Nightwish - Imaginaerum

Artikel-Bild
VÖ: 02.12.2011
Bandinfo: NIGHTWISH
Genre: Symphonic Metal
Label: Nuclear Blast Records
Hören & Kaufen: Amazon | Ebay
Lineup  |  Trackliste

Nun, kaum ein Release schägt dieser Tage im melodischen/symphonischen Metal-Bereich solche Wellen wie einer der Finnen von NIGHTWISH. Begann man Ende der Neunziger noch als beinahe reinrassige Power Metal-Band mit weiblichem Operngesang, entwickelte man sich doch ständig weiter in Songwriting und bombastischen, orchestralen Arrangements, und diese Entwicklung kulminierte schließlich in dem - meiner Meinung nach - Referenzwerk für bombastischen Metal bis zu diesem Tage, namentlich "Once".

Im Anschluss an die Tour zu "Once" trennte man sich dann aber von Sängering Tarja Turunen, und wählte mit Anette Olzon eine Dame mit gänzlich anderer Stimmcharakteristik für den Nachfolger, das immer noch starke"Dark Passion Play". Doch bereits an diesem kompositorisch immer noch sehr starken Album schieden sich die Geister; viele Fans der ersten Stunde konnten sich mit der im Vergleich zu Tarja sehr dünnen und poppigen Stimme von Anette Olzon nicht anfreunden, und auch in Punkto Songwriting konnte man nicht ganz das konstant großartige Level von "Once" halten. Nun, fünf Jahre später, schicken NIGHTWISH einen neuen Kandidaten ins Rennen, um ihre Status als (immer noch) Speerspitze des Female Fronted Metal zu verteidigen. Und nunja - dies wird mit "Imaginaerum" nur bedingt gelingen.

Nun sei eines vorweggenommen: Kompositorisch und in Punkto Arrangements agieren NIGHTWISH natürlich noch immer auf allerhöchstem Niveau, und kaum eine andere Genreband kann da mithalten. So finden sich auch auf "Imaginaerum" wieder viele atmosphärisch dichte Momente, die vornehmlich von den großartigen Orchesterarrangements leben. Leider, und das muss gesagt werden, sind diese großartigen Arrangements aber auch das, wovon "Imaginaerum" hauptsächlich lebt. Denn die wirklich ganz großen Songs, die Stand-Alone-Tracks für die Ewigkeit wie man sie etwa mit einem "Wishmaster", "Dark Chest Of Wonders", "Ghost Love Score" oder "Dark Passion Play" noch vorweisen konnte, die fehlen auf "Imaginaerum" leider schmerzlich. Zwar verpackt auch diesmal Mastermind Tuomas Holopainen wieder viele schöne Melodien in seine Kompositionen, aber es gibt, abgesehen von der sehr eingängigen und gut komponierten ersten Single "Storytime", kaum eine Hookline, die sich sofort im Ohr festkrallen würde. Stattdessen sind die dreizehn Songs des Albums mit allerlei mehr oder minder atmosphärischen gesprochenen Einlagen durchsetzt, die dem Album wohl einen leichten Hörspiel-Anstrich (wohl auch in Hinblick auf die angedachte Film-Umsetzung des "Imaginearum"-Konzepts) verpassen sollen. Diese hemmen aber natürlich etwas den Hörfluss (gell, MANOWAR?), und machen so viele der neuen Songs kaum als Einzeltrack anhörbar; vielmehr kann man sich "Imaginaerum" vornehmlich nur als Gesamtwerk zu Gemüte führen.

Klarerweise ist dies alles Kritik auf höchstem Niveau, allerdings haben sich NIGHTWISH in der Vergangenheit mit Großtaten wie "Oceanborn" und "Once" die Latte eben selbst so hoch gelegt, ein ganzes Genre erfunden und geprägt, und sich eigentlich fast konstant immer wieder selbst übertroffen, dass die Erwartungshaltung, mit der man an jedes neue Werk von NIGHTWISH herangeht, beinahe unermesslich hoch geworden ist. Und diese Erwartungen können NIGHTWISH mit "Imaginearum" einfach nicht erfüllen.

