VAN HALEN - A Different Kind Of Truth

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VÖ: 03.02.2012
Bandinfo: VAN HALEN
Genre: Hard Rock
Label: Universal Music Austria
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Manchmal geschehen doch tatsächlich noch Zeichen und Wunder. Im musikalischen Bereich war so ein Wunder mit Sicherheit die auch schon wieder länger zurückliegende Ankündigung, VAN HALEN würden ein neues Studioalbum herausbringen. Na bumm. Die Hoffnung war groß, der Glaube klein, doch „A Different Kind Of Truth“, das zwölfte Studioalbum und erste seit 14 Jahren („Van Halen III“), steht seit geraumer Zeit doch tatsächlich in den Verkaufsregalen unseres Vertrauens. Und zwar so, wie es die Fans mögen. Nämlich mit Ur-Sänger David Lee Roth, der erstmals seit 27 Jahren, seit dem unvergesslichen und für eine Unzahl von Bands stilprägenden Hardrock-Götterwerk „1984“, wieder mit dem holländischem Gitarrenvirtuosen Eddie Van Halen zusammengefunden hat.

Doch die VAN HALEN-Sterne funkelten von Anfang an nicht ohne massiven kritischen Beigeschmack. Auslöser dieser Welle war das – zugegebenermaßen wirklich – abgekupferte Albumcover, das dem 1975er COMMODORES Klassiker „Moving On“ optisch unheimlich nahe kommt. Weiter ging es mit dem fehlenden Aktualitätsaspekt. Von einem neuen, wirklich frischen Studioalbum kann tatsächlich nicht geredet werden, denn VAN HALEN haben im Vorfeld öffentlich zugegeben, dass sie mit diesem Album bewusst „Back To The Roots“ wollen und daher auf eine Vielzahl von alten Songfragmenten zurückgegriffen haben. Fast das gesamte haben Die-Hard-Fans bereits in diversen Bootlegversionen ab 1976 zuhause stehen, „She’s The Woman“ und „Bullethead“ haben VAN HALEN für das große 2012er Comeback nicht einmal mehr umgeschrieben.

Daran kann man sich stoßen, darüber kann man sich aber auch freuen, denn eines muss unumwunden zugegeben werden – als Sammy Hagar 1985 das Sangesmikro von VAN HALEN in die Hand nahm, erreichten die Kalifornier niemals mehr den Qualitätslevel der alten Tage. Das Besetzungs-Gekaspere scheint also ein vorläufiges Ende zu haben. Zum seligen Glück fehlt VAN HALEN-Maniacs dafür immer noch Bassist Michael Anthony, mit dem sich Eddie und Alex Van Halen bislang noch nicht ausstreiten konnten. Den Viersaiter schnallte sich somit – wer auch sonst? – Eddie’s Sohn Wolfgang (Österreichbezug: der junge Mann ist nach WOLFGANG AMADEUS MOZART bennant) um, der aufgrund seiner familiären Gene wohl ohnehin mit Instrumenten aus dem Mutterleib geboren wurde.

So klingt „A Different Kind Of Truth“ dann auch tatsächlich wie eine Zeitreise in die seligen 1980er Jahre, ignoriert sämtliche Evolutionsschritte der letzten Jahrzehnte und beamt den Hörer direkt ins Jahr 1984 zurück, ohne auf die bandeigene Vorbildwirkung der frühen 1970er Jahre zu vergessen. Voraussetzung ist, man übersteht ganz am Anfang die schwachbrüstige Single-Auskoppelung „Tattoo“, die ob ihrer primitiven Ausrichtung zurecht für Angstschweiß auf den Fanköpfen sorgte. Beim darauffolgenden „She’s The Woman“ (eh klar, Uraltsong) kann das Stirnband aber bereits wieder festgezogen, die Röhrenjeans zugeknöpft und kompromisslos Luftgitarre gespielt werden – das sind VAN HALEN, wie wir sie kennen und mögen.

Endgültig Jubelstürme löst dann spätestens „You And Your Blues“ aus, das Good Old Eddie mit einem Gitarrenlick einleitet, das nur von ihm stammen kann. Dazu singt sich Roth wieder in höchste Sphären, die Backing Vocals garantieren zudem wunderschöne Ohrwurmqualität. In dieser Art schreiten auch die nächsten Songs wie „China Town“, „Blood And Fire“ oder „As Is“ voran, wobei relativ schnell klar ist, dass die Gitarrenkünste von Eddie Van Halen (wieder einmal) wichtiger sind, als die Songs in ihrer jeweiligen Gesamtheit. Das macht aber gar nix, denn „Outta Space“ oder das unaufgeregt bluesige „Stay Frosty“ reichen locker an die VAN HALEN-Qualität der frühen 1980er Jahre heran und brauchen sich vor Götteralben wie „Fair Warning“ oder „Women And Children First“ nicht wirklich verstecken.

Natürlich ist aber nicht alles Gold was glänzt, denn neben dem stinklangweiligen „Tattoo“ haben VAN HALEN mit „Honeybabysweetiedoll“ (wer in drei Teufels Namen nennt einen Song derart debil?) und „The Trouble With Never“ noch zwei weitere Tracks, die sie sich getrost hätten sparen können. Manchmal wäre etwas weniger halt doch mehr. Doch genug der Kritik – „A Different Kind Of Truth“ ist ein bombastisches Lebenszeichen einer längst tot geglaubten Legende. Man höre nur die fingerbrechenden Solos auf „Big River“ oder das fetzige „Beats Workin‘“, das vor knapp 40 Jahren sämtliche Charts aufgewirbelt hätte. VAN HALEN haben mit ihrem Comebackalbum die Zeit angehalten und das ist verdammt noch mal gut so, denn wir wissen ja von BON JOVI oder AEROSMITH nur zu gut, dass eine Soundoptimierung nicht immer gut ist. Als ob VAN HALEN die letzten knapp 30 Jahre ausgeblendet hätten, rocken sie in allergeilster Old-School-Manier durch die Scheibe und machen damit erst recht Lust, auf eine hoffentlich bald folgende, ausgiebige Europatour. Ich ziehe meinen imaginären Hut – mit so einem Teil war nie und nimmer zu rechnen.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (13.02.2012)

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