Muse - The Resistance

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VÖ: 14.09.2009
Bandinfo: Muse
Genre: Art Rock
Label: Warner Music
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Nach dem etwas durchwachsenem „Black Holes & Revelations“ schieben die Artrock-Kings von MUSE drei Jahre später ihr wohl eigenwilligstes Gewächs nach – „The Resistance“, entstanden im bandeigenen Studio am Comer See in Italien, grifft schon bei der Vorproduktion nach den Sternen… Eine neue Gigantomiedimension, Fanentfremdung oder einfach nur das machen wonach einem der Sinn steht? Fakt ist, dass der Dreier aus Teignmouth, Devon sich seit der Bandgründung immer einer gewissen „Bigger is Better“-Devise unterworfen hat. Egal, ob Megashows im Wembleystadion oder sündteure Studioaufenthalte - es ging immer noch ein Stückchen weiter, höher … und verschwenderischer?

Zurück in die Zukunft: George Orwells Sci-Fi-Klassiker 1984 ist bei der Band auf fruchtbaren Boden gefallen ; der Widerstand aus der Gesellschaft heraus macht den Roman zu den textlichen Eckpfeilern von „The Resistance“. Doch, so weit von der Wirklichkeit entfernt ist dieser 1947 fertiggestellte Roman heutzutage wohl nicht mehr… und das wissen nicht nur Muse, sondern auch die (Fan)Massen welche diesen fein gesponnen Faden der Vergangenheit wohl ohne merklichen Widerstand in ihre heimischen Container aufnehmen werden. Ohne zu wissen worauf sie sich da einlassen? Gut möglich.

Leaders, not Followers – diese Maxime passt ebenso zu Muse wie das Erschaffen einer eigenen Spielhölle ausserhalb der heimischen Insel. Vollgestopft mit Technik und fernab von Zeitdruck inspirierten unter anderem die guten, alten Beatles zu einer wärmeren, authentischen Produktion im Stile von „Sgt. Peppers Lonely Heart Club“. Und trotzdem bewirkt „The Resistance“ keinen verklärten wie nostalgischen Blick in den Plattenschrank der Eltern, sondern zeigt lediglich den Status Quo einer Band, die sich (nicht nur) musikalisch alles erlauben kann und auch muss.

Ob Analog oder Digital spielt am Ende der Fahnenstange, nämlich auf dem fertigen Produkt keine tragende Rolle mehr – hier verschmelzen zeitloser Rocksound mit Moderne und antiquiertes (Studio)Material mit OpenMind-Strukturen zu einem eigenständigen Fass ohne Boden. Waren schon die Vorgänger Pomp und Pathos nicht abgeneigt, so stolziert dieser akustische Widerstand breitbeinig und waghalsig zugleich aus den Boxen – man muss MUSE dafür nicht mögen, aber der Respekt vor soviel Starrsinn und Eigeninitiative bleibt. Matthew Bellamy und seine zwei Weggefährten sind sich selber treu geblieben und erschaffen auf den elf Parzellen einen eigenständige Oberbau, der immer einen gemeinsamen Nenner hat - er ist unverkennbar Muse. Egal ob Sinfonie, bandtypische Stücke , Programmingsong oder Halbballade…
Die erste Hürde, wesentlich weniger gitarrenlastige Stücke und eine massenkompatiblere Ausrichtung zeigt seine Wirkung - „Uprising“ ist ebenso Pop wie gelungen. Simpel und dennoch mit einem unwiderstehlichen Groove, Handclaps inklusive, treibt der Falsett-Gesang (der wie immer Geschmackssache ist) von Bandkopf Bellamy das Stück immer weiter voran. Zuckersüss und dennoch nachdenklich stimmend.
Klassische Stücke wie der stolz aus den Boxen laufende und dezent anschwellende Titeltrack wechseln sich in Folge mit gewöhnungsbedürftigen Experimenten(?) ab: „Undisclosed Desires“ ist eine programmierte Sache und setzt lediglich den Gesang auf den computergestützten Track obendrauf. In weiterer Folge geben sich Selbstzitate wie Queen-lastige Feger („United States of Euphoria“) die Patschehändchen, man wirkt vor allem im Mittelteil des Albums stets sehr bemüht aber wenig zwingend. Diese Zweifel werden aber gerade mit einem fast schon konservativ aufgezäumten Stück ausgeräumt : „MK Ultra“ ist zeitloser Muse-Stoff, aus dem die Träume der veränderungsresistenten Fanbase gemacht werden. Melancholisch, forsch und mit einer Spur mehr Gitarrenbiss inmitten der Streicherfraktion tänzelt man leichtfüssig durch die eigene Diskographie und gibt dem verstörten Hörer so einen sicheren Halt.
Doch, keine Sorge, das Ende kommt umso dicker und melodramatischer - trägt man die balladesk wie beschwingt gefärbte Liebeserklärung „I Belong to You“ noch nahe bei seinem Herzen, so befremdlich wirkt die gesplittete Schlusssinfonie bei den ersten Versuchen . Fast schon unterkühlt wirbelt dieser schwere Stoff anfangs nahe an der pathetisch aufgeblähten Belanglosigkeit, nur um nach einigen Tagen eine Hintertür zu öffnen. Die klassischen Inhaltsstoffe sind allesamt komplex verwoben, Matthew´s Gesang noch eine Spur exzentrischer wie kopflastiger - und vielleicht gerade dadurch unverdaulich? Wohlfühl-Stoff ist das „Exogenesis“ getaufte Monstervorhaben keines, vielmehr eine Annäherung von Rock und Klassik wie sie zuvor schon unzählige andere Bands im Sinne hatten - und daran gnadenlos gescheitert sind. Nur wenige gelungene Ausnahmen stehen unterm Strich, „Exogenesis“ könnte EINE davon sein… aber das wird die Zeit erst zeigen müssen.

Das Unternehmen MUSE zeigt auf „The Resistance“ durchaus neue Ansätze, versucht in diversesten Stilen zu punkten und wird dabei Zeuge einer anfangs wohl ungewollten Entwicklung. Selbst die leichte Zuwendung zu mehr Pop und weniger Rock, stilvoll aufbereitet und natürlich instrumental top, macht den Charts dieser Welt Beine. Eine musikalische Reifeprüfung zwischen all dem trivialem Dschungelgetrommel, Schwarzaugen-Bohnen mit Weekendfeeling und Herrn Rossi´s Schlagergeplänkel - und das ist vielleicht auch gut so…



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: PMH (20.09.2009)

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