Freilich hat man neben der gelungenen, sicherlich erneut Hit-tauglichen Single "Storytime", den mit starker Danny-Elfman-Prägung versehenen "Scaretale" (bei dem auch Anette Olzon endlich mal ein bisschen Variation in ihrer Stimme zeigt und als "böse Hexe" wohl die interessanteste Performance ihrer Karriere hinlegt - ein Schelm, der hier Böses denkt!) und "Arabesque", dem unerwarteten, jazzigen "Slow, Love, Slow" oder dem beinahe obligatorischen überlangen Stück "Song Of Myself" wieder ein paar sehr feine Songs im Angebot; dafür kann der Rest des Albums nur bedingt überzeugen. "Ghost River" mit seinem entfremdeten "Ain't Talking 'Bout Love"-Riff kann da ebenso wenig mit früheren Glanztaten mithalten, wie die typische, wenig mitreißende NIGHTWISH-Ballade "Turn Loose The Mermaids" oder "Rest Calm" - bei diesem Track beginnt man zwar sehr rockig mit vielversprechender "Oceanborn"-Schlagseite, entscheidet sich dann aber dafür, im Refrain den kompletten Groove aus der Nummer rauszunehmen; sicher ein unerwarteter Moment, aber hier nicht die beste Vorgehensweise.

Und auch bei dem bereits erwähnten "Song Of Myself" verliert man sich, allen gelungenen Arrangementansätzen zum Trotz, in minutenlangen Sprechpassagen, die ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nur mühsam werden und sämtlichen Flow, den die Nummer bis dato aufbauen kann, letztlich zermahlen. Und ob man das abschließene "Imaginaerum", das eine Reprise einiger der (ohnehin schon wenig beeindruckenden) "Hooklines" des Albums in orchestraler Form darstellt, auch wirklich braucht, sei dahingestellt.

Was bleibt nun am Ende dess Tages von "Imaginaerum"? Nun, freilich ein Album, nach dem sich sicher viele andere Genrebands alle zehn Finger ablecken würden - gemessen an dem Niveau, das sich NIGHTWISH aber selbst vorlegen, ist "Imaginaerum" jedoch eine Enttäuschung. Irgendwie wird man das Gefühlt nicht ganz los, dass sich Tuomas Holopainen ein bisschen zu oft scheinbar nur gedacht haben dürfte, wie denn nun ein typischer NIGHTWISH-Part zu klingen habe, dann eine Handvoll eben solcher Teile komponiert hat, und diese dann mehr oder minder beliebig aneinanderreihte. So erwirkt man zwar am Ende ein "typisches" NIGHTWISH-Album, aber eben auch schon nicht mehr. Für die Großartigkeit und den "Jaw Dropping"-Effekt eines "Once" reichen wiedergekäute Elemente, in leicht anderer Abfolge in den einzelnen Songs wieder zusammengebaut, schlicht nicht aus. Und ich schwöre, wenn ich noch einen künstlichen Chor-Hit mehr hören würde in dem Album, würde sogar mir langsam der Kitsch bei den Ohren rauskommen. Und meine Toleranzschwelle ist in dieser Hinsicht sicher beinahe unmenschlich hoch.

"Imaginaerum" ist also freilich (objektiv) kein schlechtes Album, und die Orchesterarrangements alleine rechtfertigen natürlich eine gewisse Gesamtpunkteanzahl. Aber NIGHTWISH bleiben damit klar hinter ihren kompositorischen Möglichkeiten zurück, und auch Anette Olzon wirkt auch hier stellenweise, wie schon auf "Dark Passion Play", besonders bei kraftvollern Passagen, stimmlich einfach überfordert. Fans greifen natürlich bedenkenlos zu, und Freunde von symphonischem Metal werden ihre Freude auch an "Imaginaerum" haben. Aber ich habe mir hier offen gesagt eigentlich den Topkandidaten für das "Album des Jahres" erwartet. Und das ist "Imaginaerum" definitiv nicht geworden.



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Dragonslayer (05.12.2011)

WERBUNG: Uzziel
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE