammetschen Schaffenswerk; und umso sehnlicher erwartete natürlich auch ich (wie mit Sicherheit auch viele andere Fans) den Releasetag von "The Scarecrow", einem Album, dessen Ankündigung umso überraschender war, als ja der gute Herr Sammet eigentlich immer kategorisch ausgeschlossen hatte, dass da noch was kommt (und umso kategorischer noch, dass das Projekt jemals auch live aufgeführt werden könnte - doch auch dieses musikalische Großereignis steht in diesem Sommer an) - insofern könnte man hier einen schönen Seanconnerynismus (wundervolle Wortschöpfung, nicht wahr?) anbringen: "Never say never again."

Nun aber zum Album, zumal die Avantasia-Historie ja für die meisten Metalbegeisterten ohnehin bekanntes Material ist. Inhaltlich gibt's diesmal eine komplett neue Story, also keine Fortsetzung der Geschichte von Teil 1 & 2. Das wäre aber wohl auch angesichts der unterschiedlichen Besetzungen eher schlecht möglich gewesen; von der alten Truppe sind diesmal nur noch Bob Catley, Oliver Hartmann und Michael Kiske vertreten; diese werden unterstützt von sensationellen Performances von Jorn Lande und Roy Khan, Amanda Somerville darf den weiblichen Part sehr gekonnt übernehmen und zum Drüberstreuen gibt es dann noch The Coop himself, Alice Cooper. So weit, so gut.

Wir hätten also mal eine erlesene Auswahl an tollen Sängern und zusätzlichen Gastmusikern wie Kai Hansen, Henjo Richter und Rudolf Schenker - aber das alleine reicht halt trotz allem nicht für ein grandioses Album. Dafür braucht man auch sensationelle Songs. Und diese kann Tobi Sammet diesmal nur bedingt liefern.

Den Anfang des Albums macht gleich mal "Twisted Mind", ein Midtempo-Stampfer, der stilistisch an das Edguy-Material vom letzten Album "Rocket Ride" erinnert, und leider Gottes sehr uninspiriert komponiert wirkt (insb. der Übergang zum Refrain scheint sehr einfallslos), und auch im Refrain nicht mehr als Mittelmaß liefert. Schade - aber so einen Song stellt man nicht als Opener auf ein Album; und schon gar nicht auf eines, an das so große Erwartungen herangetragen werden.

Ganz anders kommt dann schon der elfminütige Titeltrack "The Scarecrow" daher - atmosphärischer Einstieg mit orientalischen Einflüssen, tolle Hooklines und sensationelle Performances der Sänger - so muss das sein, und damit haben wir hier auch gleich ein Highlight des Albums vor uns! Mit dem folgenden "Shelter From The Rain", einer Uptempo-Nummer im Stile von "Reach Out For The Light", das mit charakteristischen Kiske-Vocals aufwarten kann, hat man auch gleich noch eine melodic Metal-Granate am Start, die durchaus zu überzeugen weiß.

Dann allerdings, ja dann allerdings... Dann hat sich wohl der liebe Tobi wieder seine Bon-Jovi-Jacke angezogen, und passend zu seinem neuen Bon-Jovi-Haarschnitt liefert er auch gleich eine Halbballade in bestem Bon-Jovi-Songwriting ab, die leider recht kitischig ausfällt und auch im Refrain nur bedingt begeistern kann. Dieser Song, betitelt "Carry Me Over", wird allerdings die zweite Sinleauskopplung des Albums werden, und beim ersten Anhören weiß man auch sofort, warum. Tja. Next one, please.

Aber das Betätigen der Skip-Taste hilft nur wenig, eher im Gegenteil - denn jetzt kommt mit "What Kind Of Love" wohl der schmerzhafteste Part des ganzen Albums; vor lauter Kitsch und Süßlichkeit bekommt man schon beim bloßen Anhören Karies; und auch wenn Amanda Somerville sicher eine sehr gute Performance abliefert, so ist der Song nunmal einfach Standard-Musical-Lieblichkeit, und kann eigentlich in keinster Weise mehr als Metal oder Rock bezeichnet werden. Zwar passt das gedanklich sicher irgendwie zum Rockopern-Konzept von Avantasia, aber hier ist man wohl etwas zu weit vom "Rock" entfernt um noch punkten zu können. Bitte weiter. Bitte schnell.

Gott sei Dank findet sich dann mit "Another Angel Down", das man in einer leicht anderen Version schon von den Vorab-EPs "Lost In Space" kennt, wieder ein etwas schnellerer Metal-Kracher auf dem Scheibchen, und dank der wie immer herausragenden Lande'schen Gesangsparts unterhält auch dieser Track gut mit seinem rockigen Refrain. Noch ist also nicht alles verloren.

Endlich gibts dann mit "The Toy Master" den mit Spannung erwarteten Gastauftritt von Alice Cooper - gut, ein Routinier wie The Coop kann natürlich nichts falsch machen, und auch der Song ist recht gut gelungen und wirkt wie dem Altmeister auf den Leib geschrieben. Durchaus gelungen, und mit "Devil in the Belfry" folgt dann ein weiteres Speed-Highlight in bester Sammet/Edguy-Tradition.

Aber wir wären hier nicht bei Bon Sammet, wenn nicht mit "Cry Just A Little" schon der nächste Tränendrücker am Start wär, und erneut werden wir behaglich in Zuckerwatte eingewickelt; wohl um uns für den fulminanten, dramatischen Schluss des Albums seelisch vorzubereiten?

Nun ja, nicht ganz so - Zwar ist "I Don't Believe In Your Love" eine durchaus starke Nummer geworden und ein letzter Höhepunkt des Albums, allerdings das doch sehr beschauliche und bereits hinlänglich bekannte "Lost In Space" bildet dann doch eher einen antiklimatischen Abschluss zum dritten Lebenszeichen von Avantasia.

Was bleibt nun unterm Strich?

Nun ja, natürlich beherrscht Tobias Sammet sein songwriterisches Handwerk, und so finden sich auch auf "The Scarecrow" einige durchaus starke Nummern; aber leider stehen dann neben diesen starken Tracks auch wieder die über-schnulzigen Balladen, die sich allzu sehr an Chartohren anzubiedern versuchen. Und die wirklich hypergenialen, genrerevolutionierenden Songs fehlen halt leider ebenso; denn auch wenn etwa "The Scarecrow", "Shelter From The Rain" oder "I Don't Believe In Your Love" sehr gute Songs sind, so stellt man an AVANTASIA einfach höhere Ansprüche, und diese können leider nicht ganz erfüllt werden.

Letztlich bleibt es dennoch ein sehr starker Beginn des melodic Metal-Jahres 2008, in dem AVANTASIA, Teil 3 sicherlich neben den neuen BRAINSTORM und v.a. AYREON-Releases sicher auch seinen rechtmäßigen Platz hat; aber nur großartige Gastsänger alleine machen noch kein großartiges Album, und so hat man mit "The Scarecrow" zwar bestimmt eines der besseren Sammet-Outputs der letzten Jahre vor sich, das allerdings nicht die Klasse der Vorgängerscheiben erreicht, und auch im direkten Rockopern-Vergleich mit dem neuen AYREON-Scheibchen, der sich natürlich regelrecht anbietet, nicht ganz so toll abschneidet. Ich persönlich freu mich aber jedenfalls auch auf die Live-Performances diesen Sommer, und bis dahin wird auch die Vogelscheuche sicher das eine oder andere Mal noch in meinem Player rotieren.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Dragonslayer (29.01.2008)

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